Der ewige Vigilanti – Henry Kissinger im Interview mit „The Atlantic“ über die Zukunft mit Trump

Der ewige Vigilanti – Henry Kissinger im Interview mit „The Atlantic“ über die Zukunft mit Trump
Der ehemalige US-amerikanische Außenminister Henry Kissinger, Berlin, Deutschland, 17. September 2015.
Für die einen ist er der letzte verbliebene Elder Statesman von internationalem Format, für die anderen ein Kriegsverbrecher und die Personifizierung von allem US-amerikanischen Übel schlechthin. In "The Atlantic" meldet sich Henry Kissinger nun erneut zu Wort.

Laut Wikipedia versteht man unter Vigilantismus folgendes: Die gewaltsame Durchsetzung, Verhinderung oder Sanktionierung von unerwünschtem Verhalten anderer durch nicht-staatliche Akteure. Mit anderen Worten: Selbstjustiz. Diese kann von Bürgerwehren ausgehen, die „Das Recht in die eigenen Hände“ nehmen, oder von einem wildgewordenen Mob, der einen vermeintlichen Ganoven am nächsten Baum aufknüpft.

Doch man kann diese Definition im Prinzip um einen Aspekt erweitern und anstatt von nicht-staatliche von staatlichen Akteuren sprechen -  statt Recht das Völkerrecht ins Blickfeld nehmen. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant schreibt in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ 1795, die Völkerrechtler, das seien „lauter leidige Tröster.“ Sie redeten viel über den Frieden, ohne je einen Krieg verhindert zu haben. Henry Kissinger muss früh mit Immanuel Kant in Berührung gekommen sein.

In einem ausführlichen Interview in „The Atlantic“, das über verschiedene Zeiträume geführt wurde, erläutert der mittlerweile 93-jährige seine Sicht auf das Weltgeschehen. Angefangen über den Sieg Trumps bei den Präsidentschaftswahlen, über die Außenpolitik Obamas, das Verhältnis zu China und natürlich zu seiner eigenen Vergangenheit, als US-amerikanischer Außenpolitiker in den Jahren 1969 und 1977.

Henry Kissinger wurde im Jahr 1972 in einem Interview von der italienischen Journalistin Oriana Fallaci einmal gefragt, wie er sich charakterisieren würde. Er antwortete:

Amerikaner mögen den Cowboy, der alleine in die Stadt, in das Dorf, einreitet, nur mit seinem Pferd und sonst nichts. Dieser erstaunliche, romantische Charakter passt genau zu mir, denn allein zu sein, war schon immer Teil meines Stils, oder meiner Technik, wenn sie mögen.

In seinem Interview in „The Atlantic“, 44 Jahre später, bleibt Henry Kissinger seiner Selbsteinschätzung treu. Denn von dem „lonesome Cowboy“, der nur seine eigenen Regeln und Werte anerkennt, bis zum Weltscheriff USA, der nach eigenem Gutdünken für „Recht und Ordnung“ in der Welt sorgt, ist es nur ein halber Trippelschritt.

In dem Interview, das passenderweise auch noch mit „The Lessons of Henry Kissinger“, betitelt ist, beschäftigt sich Kissinger zu Beginn mit dem Wahlsieg von Donald Trump. Er habe gedacht, „Hillary würde gewinnen“, lässt der den Interviewer Jeffrey Goldberg gleich zu Anfang wissen. Um dann fortzufahren, dass es „offensichtlich eine große Lücke zwischen dem amerikanischen Volk und den Eliten gibt, was die Ausrichtung der US-amerikanische Außenpolitik betrifft.“ Aber der neue Präsident könne „diese Lücke schließen.“

"Wir müssen ihm [Trump] die Möglichkeit geben, seine Philosophie zu entwickeln“, sagt Kissinger im Hinblick auf die Kontroversen um den neuen Präsidenten. Angesprochen auf die möglichen Reaktionen anderer Staaten, sieht Kissinger Trump nicht als einen Verteidiger von Putin. Trump sei nur in eine „bestimmte Rhetorik verfallen, da Putin, aus taktischen Gründen, einige nette Worte über ihn [Trump] gesagt habe."

