Medien und Propaganda: "Der Westen rutscht in eine neue Form des Rassismus ab"

Fernsehtalk "Recht zu wissen" beim Russischen Sender TV Zentr mit Dmitri Kulikow als Moderator, Margarita Simonjan und vier weitere Journalisten, die am 15. Oktober in der Sendung zu Gast waren.
Fernsehtalk "Recht zu wissen" beim Russischen Sender TV Zentr mit Dmitri Kulikow als Moderator, Margarita Simonjan und vier weitere Journalisten, die am 15. Oktober in der Sendung zu Gast waren.
Margarita Simonjan spricht über den Medienkrieg um Russland. Im Fernsehtalk mit dem Politologen Dmitri Kulikow übt die RT-Chefredakteurin deutliche Kritik am Westen. Sie sieht sich und RT als tatsächlich den westlichen Werten verpflichtet.

Dmitri Kulikow, Mitglied des Sinowjew-Klubs von Rossija Segodnja und Moderator der Sendung "Recht zu wissen", sprach mit RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan über den Verrat des Westens an seinen eigenen Werten und die Faschisierung in den so genannten "liberalen Demokratien".

Die Resolution des Europaparlaments über den "Kampf gegen russische Propaganda" weckte in Form und Inhalt Erinnerungen an ein Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Welche Gefahren birgt diese Resolution?

Im schlimmsten Fall kann es in Ländern der EU zu restriktiven Maßnahmen kommen, die es diesen erlauben würden, dort, wo wir ausstrahlen, Lizenzen zu entziehen. Im besten Fall werden sie, wie sie es selbst sagen, journalistische Einheiten bilden, die unsere vermeintlichen Unwahrheiten entlarven sollen. Bis jetzt waren sie mit diesem Vorhaben erfolglos, weil wir keine Unwahrheiten verbreiten.

Ein Besucher macht ein Selfie vor Skulpturen von Leo Trotzki und Josef Stalin während einer Ausstellung in Moskau. Beide waren in der Führungsriege der Partei der Bolschewiki und Mitbegründer des Sowjetsystems.

Sie wollen eine informationstechnische Spezialeinheit schaffen?

Verstehen Sie, diese Welt befand sich jahrzehntelang in der vollständigen, unbegrenzten Gewalt lediglich eines einzigen informationellen Erzählparadigmas. Viele Jahre lang hat sich keiner dagegen aufgelehnt, hat sich keiner darum gekümmert, dem gegenüber etwas Eigenes aufzubauen. Russland war mit anderen Problemen beschäftigt, andere Länder haben auch nichts unternommen. Erst als der Westen entdeckte, dass auch andere Blickwinkel möglich sind, dass auch andere Länder ihre eigene Position behaupten können, hat man dort furchtbare Angst bekommen.

Ich finde das bedauerlich. Es hat sich herausgestellt, dass der Preis von Sonntagsreden über die Meinungsfreiheit und über die Medienfreiheit in Wirklichkeit zu niedrig ist.

Sobald eine reale Erscheinung von Meinungsfreiheit zum Vorschein kommt, die sich in tatsächlichem Andersdenken und abweichender Meinung äußert, beginnen sie, solche Resolutionen zu beschließen und versuchen, uns abzuwürgen.

Ich hoffe, dass sie zur Besinnung kommen und sie sich daran erinnern, welche Werte sie seit vielen Jahren postulieren, unter anderem, dass wir frei sind…

Das haben sie postuliert. Das ist eine feine Nuance. Im Laufe der letzten zehn Jahre ist das irgendwohin verschwunden. Schauen sie die westlichen Zeitungen oder irgendein anderes Medium noch von vor 10-15 Jahren an: Die Meinungsfreiheit ist der höchste Wert, die Vielfältigkeit der Meinungen, die Freiheit der Information – das waren stets die Schlüsselworte. Es wurde das Recht jedes Einzelnen auf freie Information festgeschrieben. Und all diese Parolen - ich kann sie nicht anders nennen - sind plötzlich auf einmal verschwunden.

Das ist wahr. Und diese Tendenz ist beängstigend, weil sich buchstäblich vor unseren Augen die sogenannte westliche Welt ihren eigenen Werten verweigert, Werten, die an sich gut sind. Sie rutscht in einen Zustand ab, in dem Ängste an die Stelle der Freiheit treten. Da treten die Hexenjagd, die Verschwörungstheorien, die wutschnaubende Suche nach Feinden an deren Stelle.

