Ursache für A321-Absturz über Sinai ist geklärt: Bombe im Gepäckraum

Bei einem mutmaßlich von IS-Terroristen verübten Anschlag am 31. Oktober 2015 über dem Sinai starben 224 russische Fluggäste. Seit dieser Zeit ruht der direkte Flugverkehr zwischen beiden Ländern.
Bei einem mutmaßlich von IS-Terroristen verübten Anschlag am 31. Oktober 2015 über dem Sinai starben 224 russische Fluggäste. Seit dieser Zeit ruht der direkte Flugverkehr zwischen beiden Ländern.
Die Untersuchungen zum Terrorakt gegen eine russische A321 über dem Sinai sind abgeschlossen. Ägypten hat seine Flughäfen seither moderner und sicherer gemacht. Russland bleibt hinsichtlich einer Wiederaufnahme des Flugverkehrs aber weiter skeptisch.

Die internationale Untersuchungskommission hat ihre Arbeiten zur Klärung der exakten Absturzursache des russischen Kogalymavia-Airbus A321 abgeschlossen. Dies berichtet die Zeitung "Kommersant". Die Maschine war am 31. Oktober des Vorjahres über der Sinai-Halbinsel abgestürzt. Bereits unmittelbar nach Bekanntwerden des Unglücks mehrten sich die Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund des Vorfalls. Nun steht fest: Terroristen hatten die selbstgebaute Bombe mit Zeitzünder, die damals 224 Menschenleben forderte, im Gepäckabteil deponiert, das sich im Heck des Flugzeugs befand.

Die gesammelten Wrackteile des abgestürzten Kogalymavia-Airbusses wurden in der Flugzeughalle des Flughafens Kairo zusammengelegt. Dies ermöglichte es den Experten aus Ägypten, Frankreich, den USA und dem Zwischenstaatlichen Luftfahrtkomitee, das die Russische Föderation vertreten durfte, festzustellen, wo genau die Bombe deponiert worden war.

Die Ermittler legten die erhalten gebliebenen Teile der Oberschale der Maschine auf dem Fußboden aus und erhielten auf diesem Wege eine ungefähre Abbildung des Airbusses. Sie hatten geplant, die verdächtigen Teile des Flugzeugrumpfes anschließend durch 3D-Grafiksoftware zu modellieren, was sich aber als nicht mehr erforderlich erwies. Bereits in der Anfangsphase der Untersuchung kristallisierte sich zweifelsfrei heraus, dass die Bombe im Heckteil des Flugzeugs explodiert war – hinter der letzten Reihe.

Die Terroristen hatten die Bombe jedoch nicht direkt hinter den Sitzplätzen deponiert, sondern zwei Meter tiefer im Frachtraum. Im fünf Kubikmeter großen Laderaum des russischen Airbusses war das Sondergepäck untergebracht, beispielsweise Kinderwagen, Rollstühle, Ski, Fahrräder, Tierkäfige und Geflechtmöbel, die Passagiere auf ihren Flügen von Ägypten nach Russland gerne als Souvenirs mitnehmen.

Als man die Wrackteile zusammenlegte, wurde auch das Schema der Tatbegehung hinsichtlich des Verbrechens deutlich. Höchstwahrscheinlich hatten die Terroristen im Vorfeld ihres Anschlags einen Mitarbeiter des Gepäckdiensts am Flughafen von Scharm asch-Schaich angeheuert. Der Service hatte die Reisekoffer und Taschen der Passagiere auf dem Flug nach Sankt Petersburg am 31. Oktober noch in den für den Flughafen typischen Metallbehältern verpackt, anschließend zum Flugzeug gefahren und in zwei Frachträumen des Airbusses A321 verteilt.

Das Sondergepäck transportierte der Gepäckdienst separat mit einem Shuttle zum Flugzeug. Die Komplizen der Terroristen haben anschließend offenbar das Gepäck durch die Luke  des Frachtraums verladen, darunter auch die Bombe. Möglicherweise war die Bombe jedoch auch bereits im Vorfeld im Laderaum deponiert worden, wo sie dann unter Kinderwagen und Möbelstücken versteckt blieb.

