Westpolitiker zu Syrien - Mit Scheinheiligkeit durchwobene Lügen

Westpolitiker zu Syrien - Mit Scheinheiligkeit durchwobene Lügen
Seit zwei Wochen beschuldigt US-Außenminister Kerry bar jedweder Schamesröte angesichts eigener Untaten Russland, in Syrien Kriegsverbrechen zu begehen. Nun brachte ein kritischer US-Journalist seinen Sprecher mit kritischen Nachfragen ins Taumeln.

Von Rainer Rupp

Es war EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, dem wir das öffentliche Bekenntnis verdanken, in dem es heißt: "Wenn es schwierig wird, muss man lügen." Ohne in diesem Fall das berühmte Kreter-Paradoxon bemühen zu müssen – denn Juncker ist kein Epimenides -, können wir uns spätestens seit diesem Zeitpunkt in der Ansicht bestätigt fühlen, dass die Lüge in diesen Tagen das wichtigste Instrument westlicher Politiker ist.

Kein Grund zur Kritik an Junckers Amtsführung - sagt Juncker.

Und weil die Lage in Syrien für den Westen derzeit besonders schwierig ist, wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Das geschieht nach dem Motto: Putin und Assad sind unmenschlich böse, während den Amerikanern und ihren Verbündeten – demokratische Leuchttürme wie Saudi-Arabien, Katar und die Türkei miteingeschlossen – nur das Wohl der Zivilisten am Herzen liegt. Dies gelte sowohl in Aleppo, wo man nicht die Terroristen, die dort die Bevölkerung als Geisel nehmen, sondern die Antiterrorkämpfer für getötete und verletzte Zivilisten verantwortlich macht; sei es, wenn sie selbst für Demokratie und Menschenrechte dicht bewohnte Städte bombardieren, wie z. B. aktuell im Jemen.

"Warum unterstützt Russland Assad, der Zivilisten tötet?", lautet die oft gestellte, heuchlerische Frage in westlichen Mainstream-Medien (MSM). Die grellen Widersprüche im Zusammenhang mit dieser Frage werden im Vertrauen auf das kurze Gedächtnis der Leser auf bequeme Weise ignoriert.

Vielleicht sollte man die MSM-Konzernmedienschreiberlinge bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass US-amerikanische Bomben seit 1980 auf mindestens zehn muslimische Ländern gefallen sind. Um es kurz zusammenzufassen und in Erinnerung zu rufen: Wir reden von Libyen (1981, 1986, 1989, 2011), Libanon (1983), Kuwait (1991), Irak (1991-2011, 2014-?), Somalia (1992-1993, 2007-?), Afghanistan (1998, 2001-?), Sudan (1998), Jemen (2000, 2002-?), Pakistan (2004-) und jetzt Syrien.

Sein

Manche Länder wurden dabei über viele Jahre, andere in Abständen, aber wiederholt bombardiert. Dabei wurde natürlich niemand aus der Zivilbevölkerung getötet. Nie! Und wenn doch mal Zivilisten "zu Schaden" kamen, dann waren das stets Versehen, nur unglückliche Unfälle – immer und ausnahmslos. Und außerdem hatten diese Zivilisten dort, wo die US-Bomben gefallen oder die Raketen der Drohnen eingeschlagen sind, ja auch nichts zu suchen. Wenn sie dennoch da waren, führten sie sicher Böses im Schild, auch wenn sie sich zufällig auf einer Hochzeitsfeier oder Beerdigung befanden. US-Bomben treffen keine unschuldigen Zivilisten, und schließlich können auch Kinder von den Terroristen als Melder eingesetzt werden.

Derzeit begeht der US-Verbündete Saudi-Arabien im Jemen abscheuliche Verbrechen an Zivilisten, die ohne direkte US-Waffenhilfe, US-Aufklärung und US-Zielkoordination gar nicht möglich wären. Das macht die mit Scheinheiligkeit durchwobenen Lügen von US-Außenminister Kerry und seinen Kofferträgern besonders unerträglich. Zwecks Frustrationsabbau sei daher dem geneigten Leser empfohlen, sich ein kurzes Video von der Pressekonferenz des US-Außenministeriums vom Dienstag, dem 12. Oktober 2016 anzusehen. Darin hinterfragt der AP-Korrespondent Matt Lee die Bigotterie hinter Kerrys Beschuldigungen gegen Moskau.

Der diplomatische Korrespondent von AP wollte wissen, warum die USA die russischen Bombenangriffe in Syrien verurteilen, während sie selbst die saudischen Angriffe auf Städte im Jemen unterstützen, bei denen absichtlich zivile Infrastruktur zerstört wird und bereits Tausende von Zivilisten getötet worden sind. Damit brachte Lee den Regierungssprecher Sprecher John Kirby arg in Bedrängnis.

Matt Lee fragte:

Übers Wochenende gab es von der Saudi-geführten Koalition dort [im Jemen] diesen Luftangriff auf eine Beerdigung. Ich wundere mich nur, welchen Unterschied die US-Regierung zwischen dieser Sache und dem macht, was Sie den Russen, Syrern und Iraner in Syrien vorwerfen, besonders in Aleppo?

Sprecher Kirby rang sichtlich um eine Antwort. Schließlich stotterte er, dass es wohl einen Unterschied gäbe, weil die Russen und Syrer absichtlich Zivilisten ins Visier zu nehmen würden. Das saudische Königreich habe dagegen eine Untersuchung des Bombenangriffs auf die Trauerhalle im Jemen angekündigt, bei dem mehr als 140 Trauergäste getötet und hunderte weitere verletzt wurden.

Von den syrischen oder russischen Regierungen würde nichts dergleichen durchgeführt, so Kirby. Das ist natürlich einmal mehr eine frech in die Kameras hineingelogene Unwahrheit, denn Russland hat z. B. nachdrücklich eine internationale Untersuchung der Bombardierung des UN-Hilfskonvois am 19. September in der Nähe von Aleppo gefordert, die vonseiten Washingtons zur Begründung für die Aussetzung der Verhandlungen mit Moskau vorgeschoben wurde.

Aber Matt Lee ließ nicht los und grillte Kirby weiter: Eine "wachsende Zahl von Zivilisten im Jemen" sei in ständiger Gefahr, "mit Waffen getötet zu werden, welche die Vereinigten Staaten an die Saudis und deren Koalitionspartner (Katar, UAE, usw.) geliefert haben. Aber das scheint Sie ja nicht zu stören, im Unterschied zu vielen anderen Leuten, einschließlich Leuten im [US-]Kongress".

Kirby versuchte sich daraufhin mit dem Argument herauszureden, nämlich, dass man die Lage in Syrien nicht mit der im Jemen vergleichen könne. Das begründet er wie folgt:

Die saudisch geführte Koalition wurde von der jemenitischen Regierung eingeladen. Jetzt weiß ich, dass Sie einwenden werden, auch die Russen wurden von Assad eingeladen. Aber die Saudis werden durch diesen Krieg auf ihrer Seite der Grenze bedroht", so die umwerfende Logik des Sprechers des US-Außenministeriums.