Von der Leyen in Afghanistan: NATO-geführte Militärmission steht vor dem Scheitern

Von der Leyen in Afghanistan: NATO-geführte Militärmission steht vor dem Scheitern
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in Afghanistan, 22.12.2016.
Am Donnerstag besuchte die deutsche Verteidigungsministerin die Bundeswehr am Hindukusch. Die Sicherheitslage in Afghanistan ist schlechter denn je. Die Taliban haben einen Großteil ihrer verlorenen Macht wiedergewonnen.

Zum fünften Mal in nur drei Jahren besucht Ministerin Ursula von der Leyen Afghanistan. Beim traditionellen Weihnachtsbesuch landete von der Leyen am Donnerstagmorgen in Mazar-i-Scharif, wo die Bundeswehr stationiert ist. Dort unterhält das deutsche Militär eine Truppe von 800 Mann, die gegen die Taliban kämpft.

Bildquelle: Salih Yilmaz

Die Sicherheitslage in Afghanistan verschlechterte sich trotz internationaler Militärpräsenz, angeführt von den USA, in den letzten Jahren deutlich. Im November griffen die Aufständischen das deutsche Generalkonsulat in Mazar-i-Scharif an. Das Auswärtige Amt musste das Gebäude komplett aufgeben, nachdem bei dem Anschlag sechs Menschen starben und 128 verletzt wurden.

Im September räumte der leitende US-Kommandeur der NATO-Truppen in Afghanistan erstmalig ein, dass die Taliban an Macht im kriegsgeschüttelten Land gewonnen haben. Aus einem Bericht geht hervor, dass die Taliban „zehn Prozent der afghanischen Bevölkerung kontrollieren und weitere 20 Prozent umkämpft“. General John Nicholson bezeichnete es als „positive“ Entwicklung, dass die Taliban nur 30 Prozent der Bevölkerung Afghanistans kontrollieren oder umkämpfen.

Andere Experten mit Sitz in Afghanistan schätzen die Zahl deutlich höher ein. Sie nennen mit Blick auf die US-Aussagen den Umstand als betonenswert, dass die ruralen Gebiete nicht dicht besiedelt sind. Das führt zur Annahme, dass die Taliban faktisch bis zu der Hälfte des Landes kontrollieren könnten, während sich NATO-Truppen und die Regierung in Kabul in Ballungsräumen verschanzen.

Während General Nicholson die Präsenz der Taliban in den ländlichen Regionen des Landes herunterspielt, bemerkt der Analyst vom „Long War Journal“, Bill Roggio, dass sich die Taliban über diese Gebiete finanzieren und rekrutieren. „Von dort starten sie ihre Angriffe auf Stadtzentren“. Roggio fügte hinzu, dass die Terrorgruppe al-Kaida dieses Vakuum ausnutzt. „Sie operieren Trainingsbasen in den von den Taliban kontrollierten Räumen.“

Der Afghanistan-Experte erklärte, dass die Auslegung der USA für „Kontrolle“ fragwürdig ist. „Kontrolle bedeutet, dass die Regierung vielleicht das Zentrum des Distrikts oder der Provinz kontrolliert. Der Rest wird von den Taliban dominiert“, schreibt Roggio. Außerdem haben es die Taliban nicht immer darauf abgesehen, Gebiete zu halten. Es kommt immer wieder vor, dass „die Taliban ein Gebiet zwar einnehmen, ihre Fahne hissen und nach einigen Tagen wieder abziehen“.

Das „Long War Journal“ schätzt, dass die Taliban mindestens 22 Prozent aller Provinzen Afghanistans fest kontrollieren. Dazu zählen die Regionen Kunar, Nuristan, Paktia, Paktika, Khost, Logar, Wardak, Zabul, Ghazni, Nimruz und Kandahar. Die Zahl der „umstrittenen“ Gebiete dürfte noch höher liegen. Die Taliban kontrollieren heute mehr Gebiete, seit der Invasion der USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York.

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