Daniil Granin - Schriftsteller und Verteidiger Leningrads: "Russland ergibt sich nicht"

Daniil Granin im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2016
Daniil Granin im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2016
Vor 75 Jahren begann die Blockade von Leningrad. Bis die Rote Armee sie nach 871 Tage endgültig durchbrechen konnte, starben rund eine Million Menschen. RT gedenkt dieses Verbrechens und der Aufklärungsarbeit des Schriftstellers Daniil Granin.

Bereits zweieinhalb Monaten nach dem Überfall auf die Sowjetunion standen die deutschen Truppen vor den südlichen Toren der zweitgrößten Stadt des Landes, der "Wiege der Revolution" und ehemals langjährigen Hauptstadt des Russischen Zarenreiches. Vom Norden her rückten auch finnische Verbündete der faschistischen Wehrmacht an, die im Rahmen des "Fortsetzungskrieges" Territorialverluste aus dem finnisch-sowjetischen Winterkrieg 1939/40 wettmachen wollten. Mit der Ostsee im Osten und dem Ladogasee im Westen war die Stadt damit auch auf Grund ihrer natürlichen Grenzen umzingelt. Mit dem Abwurf von 6.327 Brand- und 48 Sprengbomben am 8. September 1941 begann die wahrscheinlich grausamste Stadtbelagerung der Menschheitsgeschichte, die Blockade von Leningrad.

Durch das Bombardement wurden die Lagerhaus-Komplexe im Süden der Stadt vernichtet. Diese Maßnahme deutete bereits das später offenbar werdende Vorhaben der deutschen Führung an, die Stadt gar nicht militärisch einnehmen, sondern systematisch aushungern zu wollen. Erst langsam begriffen die Einwohner und Verteidiger der Stadt, welchem ungeheuerlichen Plan sie zum Opfer fallen sollten. Zu diesem Moment waren ca. 2.500.500 Zivilisten und 400.000 Soldaten in der Stadt und ihrem kleinen Umkreis eingeschlossen.

"Statt Soldaten Hunger in die Stadt geschickt", Daniil Granin im Bundestag am 17. Januar 2014

Bereits im November gab es die ersten Hungertoten. Und in den darauf folgenden Monaten des extrem kalten Winters 1941/1942 starben täglich zwischen 3.000 und 6.000 Menschen: Die tägliche Kartenration in den bittersten Zeiten der Blockade betrug für einen nicht erwerbstätigen Erwachsenen und für Kinder nur 125 Gramm eines Brotes, das zur Hälfte aus Spanmehl und Zellulose bestand. Um zu überleben, reichte das nicht.

"Beim Wasserholen". Die Zeichnung von Alexej Pachomow (1990-1973), 1942-1944.
"Beim Wasserholen". Die Zeichnung von Alexej Pachomow (1990-1973), 1942-1944.

Und doch hat mehr als die Hälfte der Einwohner die Blockade nicht nur überlebt, sondern war sogar imstande, die Stadt mithilfe des Militärgeräts zu verteidigen, das man unter den gegebenen Umständen noch in den Fabriken herstellen konnte. Bereits im Sommer 1942 war es den Verteidigern der Stadt durch kleinere Geländezugewinne und Verkürzungen der Versorgungswege möglich geworden, die Belieferung der Stadt mit Lebensmitteln zu verbessern.

Für die Verbliebenen ist die Blockade zu einem Symbol für den Überlebenswillen und die Unbeugsamkeit des Sowjetvolkes geworden, aber auch zum Inbegriff tausender Familientragödien. Meistens starben die Angehörigen von Familien in kurzen Abständen nacheinander, buchstäblich einer in den Armen des anderen, wie es im weltbekannten Tagebuch der 12-jährigen Tanja Sawitschewa heißt:

Mama ist am 13. Mai um 7 Uhr 30 gestorben. Die Sawitschewys sind gestorben. Alle gestorben. Nur Tanja ist geblieben.

Dieses Tagebuch, das nur sechs Einträge aufweist, die für sechs verstorbene Angehörige stehen, wurde beim Nürnberger Tribunal als eines der bedeutsamsten Beweismittel für die nazistischen Verbrechen in der Anklageschrift vorgelesen.  

