Ein endloser Krieg: Dinge, die Sie 15 Jahre nach der Afghanistaninvasion wissen müssen

Teuer, verlustreich, ergebnisarm: Der vermeintlich schnelle Erfolg des US-Krieges gegen die Taliban erwies sich langfristig als Pyrrhussieg. 
Bild: US Soldaten in der Provinz Kandahar
Teuer, verlustreich, ergebnisarm: Der vermeintlich schnelle Erfolg des US-Krieges gegen die Taliban erwies sich langfristig als Pyrrhussieg. Bild: US Soldaten in der Provinz Kandahar
Eine US-geführte Koalition hat am 7. Oktober 2001 Afghanistan angegriffen, weniger als einen Monat nach den 9/11-Terrorattacken. Was zunächst wie ein schneller Sieg über die Taliban aussah, entwickelte sich zu einem endlosen, blutigen Guerillakrieg.

Schon wenige Tage nach den Terroranschlägen von New York und Washington warfen der damalige US-Präsident George W. Bush und dessen Regierung Osama Bin Ladens Terrornetzwerk al-Kaida das Kapern jener Flugzeuge vor, welche anschließend in das World Trade Center und das Pentagon gelenkt wurden.

Das Weiße Haus glaubte, dass sich Bin Laden in Afghanistan aufhielt und forderte von den damals in Kabul regierenden Taliban dessen Auslieferung. Der Talibanführer Mullah Omar verlangte Beweise. Was er bekam, war Krieg.

US-Präsident Barack Obama verlängert den seit 9/11 geltenden Ausnahmezustand.

Mithilfe der Kampfjets und Truppen des US-geführten Bündnisses im "Krieg gegen den Terror" gelang es Warlords aus der "Nordallianz", die Taliban aus den Großstädten zu vertreiben und bis Mitte November die Hauptstadt Kabul zu erobern. Die USA setzten eine Übergangsregierung ein, die der Unternehmer und mutmaßliche CIA-Vertrauensmann Hamid Karzai führte. NATO-Verbündete verliehen dem Vorgehen der USA zusätzliche Legitimität, indem sie Truppen zum "Wiederaufbau" nach Afghanistan schickten.

Zu Beginn trug die US-Operation den Namen "Infinite Justice", zu Deutsch "Unendliche Gerechtigkeit". Wenig später benannte man sie um in "Enduring Freedom", deutsch "Dauerhafte Freiheit", aus der Angst heraus, dass der ursprüngliche Titel die religiösen Gefühle der Afghanen verletzen könnte. Der zweite Name sollte sich zumindest bezüglich des Elements der Dauerhaftigkeit als treffend erweisen: Tatsächlich ist es den USA und ihren Verbündeten bis heute nicht gelungen, sich vollständig aus Afghanistan zurückzuziehen.

Wie die Dinge liegen

Während es George W. Bush war, der den Krieg in Afghanistan begann, war es sein Nachfolger Barack Obama, der erst hinter einer "Truppenerhöhung" nach Vorbild des Irak stand und anschließend den Krieg beenden sollte. Heute, 15 Jahre nach der Invasion, gibt es weniger als 9000 US-Soldaten in Afghanistan - im Vergleich dazu betrug deren Maximalanzahl im Jahre 2011 noch 100.000 Personen.

Das verbliebene US-Militärpersonal ist Teil der "Operation Freedom Sentinel" und das Pentagon besteht darauf, dass die US-Soldaten nur dort seien, um gegenüber dem afghanischem Militär "zu helfen und zu beraten"; nicht, um die Taliban oder den Islamischen Staat (IS) zu bekämpfen, der auch am Hindukusch Morgenluft wittert.

Jedoch ist erst gerade in dieser Woche Staff Sergeant - entspricht bei der deutschen Bundeswehr dem Hauptfeldwebel - Adam S. Thomas, 31, in der Nangarhar Provinz durch einen Bombenanschlag getötet worden. Er ist bereits der dritte US-Soldat, der in diesem Jahr in Afghanistan ums Leben gekommen ist.

