Wen möchte der Kreml im Weißen Haus sehen: Clinton oder Trump?

Wen möchte der Kreml im Weißen Haus sehen: Clinton oder Trump?
Trotz der laufenden Kampagne in den USA, den Kandidaten der Republikaner Donald Trump mit dem Kreml in Verbindung zu bringen, gibt es bisher keinen Beweis, der die Behauptung untermauert, dass die russische Regierung den extravaganten Milliadär als nächsten Präsidenten der USA sehen will.

von Bryan MacDonald

Der Schriftsteller Sidney Sheldon, sagte einmal:

Um erfolgreich zu sein, braucht man Freunde und um sehr erfolgreich zu sein braucht man Feinde.

Es gibt keinen Zweifel, dass das US-amerikanische Establishment diese Sichtweise teilt. Auf Grund der schieren Macht und des Reichtums fällt es jedoch schwer, einen glaubhaften Gegner zu finden. Also kommen sie nun wieder auf Russland zurück.

Die aktuelle Hysterie über angebliche Verbindungen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin sind in diesem Kontext nichts Neues. Immerhin, während des letzten US-Präsidentschaftswahlkampfes scheiterte Kandidat Mitt Romney, der Russland als "Amerikas größten geopolitischen Feind" bezeichnete. So wie John McCains Vizekandidatin Sarah Palin im Jahre 2008. Sie sagte in ihrem ersten großen Interview, dass die Vereinigten Staaten einen Krieg mit Russland in Betracht ziehen sollten - um Georgien zu verteidigen.

Im selben Jahr zeigte McCain seine "Besorgnis" über Schritte, welche die russische Regierung unternommen hatte. Namentlich kritisierte er die angebliche Reduzierung der Energieversorgung der Tschechoslowakei durch Russland - ein Land, das jedoch seit dem Jahr 1993 nicht mehr existiert.

Seit einiger Zeit geht in den westlichen Medien die Behauptung um, dass "Putin" (also Russland) sich den Sieg von Trump wünscht. Letzte Woche erreichte das Ganze ein neues Level. Einige Pro-Hillary-Kommentatoren warfen die Behauptung aus, dass der Kreml den Show-Politiker und Geschäftsmann kontrolliere. Tatsächlich hat sogar der berühmte New York Times-Kolumnist Paul Krugman Trump als "sibirischen Kandidaten" bezeichnet. Eine Zuschreibung, die Erinnerungen an den Film "Der Manchurian Kandidat" mit Frank Sinatra aus dem Jahre 1960 heraufbeschwört. In diesem Film entdeckte, Major Ben Marco, dass sein Protege Amerika verraten hatte, weil er einem internationalen kommunistischen Regime diente.

Der vielbeschäftigte Putin

Im Grunde wollen diese Verschwörungstheoretiker, dass die Bevölkerung glaubt, der Kreml manipuliert alle demokratischen Auseinandersetzungen auf der Welt. Egal ob es sich um den Brexit, die US-Wahlen oder was auch sonst handelt. In der realen Welt jedoch ist der Kreml damit beschäftigt, die Lebensmittelpreise in Russland zu stabilisieren und die Inflation zu stoppen. Ungestört dessen erzählen Hillarys Unterstützer den Menschen mit ernsten Gesichtern, dass Russland die Wahlentscheidung der Amerikaner zu manipulieren versucht.

Viele Kommentatoren der breiten US-amerikanischen Presse kommen ursprünglich aus früheren Sowjetrepubliken. Sie verfügen über einige Kenntnisse der russischen Geschichte und ihrer Nachbarländer. Krugman selbst ist Enkel eines Einwanderers aus Weißrussland. Sie verbreiten ihre abgedroschenen Klischees, ein Markenzeichen ihrer Schriften. Jedoch scheinen sie nicht sehr gut über den aktuellen Stand der Dinge in der Region informiert zu sein. Hier sind sie wie die irischen Amerikaner. Diese wissen auch immer besser, wie man die Ulster-Frage (den Irlandkonflikt) lösen kann, als die in Irland lebende Bevölkerung. Diese Form der "Unterstützung" war vor allem während den Jahrzehnten der gewaltsamen Unruhen in der Provinz wenig hilfreich. Und das wiederholt sich nun, wenn es um die Dynamik zwischen den Ländern des ehemaligen Warschauer Paktes geht.

Für jeden, der in Russland lebt oder dort viel Zeit verbracht hat, ist die Vorstellung absurd, dass Moskau Trump rekrutiert haben könnte. Russland bleibt eine Großmacht - aber mit erheblichen ökonomischen und sozialen Herausforderungen im Inneren. Daraus lässt sich schließen, dass die Regierung Besseres zu tun hat, als eine groß angelegte Intrige zu spinnen. Ganz zu schweigen davon, dass Trump unberechenbar ist. Man kann ihm nicht mal bei der Bestellung seines Kaffees vertrauen. Geschweige denn bei einem Plan, so schlau und verworren, dass selbst John Le Carré nicht darauf kommen würde.

