WikiLeaks feiert Zehnjähriges: "Warten Sie ab, bis wir mal Teenager sind"

Per Videostream in Berlin dabei: WikiLeaks-Herausgeber Julian Assange.
Per Videostream in Berlin dabei: WikiLeaks-Herausgeber Julian Assange.
Mit einer Veranstaltung in der Volksbühne Berlin feiert WikiLeaks seinen zehnten Geburtstag als Enthüllungsplattform. Deren Bilanz kann sich, ungeachtet der stärker werdenden Angriffe vonseiten der Mainstreampresse, sehen lassen.

Eine Medienwelt ohne WikiLeaks scheint heute kaum noch vorstellbar. In steter Regelmäßigkeit veröffentlicht das Team um den Australier Julian Assange klassifizierte Regierungsdokumente, Protokolle vertraulicher Meetings der Mächtigen, verfängliche E-Mails oder gar Teile der Freihandelsabkommen, deren Verhandlungsführer die Vertragswerke gerne geheim halten würden.

Im Oktober 2006, also vor genau zehn Jahren, registrierte Assange die Domain www.wikileaks.org. Bereits drei Jahre später konnten mehr als 1,2 Millionen Dokumente über die Seite abgerufen werden. Der große Durchbruch kam im Jahr 2010 mit der Veröffentlichung eines Videos, das zeigte, wie die Besatzung eines US-Kampfhubschraubers im Irak auf Zivilisten schoss, darunter auch Reporter der Nachrichtenagentur Reuters:

Ebenfalls große Wirkung hatten die Afghan War Diarys und die Iraq War Logs, Protokolle des US-Militärs, die einen direkten Blick auf die Grauen der Kriege in Afghanistan und dem Irak erlaubten - Feldzüge, die bis dahin medial vor allem als "saubere" Kriege dargestellt wurden.

Endgültig brachte WikiLeaks das US-Establishment durch die Veröffentlichung von über 250.000 Botschaftsdepeschen gegen sich auf. Neben dem Spiegel waren mit dem Guardian und der New York Times nun auch große Medienpartner an Bord, von denen WikiLeaks sich später allerdings wieder trennte. Heute arbeitet die Plattform nur noch mit ausgewählten Journalisten zusammen. In den Leaks waren vor allem despektierliche Aussagen von US-Beamten gegenüber ausländischen Diplomaten und Regierungsvertretern nachzulesen.

All diese Enthüllungen wurden von dem damaligen IT-Spezialisten Bradley Manning an WikiLeaks übergeben, der heute nach einer Geschlechtsanpassung als Chelsea Manning eine 35-jährige Haftstrafe für die Weitergabe klassifizierter Dokumente absitzen muss.

Mit den Guantanamo Files, die ein Jahr später von WikiLeaks der Öffentlichkeit übergeben wurden, konnten systematische Folter und zahlreiche Verletzungen der Genfer Konventionen in dem extralegalen Gefangenenlager nachgewiesen werden.

Ende 2011 und Anfang 2012 - also noch vor den Enthüllungen Edward Snowdens - folgten Veröffentlichungen über den staatlichen-privaten Geheimdienstkomplex der USA. Mit den The Spy Files und The Global Intelligence Files geriet die Überwachungsindustrie in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Insbesondere über das Unternehmen Stratfor, das unter Kennern auch als "private CIA" bezeichnet wird, konnten zahlreiche Dokumente aus dem Verborgenen geholt werden.

Unter mysteriösen Umständen gestörben und möglicherweise der DNC-Whistleblower: Seth Rich

Mit einer Seite gemein machte sich WikiLeaks dabei nie. Die Syria Files gaben im Jahr 2012 einen bisher unbekannten Einblick in die Machtstrukturen des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, auch über Russland hat WikiLeaks bereits mehr als 650.000 Dokumente öffentlich gemacht. Nichtsdestotrotz sieht sich Julian Assange besonders in jüngster Zeit heftigen Angriffen aus dem Clinton-Lager ausgesetzt, die den WikiLeaks-Herausgeber unter anderem genau wie Snowden versuchen, als "russischen Agenten" zu diskreditieren.

Eine leicht zu durchschauende Ablenkungsstrategie: Vor allem die aktuellen Enthüllungen durch WikiLeaks aus dem Inneren des Democratic National Committee (DNC) sorgen dort derweil für neuen Unmut. E-Mails belegen, dass die Verantwortlichen der Demokratischen Partei der USA gezielt darauf hinarbeiteten, Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidatin zu etablieren und ihren stärksten Konkurrenten Bernie Sanders zu schwächen. Im Zuge der Enthüllungen musste die DNC-Vorsitzende Debbie Wassermann-Schultz ihren Posten räumen.