Tanja Sawitschewa
Tanja Sawitschewa

Schriftsteller Daniil Granin geht Grundsatzfragen der Blockade nach

Einer, der sein Leben lang den Fragen nachging, was die deutsche Führung mit der Blockade von Leningrad bezweckte und warum die Stadt überlebt hat, war der berühmte Schriftsteller Daniil Granin, heute 97 Jahre alt, selbst Einwohner und als Freiwilliger der Volkswehr Verteidiger der Stadt. In seinem in den 1970er Jahren zusammen mit Ales Adamowitsch geschriebenen Klassiker "Das Blockadenbuch", das in literarischer Form die unfassbaren Geschichten der "Blockadniki", so hießen die Eingekesselten, zusammenfasst, in seinen Romanen, zahlreichen Reden und Gesprächsrunden: Überall blieben diese Fragen leitmotivisch präsent, nie wieder sollten sie ihn, den Überlebenden, loslassen.

Diese Fragen hatten ihn noch in den 1950er nach Deutschland verschlagen. Seit dieser Zeit unterhält er viele Kontakte zu Deutschen, auch in den letzten Jahren war er oft in Deutschland zu Besuch.

Bei einem Treffen mit Aktivisten der deutsch-russischen Verständigung im Jahr 2007 im ostdeutschen Wittenberg stellte er fest, wie absurd das Ziel dieses Krieges war. So gut und effizient die deutsche Seite diesen Krieg auch vorbereitet hatte, blieb er doch stets nur bis zur Hälfte durchdacht. Selbst nach der geplanten schnellen Zerschlagung der Roten Armee: wohin dann mit den Menschen? Selbst wenn wir, wie es mittlerweile auch erwiesen ist, von einem Vernichtungskrieg ausgehen können, bei dem mindestens 30 Millionen sowjetischer Bürger vernichtet werden sollten: Was sollte mit dem Rest geschehen und wie wollte man mit ihm umgehen?

"Blockade". Fragment des Monuments, 1975.
"Blockade". Fragment des Monuments, 1975.

Ergeben oder Sterben

In einem Interview aus dem Jahre 2015 geht Granin noch deutlicher darauf ein:

Für Hitler war es prioritär, Leningrad einzunehmen. Er glaubte, Russland würde kapitulieren, wenn diese Stadt fällt. Daher galt Leningrad eine besondere Aufmerksamkeit. Warum also hat Hitler die Stadt dennoch nicht eingenommen? Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es nicht.Eine der viel diskutierten Hypothesen ist: Hitler hätte verstanden, dass die Stadt nicht zu vernichten sei. Sie sei viel zu groß gewesen und Panzer hätten auf ihren Straßen nicht manövrieren können. Aber ob das wirklich der Grund für die Unentschlossenheit des Führers war? Unentschlossen war er auf jeden Fall, einige Male war Hitler hier, zögerte, versprach seinen Generälen, die Stadt einzunehmen, "in einer Woche unbedingt". Dennoch hat er den Angriff nicht befohlen. Ich glaube, es war so: Alle Städte Europas kapitulierten vor der Wehrmacht. Hitler wähnte sich unbesiegbar: Wenn seine Armee an die Stadtgrenzen tritt, gibt die Stadt sofort auf. So hat er auch von Leningrad erwartet, dass es die weiße Flagge hisst...

Sollte sich die Stadt wider Erwarten nicht ergeben, dann sollte sie verhungern. Das spare deutschen Soldaten Leben, Mühe und viel Kriegsgerät. In den Straßenkämpfen wäre die Stadt nicht einnehmbar gewesen – zu groß, zu erbittert der Widerstand. Aber so konnte man die durch den Verzicht auf Angriffshandlungen freigewordene militärische Kapazitäten nach Moskau umleiten, dessen geplante Einnahme noch vor Wintereinbruch auf der Kippe stand.

Kein seltenes Phänomen: Wissenschaftler im Dienste der NATO

Entgegen den Wünschen der Generäle entschied sich Hitler also für eine aus seiner Sicht "elegantere" Lösung: für "Genozid durch Nichtstun" (Historiker Jorg Ganzemüller), zumal der Hungerstrategie im gleichen Moment an den hunderttausenden sowjetischen Kriegsgefangenen erprobt wurde.

Granin, der sehr viel mit deutschen Quellen arbeitete, erzählt in seinem Buch, wie deutsche Ärzte und Fachleute für Ernährungsfragen haarklein ausrechneten, wie lange die Menschen mit den in der eingekesselten Stadt zugänglichen Lebensmitteln durchhalten würden. Hätten ihre Berechnungen sich bewahrheitet, wären alle Einwohner der Stadt am Ende schon mehrfach tot gewesen.

Gerechter Krieg

Warum überlebten so viele am Ende doch? Es waren die Improvisationskünste der Einwohner, logistische Meisterleistungen der Militärführung und vor allem das solidarische Mitgefühl unter den Verbliebenen, die der Wehrmacht am Ende einen Strich durch die Rechnung machen sollten.