Ungefähr 22 Minuten nach dem Start, als das Flugzeug bereits mit der Geschwindigkeit von 750 Stundenkilometern in einer Höhe von 10,2 Kilometern über der Sinai-Halbinsel flog, wurde infolge des niedrigen Drucks der Zeitzünder ausgelöst und die Bombe explodierte. Dadurch entstand im linken unteren Teil des Flugzeugs ein Rissloch mit nach außen ragenden Rändern. Der Umriss des Loches lässt sich auf den Resten der Oberschale erkennen.

Der dadurch bewirkte Drucksturz und die starke Luftströmung verursachten in weiterer Folge den Oberschalenriss, sodass das Heck gleichsam abbrach. Dieses stürzte vom Flugzeugkörper getrennt in die Tiefe und blieb verhältnismäßig unbeschädigt. Durch den Abbruch des Heckteils verlor das Flugzeug das Höhensteuer und das Heckruder und stürzte ab. Die Experten meinen, dass die Insassen zum größten Teil infolge von Barotraumata noch in der Luft starben.

Die Terrormiliz IS bekannte sich wenig später zu dem Terroranschlag und erklärte, dass ein Kämpfer der zum IS gehörigen Vereinigung Wilayat Sinai den Anschlag verübt habe. Weitere Details teilten die Dschihadisten nicht mit. Dies weist darauf hin, dass sie beabsichtigen könnten, weitere Anschläge zu planen, die einem ähnlichen Tatplan folgen.

Quelle: Islamischer Staat

Die Arbeit russischer Sicherheitskräfte, die ihrerseits noch einmal gründlich die Wrackteile des Flugzeugs und das Gepäck untersuchten, ermöglichte das Auffinden der Sprengstoffspuren im Zusammenhang mit der Tat. Dies machte es den Luftfahrtexperten möglich, die exakten Umstände aufzuklären, unter denen der Anschlag verübt worden war.

Nach dem Absturz des russischen Airbusses stellte Moskau alle Flüge von Russland nach Ägypten ein. Der Luftverkehr mit Ägypten wurde bis heute noch nicht wieder aufgenommen. Ägyptischen Behörden melden, sie hätten seit dem Absturz die Sicherheitsmaßnahmen in drastischer Weise verschärft. Des weiteren wurden die Flughäfen Scharm asch-Schaich und Hurghada komplett umgestaltet.

Heute verfügen beide Flughäfen über neue Körperscanner, Überwachungskameras, Metallsuchgeräte und sogar Gasprüfer. Im Flughafen Kairo wurde zu Sicherheitszwecken ein separates Gebäude für russische Touristen gebaut.

Die Modernisierung der Flughäfen kostete mehr als 50 Millionen Dollar und soll nun doch noch im weiteren Verlaufe des Jahres eine Wiederaufnahme des Luftverkehrs zwischen beiden Ländern ermöglichen. Vor allem in der russischen und ägyptischen Tourismusbranche hofft man, dass eine solche schon zeitnah stattfinden kann. Es erscheint als denkbar, dass bereits im September oder Oktober 2016 wieder Flüge zwischen Ägypten und der Russischen Föderation stattfinden könnten.

Die Russische Föderation hält indessen nicht viel von einer übereilten Wiederaufnahme. Eine russische Kommission, die kürzlich die modernisierten ägyptischen Flughäfen besucht hatte, bleibt skeptisch hinsichtlich der Geschäftigkeit, mit der Ägypten eine schnelle Wiederinbetriebnahme des Luftverkehrs verfolgt.

Eine Quelle, die mit der Tätigkeit der Kommission vertraut ist, teilte der Zeitung "Kommersant" mit, dass die von Russland empfohlenen Maßnahmen zu 85 Prozent umgesetzt wurden, jedoch sei nach wie vor die Arbeit der Flughafenangestellten ein Stein des Anstoßes. Die Ägypter haben demnach die russische Kommission nicht davon überzeugen können, dass die Reisenden sowohl auf den Flughäfen als auch auf dem gesamten Territorium des Landes mit einem angemessen hohen Sicherheitsniveau rechnen können.