Seit den DNC-Leaks tobt nun auch eine Art Krieg zwischen Clintons Anhängern und WikiLeaks, der sich auch zunehmend auf Clinton-freundliche Medien in Deutschland ausweitet. So klagte etwa der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo jüngst: "Julian Assange macht WikiLeaks zum Instrument für Donald Trump".

Ein Vorwurf, den Julian Assange im Spiegel-Interview streng zurückwies: WikiLeaks veröffentliche per se nur nach Kriterien der gesellschaftlichen oder ethischen Relevanz und lasse sich von laufenden Wahlkämpfen weder hinsichtlich einer Veröffentlichung von Dokumenten noch hinsichtlich einer Zurückhaltung derselben beeinflussen.

Doch ungeachtet dieser Klarstellungen nimmt der Propagandakrieg gegen WikiLeaks längst pathologische Ausmaße an. Teils wird in diesem Zusammenhang mit plumpen Lügen gearbeitet. So wurde jüngst etwa WikiLeaks zur Last gelegt, durch bisherige Veröffentlichungen Frauen in der Türkei zu gefährden oder auch Homosexuelle in Saudi-Arabien - und das, obwohl die angesprochenen Enthüllungen, die diese Folgen haben sollen, gar nicht von WikiLeaks stammten. Besonders die größte Stärke des Enthüllungsportals, die Nachvollziehbarkeit der Quellen für jedermann, gerät hier ins Fadenkreuz.

Zu den geplanten Freihandelsabkommen TTIP, TiSA, TPP und CETA hat WikiLeaks ebenfalls bereits zahlreiche Dokumente veröffentlicht. Ohne diese wäre der Öffentlichkeit heute nur wenig über den konkreten Verhandlungsstand oder den Inhalt der Abkommen bekannt.

Der Whistleblower Edward Snowden in der Berliner Volksbühne - zumindest per Videoschaltung.

Schließlich spielte das WikiLeaks-Netzwerk auch eine tragende Rolle bei Edward Snowdens spektakulärer Flucht nach Moskau. Dass der NSA-Whistleblower den US-Strafverfolgern entwischen konnte, schmerzt Washington sehr. Zu gerne hätten die Behörden Snowden, ähnlich wie Manning, für die kommenden Jahrzehnte in einem Gefängnis gesehen, um so auch andere Whistleblower abzuschrecken.

Bei der Jubiläumsfeier zum zehnten Geburtstag in Berlin wenden Julian Assange – bedingt durch sein Botschaftsasyl natürlich nur per Video zugeschaltet - und seine Mitarbeiterin Sarah Harrison viel Zeit dafür auf, allen gegen sie gerichteten Diskreditierungsversuchen und medialen Angriffen zu kontern.

Aber auch eine Ankündigung gab es: Bis zum 8. November, also dem Tag der US-Präsidentschaftswahlen, will WikiLeaks weitere brisante Dokumente über Hillary Clinton veröffentlichen. Der diesbezügliche Datenschatz scheint beachtlich zu sein: Zehn Wochen lang sollen die Veröffentlichungen andauern, jede Woche soll ein weiterer Teil des Paketes an die Öffentlichkeit gehen. Beobachter mutmaßen bereits jetzt, dass die Dokumente Einblick in die milliardenschwere Clinton-Stiftung geben werden, die immer wieder im Zusammenhang mit schwerer Korruption genannt wird.

Der Medienmainstream hat also bald wieder allerhand Grund zu mutmaßen: Arbeitet Assange für den Kreml? Lässt sich WikiLeaks von Trump instrumentalisieren? Vielleicht steckt aber auch ein ganz anderer Grund dahinter, dass die Enthüllungsplattform sich in jüngster Zeit zunehmend auf Clinton "eingeschossen" hat. Wie ein nun veröffentlichtes Protokoll zeigt, erwog Hillary Clinton bereits im Jahr 2010 in ihrer damaligen Funktion als Außenministerin, sich des unbequemen Whistleblowers Julian Assange mittels eines Drohnenangriffs zu entledigen:

Zuerst setzte angesichts dieses Vorschlages unter ihren Beratern Gelächter ein. Dieses verstummte jedoch, als klar wurde, dass es sich bei Einwurf nicht um einen Scherz handelte. Nach dem Wunsch der heutigen Präsidentschaftskandidatin sollte der Medienaktivist und WikiLeaks-Herausgeber tatsächlich als "weiches Ziel" eingeordnet werden.

Über entsprechenden Unmut seitens WikiLeaks sollte sich im Clinton-Lager alleine schon deshalb heute wirklich niemand wundern. Ein Jahrzehnt WikiLeaks? Für Assange kein Grund, in Rente zu gehen. Kämpferisch kündigt der Australier an: "Warten Sie ab, bis wir mal Teenager sind!"