Seit 2002 haben die USA laut Reuters mehr als 60 Mrd. US-Dollar ausgegeben, um afghanische Sicherheitskräfte zu bewaffnen und zu trainieren. Am Donnerstag räumte man in Washington jedoch ein, dass eine Reihe von Soldaten, die eine Ausbildung von den USA erhalten hätten, desertiert wären. Seit das Programm im Januar 2015 begonnen hatte, sollen 44 Afghanen ohne Entlassung verschwunden sein, acht von ihnen alleine im September 2016, sagte der Sprecher des Pentagon, Adam Stump, gegenüber der Nachrichtenagentur.

Auch der Opiumanbau, welcher unter den Taliban strikt verboten war, ist seit Beginn des Krieges in die Höhe geschossen. Laut einem Bericht des UN-Büros für Drogen und Kriminalität (UNODC) wird der Gesamtumfang der Flächen für den Anbau des Rauschmittels auf mehr als 200.000 Hektar geschätzt. Die tatsächliche Zahl könnte sogar den Rekord von 2014 übertreffen, als 224.000 Hektar zum Anbau der Droge genutzt wurden.

"Die Vernichtungsrate ging gegen Null", berichtete UNODC-Direktor Juri Fedotow am letzten Donnerstag der internationalen Geberkonferenz in Wien.

Wie konnte es dazu kommen?

Obwohl die Invasion von 2001 den Sturz der Taliban erreichte, ist es den USA erst nach zehn Jahren gelungen, Osama Bin Laden – den mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge vom 11.September – zu fassen. Für einen Monat durchkämmten die US-Truppen vergebens die "schwarzen Höhlen" von Tora Bora an der Grenze zu Pakistan, wo sie das Versteck Bin Ladens vermuteten.

Trotz Bushs Wahlkampfversprechen, Missionen zur "Staatenbildung" zu beenden, fanden sich die amerikanischen und NATO-Soldaten schon bald in einem klassischen Kampf gegen Aufständische wieder, in welchem sie Patrouillen fuhren und versuchten, der permanent nicht greifbaren Untergrundkämpfer von Taliban und al-Kaida Herr zu werden.

Die US-Kommandeure in Afghanistan verlangten ständig nach mehr Truppen, jedoch waren fast die gesamten Kapazitäten Washingtons im Irak gebunden, wo es nach der Invasion im Jahre 2003 zu ähnlichen Ereignissen gekommen war - von einem vorläufigen schnellen Sieg hin zu dauerhaften Schwierigkeiten. Durch die Kombination einer Erhöhung der Truppenzahlen mit jener von Zahlungen an lokale Herrscher gelang es damals den USA, die meisten Aufständischen zu neutralisieren. Nach seiner Wahl implementierte Obama ein ähnliches Programm in Afghanistan.

Im Mai 2011 griff ein Navy-SEAL-Team auf einem Gelände in Abbottabad, Pakistan, zu und tötete den Angaben der US-Regierung zufolge Osama Bin Laden. Dieser Akt vollendete das eigentliche Kriegsziel, wenn auch zehn Jahre später. Mit der Nachricht von Bin Ladens Tod verkündete Obama den graduellen Abzug aus Afghanistan bis Ende des Jahres 2016. Die Kampfhandlungen wurden im Dezember 2014 offiziell für beendet erklärt.

Quelle: Ruptly

Jedoch hat jemand vergessen, das den Taliban zu sagen. Im Mai des Jahres 2015 tötete ein US-Drohnenangriff deren Anführer Mohammad Mansour in Pakistan.

Es wird Zeit für die Afghanen, das Kämpfen einzustellen und mit dem Aufbau einer echten Zukunft zu beginnen", sagte der amerikanische Außenminister John Kerry damals und drängte die Taliban, mit der afghanischen Regierung von Präsident Ashraf Ghani zu kooperieren. Der ehemalige Finanzminister in Karzais erstem Kabinett wurde 2014 in einer kontroversen Wahl gegen Abdullah Abdullah gewählt.

Stattdessen benannten die Taliban Mullah Haibatullah Akhundzada als ihren neuen Anführer und begannen eine neue Offensive. Im September 2015 nahm die Terrorgruppe die Stadt Kunduz ein, eine Großstadt im Norden in der Nähe der Grenze zu Tadschikistan. Sie wurden nach zwei Wochen intensiver Kämpfe wieder aus der Stadt vertreiben, im Zuge derer US-Kampfflugzeuge ein Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen zerstörten.