Radio Liberty schrieb etwa, dass Russia Today ein jüngst veröffentlichtes Leak früher als WikiLeaks selbst veröffentlicht hätte. Das ist völliger Unsinn, eine absolute Lüge. Wir haben das als erstes Medium veröffentlicht, weil wir permanent die Seite von WikiLeaks verfolgen. Unsere Mitarbeiter sitzen da, beobachten und sobald bei WikiLeaks etwas erscheint, publizieren wir das. Eigentlich eine normale, alltägliche journalistische Arbeit. Dadurch sind wir oft schneller als andere, aber das heißt doch nicht, dass wir selbst diese Information besitzen.

Wer hält Radio Liberty davon ab, das Gleiche zu tun?

Genau. Setzt doch einen Redakteur hin, der die Seite überwacht und Ihr werdet evtl. auch als Erste publizieren, sobald was rauskommt. Ist doch kein Problem. Aber sie haben daraus eine ganze Verschwörungstheorie gemacht, dass wir mit WikiLeaks verbunden sind. Das wird sofort über alle Medien weit und breit transportiert, das wird überall zitiert, unsere Dementi gibt keiner wieder und keiner fragt bei uns nach einem Kommentar nach.

Und auch Trump wird von Ihnen persönlich unterwiesen?

Na klar (lacht).

Wenn das ein Witz sein soll, dann aber mit einem Körnchen Wahrheit. Es heißt doch, der Draht zu Trump läuft über Ihren Kanal.

Nicht nur, zudem füttern wir ihn mit psychotropen Stoffen, damit er das sagt, was er sagt. Und das findet bei mir in der Küche statt, persönlich.

Na gut, jetzt im Ernst: Ich möchte hier etwas zitieren. Denn, liebe Kollegen, auch wenn ich dachte, dass es schwer ist, dafür zu sorgen, dass ich verwundert bin, bin ich es an dieser Stelle doch. Also es stellt sich offenbar heraus, dass das, womit sich Margarita und die Medien beschäftigen, für die sie arbeitet, folgende Ziele umfasst: Angriffe auf westliche Werte, Spaltung Europas, Einflussnahme im Inneren und die Herbeiführung des Eindrucks, dass die Länder der östlichen Partnerschaft gescheiterte Staaten sind.

Die Chefredakteurin des Senders RT (Russia Today) Margarita Simonjan und der Generaldirektor der internationalen Informationsagentur "Rossija Segonja" (Russland Heute), Dmitri Kiseljow, auf der RT-Tagung "Information, Politik, Medien: Die Formierung einer neuen Weltordnung" am 10.12.2015.
Die Chefredakteurin des Senders RT (Russia Today) Margarita Simonjan und der Generaldirektor der internationalen Informationsagentur "Rossija Segonja" (Russland Heute), Dmitri Kiseljow, auf der RT-Tagung "Information, Politik, Medien: Die Formierung einer neuen Weltordnung" am 10.12.2015.

Es gibt keine größeren Angriffe auf westliche Werte als die Verabschiedung solcher Resolutionen selbst. So etwas ist selbst schon der schlimmste Vorstoß gegen die westlichen Werte. Weil westliche Werte, so wie wir sie über die Jahre kennengelernt haben, vorsehen, dass es einem erlaubt ist, anders zu denken, dass du etwas Anderes darstellen und erzählen darfst.

Wir sagen doch keine Unwahrheit. Hätten wir Unwahrheiten verbreitet, hätten wir schon längst schließen müssen, wir wären mit gerichtlichen Klagen überhäuft worden. Wir zeigen einfach nur etwas Anderes und nicht einmal das können sie ertragen. Eben das ist traurig: Wenn du die andere Seite des Lebens, die andere Wahrheit zeigst, rasten sie aus. Und es ist nicht nur, dass der so genannte Westen dahin abrutscht. Unter allgemeiner Zustimmung rutschen sie zudem in eine neue Form des Rassismus. Ich kenne keine andere Nation in der Welt, gegen welche in diesem Ausmaß Hass nach nationalen Merkmalen erlaubt wird, wie die russische.

Normalerweise benutzten wir ein milderes Wort: Russophobie; aber hier geht es in der Tat um Rassismus.

