Taliban drohen Trump: Rückzug oder USA riskieren "unheilbare Wunde" in Afghanistan

Taliban drohen Trump: Rückzug oder USA riskieren "unheilbare Wunde" in Afghanistan
Die radikal-islamischen Taliban haben eine Drohung an den künftigen US-Präsidenten Donald Trump gerichtet. Sie verlangen den Abzug aller noch im Land vorhandener US-Militärkräfte. Derzeit befinden sich dort noch 13.000 NATO-Soldaten und 26.000 Militärberater.

Die Taliban haben eine Botschaft an den designierten US-Präsidenten Donald J. Trump gerichtet, in der sie diesen dazu auffordern, die noch in Afghanistan verbliebenen US-Truppen abzuziehen. Widrigenfalls würden die Dschihadisten den USA eine "unheilbare Wunde" zufügen. Dies berichtet das US-Nachrichtenportal PJ Media.

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Es handelt sich um die bislang erste offizielle Stellungnahme einer von den USA aktiv bekämpften terroristischen Vereinigung zur Wahl des Multimilliardärs zum Präsidenten vor einem Monat. Die Taliban haben ihre Forderungen an den künftigen Commander-in-Chief der US-Armee auch bereits durch mehrere Anschläge untermauert, etwa auf das deutsche Konsulat in Mazar-e-Sharif. Bereits einen Tag nach der Wahl äußerte der Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid in Richtung Trumps:

Er soll alle US-Truppen aus Afghanistan abziehen, und anders als frühere US-Führer soll er weder irgendwelche weitere Schandtitel für sich und amerikanische Generäle anstreben noch das amerikanische Ansehen, die Wirtschaft und die Armee durch ein Engagement in diesem aussichtslosen Feldzug verschlechtern.

In einem Kommentar auf ihrer englischsprachigen Webseite prahlt die Terrororganisation, das "Islamische Emirat Afghanistans" sei "nach eineinhalb Jahrzehnten, ungeachtet der Grausamkeiten und der Invasion durch die Eindringlinge, immer noch unbesiegt".

In dem Text erklären sich die Taliban selbst zu einer Sammlungsbewegung, in der "alle wahren, gläubigen und friedliebenden Söhne Afghanistans" zusammengekommen seien, um "Unabhängigkeit für Afghanistan zu erlangen und ein für alle Afghanen inklusives islamisches System" in dem Land zu errichten. Zugleich warnen sie den künftigen Präsidenten:

Wir wollen den neu gewählten Präsidenten dazu auffordern, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Beendet diesen bedeutungslosen Krieg, indem ihr eure Truppen aus unserem geliebten Land zurückzieht. Der beste Ausweg ist es, eure Truppen aus Afghanistan zurückzuziehen. Das ist die Heimat der Afghanen. Überlasst sie den Afghanen und erlaubt nicht, dass dieser Krieg zu einer unheilbaren Wunde für euch wird.

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Seit die NATO am 28. Dezember 2014 das offizielle Ende ihres seit 2001 andauernden Kampfeinsatzes verkündet und die Verantwortung für die Sicherheit des Landes an die Regierung in Kabul übertragen hat, ist nur noch eine begrenzte Zahl an Militärs aus den USA und den NATO-Staaten im Land. Etwa 13.000 Soldaten und 26.000 Militärberater arbeiten seither auf der Basis einer bilateralen Vereinbarung mit den afghanischen Sicherheitskräften bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und bei der Terrorbekämpfung zusammen.

Im Rahmen dieser Kooperation unterstützen die USA auch die afghanische Luftwaffe bei Angriffen gegen terroristische Ziele oder führen solche selbst durch. Seit Jahresbeginn 2015 konnten die Einsatzkräfte dabei bis zu 2.400 Kämpfer ausschalten, allerdings starben im Zusammenhang mit den Operationen immer wieder auch Zivilisten. Offizielle Zahlen gehen dabei von 120 getöteten Nichtkombattanten aus, NGOs sprechen von deutlich mehr zivilen Opfern.

Der von den USA unterstützte Kampf der Regierung in Kabul gegen die Taliban und andere terroristische Vereinigungen ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Ende August 2016 kontrollierte die Regierung US-Angaben zufolge noch 63,4 Prozent des Landes und hat damit leicht an Einfluss eingebüßt. Die Taliban kontrollieren etwa ein Drittel des Territoriums, das entspricht etwa 70 Bezirken, und fallen regelmäßig in Gebiete wie Kunduz oder Ghazni ein. Darüber hinaus hat parallel zu einer Spaltung der Taliban während der letzten Monate des Jahres 2015 auch der "Islamische Staat" (IS) in dem Land Fuß fassen können. Der IS kontrolliert nach wie vor drei bis vier Bezirke des Landes.