In einer Rede am 27. Januar 2014 vor Präsident Gauck, Kanzlerin Merkel, Bundestagsabgeordneten, Schülern und Studenten sagte Daniil Granin:

Die wichtigsten Helden in der Stadt waren ein Jemand; ein namenloser Passant; Menschen, die die anderen aufgehoben hatten; diejenigen, die bereits gefallen waren… dieser Jemand, wer war das eigentlich? Das waren Menschen, in denen das Mitgefühl erwacht war. Das waren die größten und wichtigsten Helden während der Zeit der Blockade.

Auf die Frage, wie man diese Eigenschaften entwickeln konnte, wie man überhaupt nach solchen verheerenden Verlusten, die das Land und die Armee in den ersten Monaten des Krieges erleiden musste, noch weitermachen konnte, gab Granin in Wittenberg eine einfache Antwort:

Wir hätten diesen Krieg eigentlich verlieren müssen. Warum aber haben wir diesen Krieg gewonnen? Ich habe dafür eine einzige Erklärung: weil es von unserer Seite ein gerechter Krieg war.

An anderer Stelle während jenes Treffens machte er deutlich, dass die Menschen in Leningrad verinnerlicht hatten, was auch ihre Vorfahren schon im Angesichts des Feldzugs Napoleons einander geschworen hatten: "Russland ergibt sich nicht."

Nicht nur aus der teuflischen Logik seiner Rassenideologie heraus, sondern auch auf Grund einer sich daraus ergebenden Fehleinschätzung des Landes und seiner Menschen haben Hitler und seine Gefolgsleute Millionen Menschen in den Tod getrieben. Doch so wenig es ihm gelang, den Widerstandswillen der russischen Bevölkerung zu brechen, so wenig gelang es ihm, Feindschaft zwischen dem deutschen und dem russischen Volk zu säen.

Daniil Granin wird im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2014 empfangen.
Daniil Granin wird im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2014 empfangen.

Sakraler Akt

Daniil Granin, der mit seiner nüchternen und zugleich doch rührenden Art nach seiner eigenen Einschätzung die Herzen seiner Zuhörer im Bundestag gewonnen hat, ist eine Person, die Länder und Völker über die unterschiedlichen historischen Etappen hinweg verbindet. Als Kriegsveteran und als sowjetischer und russischer Schriftsteller war er auch zur Zeit der Perestroika gesellschaftlich und politisch sehr aktiv.

Bundespräsident Joachim Gauck weilt zum 75. Jahrestag des Angriffs auf die Sowjetunion lieber in Rumänien und ehrt dort mit einer Kranzniederlegung ausgerechnet die Soldaten, die gemeinsam mit der Wehrmacht in die Sowjetunion einfielen.

Für ihn war seine Rede vor dem deutschen Parlament eine Art sakraler Akt:

In der Tat war die Empfindung merkwürdig und durchaus vielschichtig: ich allein, vor mir ganz Deutschland. Ja richtig, nicht der Bundestag, sondern eben Deutschland. Ich aus dem Leningrad, das einst Hitler vernichten wollte.

Das ist bewegend und schön. Es bleibt jedoch die Frage, ob diese am 27. Januar 2014, dem Tag des Gedenkens an die Holocaust-Opfer, gehaltene Rede auch heute, nach dem Eskalation der so genannten Ukraine-Krise und allen darauf folgenden Ereignissen, noch möglich wäre?

Das ist ungewiss. Gewiss ist, dass Deutschland und Russland einander zumindest auf der Ebene der politischen Eliten wesentlich entfremdeten, in erster Linie aufgrund der Sanktionen und der Medienkampagnen, die Deutschland auf wessen Druck oder aus welchem zwangsneurotischem Drang auch immer beschlossen, unternommen oder unterstützt hat. Unter den Entscheidungsträgern dieser Maßnahmen waren auch viele Anwesende vom 27. Januar 2014.   

Die Russen in ihrer Mehrheit empfinden diese Maßnahmen, seien es Wirtschaftssanktionen, der Ausschluss von Paralympischen Spielen, deutsche Medienkampagnen, sei dies in Form zahlreicher ARD- und ZDF-Produktionen oder Hetze in der Bild-Zeitung, als ungerecht. Das bestätigen auch alle soziologischen Studien und Befragungen. Tage des Gedenkens wie der am 08. Semtember  sind jedoch immer guter Anlass, noch mal darüber nachzudenken, welche gefährlichen Fehleinschätzung es auch heute gibt und wie sich ideologischem Wahn, der Hass gebiert, gegensteuern lässt.