„Militärbasen der USA in Syrien sind ein Problem für alle“

„Militärbasen der USA in Syrien sind ein Problem für alle“
Bildquelle: YPG Leak
Ein US-amerikanischer Soldat ist am Donnerstag in Nordsyrien nach einem IS-Bombenanschlag auf der Seite von kurdischen Kämpfern getötet worden. Im Exklusiv-Interview mit RT Deutsch fürchten Journalisten und Analysten, dass die US-Militärpräsenz in Syrien zur Herausforderung für alle beteiligten Konfliktparteien und die Einheit der arabischen Republik wird.

Von Ali Özkök

Bildquelle: SANA

Der mutmaßliche Angehörige von US-amerikanischen Sondereinsatzkräften erlag am Donnerstag seinen Wunden. Zuvor griff die Terrormiliz „Islamischer Staat“ die Stadt Ain Issa nur 50 Kilometer nördlich von Rakka an. Der US-Soldat wurde schwer verwundet. Weitere Angaben über diesen Zwischenfall machten die Sicherheitsbehörden in Washington nicht.

Als Reaktion auf den Tod des Soldaten sagte US-Verteidigungsminister Ash Carter, dass der Tod „eine schmerzhafte Erinnerung an die Gefahren unserer Männer und Frauen in Uniformen ist, denen sie auf dieser Welt gegenüberstehen, um uns zu schützen“.

Der leitende Kommandeur der US-geführten Anti-IS-Koalition, Generalleutnant Stephen Townsend, nannte den gefallenen Soldaten einen „Helden“ und übermittelte der Familie sein Beileid.

„Die gesamte Anti-IS-Koalition sendet ihr Beileid an die Familie, Freunde und Kameraden des Helden“, sagte Townsend und rief auf:

„Bei diesem Thanksgiving seid bitte dankbar, dass unser Militärpersonal bereit ist, den Kampf aufzunehmen, um unsere Heimat vor der hasserfüllten und brutalen Ideologie des ‚Islamischen Staates‘ zu schützen.“

Spezialeinheiten und Militärberater aus den USA operieren trotz Einwände der Regierung in Damaskus auf syrischem Territorium. Das US-Militär errichtete seitdem mindestens eine Militärbasis in Nordsyrien. Dabei unterstützt die US-Präsenz angeblich nur die Anstrengungen der YPG-geführten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) zur Befreiung der inoffiziellen IS-Hauptstadt Rakka.

Wird die Regierung Obama ihre letzten zwei Monate im Amt noch nutzen, um gemeinsam mit ihren Verbündeten syrischen Rebellen moderne Waffensysteme zugänglich zu machen, ehe Nachfolger Donald J. Trump deren Unterstützung beenden könnte?

Der syrische Journalist Ahmet el-Chatib äußerte sich im Gespräch mit RT Deutsch kritisch über die möglichen Interessen der USA in Nordsyrien. Er sagte:

„Die USA bauen Militärbasen im Land, um sich in Syrien festzusetzen. Sie machen das, um allen Widersachern, also der al-Assad-Regierung, Russland und sogar der Türkei, taktisch und militärisch über die YPG drohen zu können. Gegenüber der Weltöffentlichkeit suggerieren die USA, ‚wir bekämpfen den Islamischen Staat‘, aber die Realität ist eine andere.“

Der syrische Analyst der Denkfabrik SETA in Ankara, Bilal Salamah, bestätigte gegenüber RT Deutsch:

„Dass die USA Militärbasen in Nordsyrien bauen, ist nichts Neues. Ende 2015 haben sie ihren ersten Luftwaffenstützpunkt in der nordostsyrischen Provinz Hasake gebaut. Das kann als Teil einer US-Syrienpolitik unter der Obama-Administration angesehen werden. Diese betrachtet die kurdische YPG am Boden als loyalen Alliierten im Kampf gegen den IS. Zur gleichen Zeit aber behält Washington im Kalkül, dass die YPG eine nützliche Karte ist, um die Türkei unter Druck zu setzen.“

Ahmet el-Chatib ging noch weiter und behauptete:

„Ich glaube, die USA wollen das YPG-gehaltene Gebiet langfristig kontrollieren und schließlich von Syrien abtrennen. Sie denken sich: ‚Dort gibt es genügend Ressourcen, also gib den Kurden einen eigenen Staat.‘ Aber es geht darüber hinaus. Die gesamte Region soll entlang ethnischer und konfessioneller Linien gespalten werden, also unter Alawiten/Schiiten, Sunniten und Kurden.“

Auf die Frage, warum die USA eine solche Strategie verfolgen sollten, sagte der Journalist:

„Auf diese Weise kann die Großmacht im Nahen Osten schalten und walten, wie sie es dünkt, ohne auf Machtblöcke zu stoßen, die Probleme bereiten.“

Der Chefredakteur des englischsprachigen Fachportals NOW NEWS aus dem Libanon, Albin Szakola, informierte RT Deutsch genauer über Militärpräsenzen der Vereinigten Staaten in Syrien. Er sagte:

„Wenn der Sondergesandte des US-Präsidenten für die Anti-IS-Koalition, Brett McGurk, Syrien besucht, dann landet er in der US-Militärbasis bei Rimelan in der Provinz Hasake. Es gibt auch viele Hinweise auf eine zweite Basis. Vermutlich wurde eine Basis im Südosten von Kobani eröffnet. Das kurdische Nachrichtenportal, das die Existenz einer US-Militärbasis in Rimelan leakte, spricht allerdings von einer weiteren Basis im YPG-Gebiet an der irakischen Grenze unweit der Stadt Reubarye.“

Die Basen würden dazu dienen, „um den Nachschub für Milizen und die Spezialeinheiten vor Ort zu organisieren“, ergänzte Szakola.

Was das für die al-Assad-Regierung in Damaskus langfristig bedeuten könnte, erklärte SETA-Analyst Bilal Salamah:

„Ich glaube nicht, dass die al-Assad-Regierung die Möglichkeit unter diesen Umständen erlangen wird, das YPG-Gebiet wieder zu kontrollieren.“

NOW NEWS-Chefredakteur Szakola sieht die US-Präsenz gelassener. Seiner Meinung nach erfüllen die US-Militärbasen in Syrien lediglich eine logistische Erfordernis im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“. Er sagte aber auch:

„Die YPG hofft, dass die USA ihre Arbeitsbeziehungen zu ihr aufwerten. Aber die Basen sind keine langfristigen Garantien.“

Es wird vermutet, dass mindestens 300 US-amerikanische Soldaten aus den Vereinigten Staaten kurdische YPG-Kämpfer ausbilden und der Front gegen den IS unterstützen. Im April dieses Jahr autorisierte der US-Präsident Barack Obama die Stationierung von Spezialeinheiten in Syrien.

Am 6. November starteten die Demokratischen Kräfte Syriens gemeinsam mit der US-geführten Anti-IS-Koalition die Operation „Zorn des Euphrats“. Die Operation ist eine „massive Militärkampagne zur Befreiung der Stadt und der umliegenden Region vom IS“. Der Vorstoß auf Rakka soll mit 30,000 SDF-Einheiten durchgeführt werden.

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