Er glaube nicht, dass die Beziehungen zwischen Trump und Putin „vorgebacken“ seien. Er gehe davon aus, dass Russland, wie auch alle anderen Staaten erst einmal abwarten werden. Wenn die Zeit für Entscheidungen gekommen sei, und alle ihre Optionen abgewogen haben, werde man sehen, was passiert. Wobei es sein könne, dass „nicht-staatliche Gruppen“, so z.B. Terroristen oder Rebellen, durch Provokationen eine schnellere Entwicklung und Reaktion erzwingen könnten.

Kissinger spricht in diesem Zusammenhang von der Ukraine und Syrien, wo „weder die USA, noch Russland alle Elemente kontrollieren würden.“ Eine Art Eingeständnis dafür, dass die USA gewisse Elemente kontrollieren. Generell geht Kissinger davon aus, dass jetzt alle in ein „fieberhaftes Studium“ verfallen, da niemand wisse, wie die Außenpolitik von Trump aussehe.

Die Tatsache, dass Trump gewonnen habe, macht Kissinger vor allem an „Attacken von Intellektuellen und akademischen Kreisen an den Werten der Mittelamerikaner“ fest. Dies sei nicht der „einzige Grund“, aber ein „signifikanter.“ Bei diesen Fragen noch eher der Elder Statesman, ist Kissinger bei dem Thema Obama wieder näher bei sich und seinem Cowboy-Vorbild.

Angesprochen auf die Außenpolitik des scheidenden Präsidenten Obama, stellt Kissinger fest:

Eine andere Sicht von staatsmännischer Politik würde sich stärker darauf fokussieren, die Geschichte zu formen, statt ihr aus dem Weg zu gehen.

Die Außenpolitik von Obama sei „hauptsächlich reaktiv und passiv.“ Obama handle „kurzfristig“, es könne kein Argument sein, dass die USA wegen vermeintlicher Fehler in der Vergangenheit, heute mit Inaktivität reagierten. Laut Kissinger stellten die anderen Staaten mehr die Erfüllung von Erwartungen an die USA in den Vordergrund, als vergangenes umschreiben zu wollen. Sich zurückzuziehen machen „die Dinge nur schlimmer.“

Der neue Präsident Trump müsse sich stattdessen fragen: "Was versuchen wir zu erreichen, selbst wenn wir es alleine versuchen?“ und „Was versuchen wir zu verhindern, selbst wenn wir es alleine bekämpfen müssen?"

Die Welt sei im Chaos. Es gelte zwei Probleme zu lösen: „Erstens, wie man regionales Chaos reduziert, und zweitens, wie man eine schlüssige Weltordnung schafft, die auf einvernehmlichen Prinzipien beruht, die für das Funktionieren des ganzen Systems nötig sind.“ Die fundamentale strategische Frage sei „Was ist es, was wir nicht erlauben werden, ganz gleich wie es passiert, ganz gleich wie legitim es erscheint?“

Im Hinblick auf Asien und Europa könne nicht zugelassen werden, dass „beide unter die Dominanz eines einzelnen feindseligen Landes fallen“, und weiter, „[…], es ist nicht in unserem Interesse, dass sie unter Dominanz geraten.“ Es braucht vermutlich nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welches „einzelne feindselige Land“ Kissinger hier meint - Russland.

Ganz im Duktus des Kalten Kriegers sieht Kissinger auch eher in Hillary Clinton eine konsequente Fortführung der „traditionellen, über den Tellerrand schauenden, internationalistischen“ Außenpolitik der USA. Wenn sie gewonnen hätte, begrüßte die Welt eine „bekannte, traditionelle Figur.“  Die USA seien zu nachsichtig gewesen, was ehemals nationale Überzeugungen betrifft. Man müsse den Spirit der Nachkriegszeit wiederbeleben, als man „eine große Armee“ nach Europa geschickt habe. Und „viel Geld ausgab".

Auf seine eigene Vergangenheit angesprochen, verteidigt Henry Kissinger die völkerrechtswidrige Bombardierung Kambodschas auch heute noch. Gegen 1972 kam es im Zusammenhang mit dem Vietnam-Krieg zu flächendeckenden Bombenangriffen, bei denen nach konservativen Einschätzungen bis zu 600.000 Zivilisten in Kambodscha und 350.000 in Laos ums Leben kamen.

Die sei notwendig gewesen, da Nordvietnam Truppen in Kambodscha stationiert und von dort aus operiert habe. Kissinger vergleicht die Bombardements von damals mit den Drohnenangriffen von heute. „Die Obama-Administration hat systematisch ähnliche Bombardierungen aus ähnlichen Gründen vorgenommen, nur mit Drohnen, in Pakistan, Somalia, und im Jemen. Ich habe diese Bombardierungen unterstützt“, so Kissinger.