Ein Jahr später waren die Taliban jedoch wieder in Kunduz und hissten ihre Flagge auf dem Hauptplatz der Stadt.

Opfer des Krieges

Im Zuge der Kampfhandlungen zur Operation "Enduring Freedom" sind offiziellen Angaben zufolge mehr als 4000 Koalitionssoldaten und 15.000 Afghanische Sicherheitskräfte gefallen. Allein die USA verloren über die 4830 Tage hinweg 2356 Männer und mussten 19.950 Verwundete beklagen. Die Verluste der Taliban werden auf zwischen 25.000 und 40.000 geschätzt.

Seit Beginn der "Operation Freedom Sentinel" haben die USA 24 Soldaten verloren und 124 wurden verwundet. NATO-Verbündete verloren sieben weitere Soldaten.

Die Schätzungen über tote Zivilisten reichen von 31.000 (Watson Institut für Internationale Studien) bis 170.000 ("Body Count" der Ärzte für Soziale Verantwortung, Ärzte für globales Überleben International - Ärzte für die Verhinderung eines Atomkriegs).

Fünf Billionen US-Dollar mussten US-amerikanische Steuerzahler bis dato für die Kriege in Afghanistan und im Irak aufwenden, wenn man auch die Folgekosten miteinbezieht. Zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung der Brown-Universität Providence.

Zum Vergleich: Der sowjetisch-afghanische Krieg von 1979 bis 1989 hatte 14.000 gefallene sowjetische Soldaten zur Folge sowie 75.000 bis 90.000 Mudschaheddin. Die Zahl der zivilen Opfer belief sich auf zwischen 850.000 und zwei Millionen.

In Luft aufgelöst

Im Rahmen der Geberkonferenz diese Woche in Österreich haben die USA und die EU angekündigt, die afghanische Regierung mit 15 Mrd. US-Dollar in den nächsten vier Jahren unterstützen zu wollen.

Die Kosten des Krieges in Afghanistan wurden vom wissenschaftlichen Dienst des US-Kongresses (CRS) auf bislang 685,6 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die langfristigen Kosten könnten auf bis zu 6 Billionen steigen, wenn man "langfristige medizinische Versorgung und Behindertenrente für Soldaten, Veteranen und Familien, die militärische Wiederaufrüstung und soziale und wirtschaftliche Kosten" in die Rechnung miteinbezieht, laut eine Schätzung von Linda Bilmes, Harvard Kennedy School of Government, aus dem Jahre 2013.

Milliarden von Dollar, die für den "Wiederaufbau" Afghanistans gedacht waren, wurden für Flugzeuge ausgegeben, die als Schrott verkauft wurden, für 30 Millionen Dollar wurden auch Tankstellen und ein Drogenanbauüberwachungsflugzeug angeschafft, welches nie flog, dokumentiert ein Bericht des US-Spezialinspektor-Generals für den Wiederaufbau Afghanistans (SIGAR).

Allein bereits die Anti-Drogen Maßnahmen kosteten bis dato mehr als 8.4 Mrd. US-Dollar, und das, ohne irgendwelche Ergebnisse zu erzielen. Afghanistan produziert heute mehr als 90 Prozent des weltweit existierenden Heroins, und dies auch noch in größeren Mengen als vor 2001.

Vielleicht stellt es die größte Ironie des Krieges in Afghanistan dar, dass die USA dieselben Leute bekämpfen, die sie im Kalten Krieg noch unterstützt hatten. In den späten 1970er Jahren stellte sich Washington öffentlich auf die Seite der islamistischen Rebellen, um die Sowjetunion in eine "Vietnam-ähnliche Sackgasse" zu ziehen. Nach dem Rückzug der Sowjets im Jahre 1989 begannen diese Rebellen – die Mudschaheddin – damit, einander gegenseitig zu bekämpfen, wobei die Taliban als stärkste Gruppe aus dem Konflikt hervorgingen.