Die Stimmungslage im Land selbst ist unübersichtlich. Umfragen oder Studien sind auf Grund der angespannten Sicherheitssituation, der Unzugänglichkeit vieler Gebiete und kultureller Barrieren - so ist es Forschungseinrichtungen in zahlreichen Gegenden nicht möglich, Frauen zu befragen – mit Unsicherheiten behaftet.

Eine Rückkehr der Taliban an die Macht ist in der Bevölkerung unerwünscht. Das ergab eine Umfrage von ACSOR, die im November 2014 unter 2.051 afghanischen Staatsangehörigen über 18 Jahre in allen 34 Provinzen durchgeführt wurde. Nur vier Prozent der Befragten würden die Taliban der derzeitigen Regierung in Kabul vorziehen, während 92 Prozent die gegenteilige Auffassung vertreten. Während nur 12 Prozent die USA für die Gewalt im Land verantwortlich machen, geben 53 Prozent den Taliban die Schuld daran.

Obwohl 53 Prozent gegen 44 im Zusammenhang mit den Wahlen, die vor zwei Jahren stattgefunden hatten, von Wahlbetrug ausgehen, unterstützen 87 der Befragten das Abkommen zur Aufteilung der Macht, das die beiden Stichwahlteilnehmer Aschraf Ghani und Abdullah Abdullah miteinander getroffen hatten. Immerhin 76 Prozent begrüßen den Ausgang der Wahl, während 24 Prozent dies verneinen. Die Mehrheit bejaht grundsätzlich ein System, das die Legitimation der Regierung durch Wahlen beinhaltet.

Der Anteil der Befragten, die der Auffassung sind, Afghanistan bewege sich in die richtige Richtung, sei von 48 Prozent im Jahr 2013 auf 61 Prozent im Jahr 2014 gestiegen, 73 Prozent (plus 12) beurteilten ihre persönlichen Lebensbedingungen als positiv.

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Andererseits ist der Umfrage zufolge auch die Toleranz hinsichtlich der Präsenz der Taliban und ausländischer bewaffneter Verbände gestiegen. So begrüßten 21 Prozent, dass sich die 2001 durch die US-geführte Invasion von der Macht vertriebenen Dschihadisten immer noch im Land befinden, was eine Verdoppelung des Wertes aus dem Jahr 2010 darstellt. Sogar 31 Prozent (plus 14) begrüßen die Präsenz ausländischer islamistischer Kämpfer.

Um die Gewalt im Land zu beenden, würde eine deutliche Mehrheit von 71 Prozent der Befragten eine Verhandlungslösung gegenüber einem weiteren militärischen Vorgehen gegen die Taliban vorziehen. Ganze 60 Prozent wollen die Taliban, sobald sie die Waffen niedergelegt haben, sogar in die nationale Sicherheitsstruktur integrieren. Allerdings lehnt es eine annähernd ebenso große Mehrheit ab, den Dschihadisten die komplette Kontrolle über ganze Provinzen zu überlassen. Insgesamt 65 Prozent wären bereit, im Austausch gegen einen Waffenstillstand mit den Taliban Abstriche bezüglich der Frauenrechte zu machen, die in Gesetz und Verfassung verankert sind.

Im US-Wahlkampf hat das Thema Afghanistan kaum eine Rolle gespielt. Donald J. Trump hat zwar massive Kritik an US-geführten Invasionen im Irak, in Libyen oder in Syrien geübt, den auf der Basis der NATO-Beistandsklausel 2001 begonnenen Einmarsch in Afghanistan hat er jedoch nicht in Frage gestellt. Mit einer Rückkehr der US-Truppen nach Afghanistan über das Sicherheitsabkommen mit Kabul hinaus ist nicht zu rechnen.

Allerdings hat Trump in einem ersten offiziellen Telefonat mit Präsident Ghani Anfang des Monats mehr Unterstützung für die Sicherheit Afghanistans zugesagt. Sollte Kabul zusätzlichen sicherheitspolitischen Beistand benötigen, werde seine Regierung nach Prüfung des Bedarfs diese Unterstützung auch leisten, machte Trump deutlich.

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