Der US-amerikanische Exzeptionalismus habe nach wie vor bestand, betont der 93-Jährige. Die USA sollten nicht aufhören, ihre Werte zu implementieren. Denn „Konstitutionalismus und Engagement für Menschenrechte gehörten zu den glorreichsten US-amerikanischen Errungenschaften. Man sei zwar mit „dem Glauben, dass man Vietnam und Irak Demokratie bringen könne“, zu weit gegangen, aber grundsätzlich seien die Bemühungen ein Ausdruck der Ausnahmestellung der USA.

Im letzten Teil des Gesprächs äußert sich Henry Kissinger zu den Beziehungen zwischen den USA und China. Auch hier stellt er Präsident Obama kein besonders gutes Zeugnis aus. Er habe zwar einiges kurzfristig verbessert – habe aber keine Bemühungen unternommen, um das Verhältnis langfristig zu entwickeln.

China durchlaufe epochale Veränderungen, die sie mittel- bis langfristig auf eine Höhe mit den USA führen würden. Einige chinesische Strategen fragten sich, „Wenn wir in der amerikanischen Position wären, würden wir nicht wenigstens darüber nachdenken, zu verhindern, dass ein anderes Land zu uns aufschließt?“ Das sei eine latente Quelle von Spannungen.

Auch gebe es einen Kulturunterschied zwischen den beiden Ländern. Die US-Amerikaner seien es gewohnt, dass der normale Zustand der Welt ein friedlicher sei. Und das, wenn es ein Problem gibt, und jemand für dieses Problem verantwortlich ist, es genügt, diese Person zu bekämpfen, damit es wieder harmonisch zugeht.

Wohingegen die Chinesen nicht in permanenten Lösungen dachten. Eine Lösung sei für die Chinesen nur eine Eintrittskarte zum nächsten Problem. Dazu seien die Chinesen viel stärker in Trends interessiert. Sie fragten sich „Wohin gehst du? Wie denkst du, wird die Welt in 15 Jahren aussehen?“ Die Zusammenkünfte von US-amerikanischen und chinesischen Politikern würde eine gewisse Frustration bei den Chinesen hinterlassen.

Zwar seien die Gespräche konstruktiv und praktisch, doch die Chinesen wünschten sich eher philosophische Erörterungen. Im Sinne, „Wenn wir du wären, dann würden wir unseren Aufstieg unterdrücken. Wollt ihr unseren Aufstieg unterdrücken? Und wenn nicht, wie wird die Welt aussehen, wenn wir beide so stark werden, wie wir annehmen?“

Doch trotz der Spannungen und Unterschiede, geht Henry Kissinger nicht von einer militärischen Konfrontation mit dem Riesenreich im Osten aus. Denn das Resultat einer solchen Konfrontation könne nur „verheerend“ sein. Die USA und China müssten sich bemühen zu einer Verständigung zu kommen, die der Natur ihrer Co-Evolution gerecht werde.

So zeichnet die neueste Wortmeldung von Henry Kissinger im „The Atlantic“ das Porträt eines erfahrenen Politikers, der zwar die Herausforderungen der Zukunft erkannt hat, aber sie zum Teil immer noch mit den rostigen Werkzeugen des Kalten Krieges angehen möchte. Die Äußerungen über Europa, den Nahen Osten und Asien lassen keinen Zweifel daran, dass es in der US-amerikanischen Außenpolitik nach wie vor um eine unipolare Weltsicht geht.

Die eher sanften, staatsmännischen Töne in Richtung China werden durch den unbeirrten Glauben an die US-amerikanische Exzeptionalismus relativiert. „The Lessons of Henry Kissinger“, um noch einmal den Titel des Interviews aufzunehmen, demonstriert einmal mehr, dass die USA nichts unversucht lassen werden, um ihre Hegemonie zu verteidigen.

Dazu passt, was Henry Kissinger 1975 während eines Treffens zu dem türkischen Außenminister Melih Esenbel in Ankara sagte: „Das Illegale machen wir sofort. Das Verfassungswidrige braucht etwas länger.“ Über manche Scherze kann man in diesen Zeiten nur noch schwer lachen.

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