Natürlich ist das Rassismus. Würde man in vielen Artikeln über Russen das Wort "Russe" durch "Jude" oder "Schwarzafrikaner" ersetzen, würde es einen weltweiten Skandal geben. Da ist es doch offensichtlich, dass das nicht geht. Wenn man das Gleiche aber über Russen schreibt, ist das alles okay. Und sie können und wollen das nicht hinterfragen, dass dies doch Rassismus ist. Wo führt das hin, worauf läuft das noch hinaus?

Und das vor dem Hintergrund ständiger Behauptungen über eine vermeintliche amerikanische Auserwähltheit, wie sie auch in den jüngsten Aussagen Hillary Clintons wieder anklingen. Das ist wie die Kirsche auf der Torte.

Wissen Sie, wonach das aussieht? Das hatten wir alles schon einmal und das hatte ein jähes Ende in der Welt, ich meine damit den Faschismus.

Sie sagen, es sieht danach aus. Wir suchen ständig ausweichende Formulierungen. Vielleicht war das auch nie wirklich weg: der Anspruch auf Welthegemonie, die wie ein Lorbeerkranz von den Franzosen zu den Deutschen, dann von den Deutschen zu den Amerikanern übertragen wurde. Der Anspruch auf Weltmachtgeltung muss auf etwas basieren. Natürlich basiert er auf einer Theorie der Überlegenheit. In der einen oder anderen Form.

Wissen Sie, wenigstens nach außen basierte diese amerikanissche Hegemonie früher doch auf dem Freiheitsgedanken, dass sie die Freiheit, besseres Leben, Demokratie – jedenfalls irgendwas Gutes in die Welt tragen. Jetzt wird alles immer mehr mit der Idee begründet, man sei auserwählt, deshalb mache man nur das, was einem für sich selbst als nützlich erscheint. Gerade das macht Angst.

Es ist sogar verständlich, wenn sie uns so behandeln. Sie haben uns doch zu den Gegnern, gar Feinden erklärt. Aber schauen Sie mal, was bei ihnen im Inneren stattfindet: Ich dachte nicht, dass sie so offen alle Schleier von den Mechanismen abwerfen, die hinter den Medien stehen. Es wurde mehr als deutlich, dass von irgendwo ein Kommando gekommen sein muss und der ganze Mainstream für Hillary arbeitet. Wie bei uns in den 1990er Jahren während der Wahlkampagne [gemeint ist vor allem der Wahlkampf des Präsidenten Boris Jelzins für eine zweite Amtszeit im Jahre 1996; d. Red.].

Das ist in der Tat 1:1 vergleichbar mit unserer Situation damals. Ausnahmslos alle bis auf die progressivsten und liberalsten Medien, die eigentlich den Wert einer anderen Perspektive, eines anderen Blickpunktes schätzen sollten, alle agieren sie in einem Chor und wollen Trump buchstäblich vernichten. Trump hat es sicherlich sehr bedauert, ohne eigene Medien in den Wahlkampf eingetreten zu sein. Erstaunlich. Ich habe es früher nicht erlebt, dass so etwas so unverhüllt, so zügellos und von allen Seiten passiert.

Aber das schreckt niemanden ab, keiner sagt: Schaut, was macht Ihr, Ihr vernichtet die eigenen Prinzipien, auf denen das ganze Gemeinwesen gegründet ist?! Alles wird ignoriert, die Veröffentlichungen von WikiLeaks werden vom Mainstream nicht einmal zur Kenntnis genommen. Es ist doch lächerlich: Bei Trump wird jedes Wort im Mund umgedreht. Ihm kann ein Satz die Präsidentschaft kosten, ein paar Worte, die er in einem Männergespräch mit einem Moderator, dem Neffen Bushs, über Frauen abgesondert hat. Geht es in einer Demokratie darum?!

Und dabei geht es in dem ganzen Streit lediglich um eine Frau, die sich erst nach 30 Jahren daran erinnert haben wollte, dass Trump sie irgendwo mal angemacht haben soll. Auf der anderen Seite geht es darum, dass Katar der Clinton Foundation eine Million Dollar zum Bestandsjubiläum geschenkt haben soll und vieles mehr, nicht nur das. Aber tatsächlich sind Gerüchte wichtiger.

Und das ist eben besonders bedauerlich, dass das Schicksal des mächtigsten Landes in der Welt nicht durch Diskussionen über Politik und darüber, wie man diese oder jene Probleme lösen will, entschieden wird, sondern einfach nur durch Klatsch und Tratsch. Im übertragenen Sinne entscheidet die Hüftenbreite einer Kim Kardashian über das Schicksal der USA und der Welt.