Die Stimmung an der Basis

Russische Analysten vertreten die Meinung, der Kreml selbst weiß nicht, welchen Kandidaten er bevorzugen soll. Beide besitzen so viele negative Aspekte, dass es auf eine Wahl zwischen dem geringeren Übel hinausläuft. Gucken wir uns zuerst mal an, was wir wissen.

Zuerst einmal ist davon auszugehen, dass Putin Hillary Clinton persönlich nicht mag. Für diese Annahme spricht zum einen, dass sie sich im Jahr 2011, während der liberalen Proteste der russischen Opposition, öffentlich einmische. Das war nicht besonders clever. Verständlicherweise war der Kreml wütend. Putin äußerte öffentlich ein Gefühl des Verrates - so kurz nach dem vermeintlichen "Reset" der gemeinsamen Beziehungen. 

"Ich habe mir die Reaktion unserer amerikanischen Kollegen angesehen. Das erste, was US-Außenministerin Clinton tat, war eine Einschätzung der Wahlen als unfair und ungerecht, obwohl sie noch keine Unterlagen der ODIHR-Beobachter erhalten hatte. Sie hat den Ton für bestimmte Aktivisten in unserem Land vorgegeben, sie hat das Signal gegeben. Sie haben dieses Signal gehört und mit Unterstützung des amerikanischen Außenministeriums die aktive Arbeit begonnen", so Putin.

Man muss dazu anmerken, dass "aktive Arbeit" eine alte russische Bezeichnung für verdeckte Geheimdienst-Operationen ist. 

Julian Assange im CNN-Interview

Im Jahr 2014 verschlimmerte sich die Beziehung zwischen Putin und Clinton noch. Es war nicht einfach, aber Clinton schaffte es, Putin in ihrer Bewertung der ukrainischen Ereignisse mit Hilter zu vergleichen. Putin reagierte spöttisch, indem er sagte, "sie hat sich noch nie durch ihre Aussagen hervorgetan". 

Ausgehend davon liegt es nahe anzunehmen, dass Putin nicht besonders begeistert ist, über eine US-Präsidentin, die ihn mit Hitler vergleicht. Einen Mann, verantwortlich für den Tod von Millionen Russen. Jedoch bedeutet es nicht, dass Putin über die Aussicht einer Präsidentschaft Trumps glücklicher wäre. Putin besitzt langjährige Erfahrungen als Politiker. Wenn bloße Worte ausreichen würden, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, hätte er kaum zwei Jahrzehnte an der Spitze der russischen Politik überlebt.

Trump - der Favorit? 

Somit wenden wir uns nun dem Mann zu, den man "The Donald" nennt. Die Vorstellung, dass Russlands hochgebildete Elite jemanden so ungebildeten und instabilen unterstützen könnte, fällt schwer. Seine außenpolitischen Vorschläge zur NATO mögen für den Kreml wie Musik klingen, der Rest jedoch nicht. Trump schlägt nicht nur ein Umdenken Amerikas in ihrem NATO-Engagement in Europa vor. Er tritt auch für einen breiten US-amerikanischen Rückzug aus der Weltpolitik und eine extrem isolationistische Ausrichtung ein.

Zu Beginn erstmal, Westeuropa besitzt unter anderem das britische und französische Militär. Sollte es notwendig werden, dann ist Europa in der Lage sich selber zu verteidigen. Darüber hinaus, so paradox es klingen mag, ist eine Retrenchment-Politik nicht im Interesse Russlands. Ohne Onkel Sams wachsamen Augen würde es zu einer Eskalation der regionalen Konflikte in Eurasien kommen. Damit wiederum besteht die Gefahr einer zunehmenden Verbreitung von Atomwaffen in der Region. Diese Aussicht kann den Kreml nicht glücklich machen. 

Dann ist da noch der Punkt, dass Trump sich sehr stark für eine Ausweitung des US-Frackings einsetzt. Im Jahr 2013 entfielen 68 Prozent der gesamten Exporteinnahmen Russlands auf Öl und Gas. Der Preissturz in den letzten beiden Jahren hat die Finanzlage des Kremls stark geschwächt. Eine weitere Ausweitung der amerikanischen Erdöl- und Gasproduktion würde die Aussicht auf einen anhaltend stabil wachsenden Ölpreis beenden. Für Moskau wäre das eine sehr schlechte Prognose. 

Derzeit passt es Hillary Clintons Wahlkampfteam und ihren Unterstützern, die Geschichte des, von einer fremden Macht geförderten Trump, zu verbreiten. Im Gegenzug haben Trumps Befürworter Beweise dafür in der Hand, dass Hillary offensichtlich in Finanzgeschäfte mit Moskau verstrickt war.

In der Zwischenzeit legt das Schweigen aus Moskau nahe, dass man Napoleons Rat befolgt:

Niemals einen Feind unterbrechen, während er einen Fehler begeht.

Denn offensichtlich ist die ganze Situation ein gigantischer Schlamassel. Blicken wir den Tatsachen ins Auge - das politische System der USA hat zwei zutiefst fehlerhafte Kandidaten hervorgebracht. Trumps Rhetorik Russland gegenüber sieht vielversprechend aus, es gibt aber keine Gewissheit, dass er sich daran hält. Die USA brachten schon früher Kandidaten hervor, die versöhnliche Töne während der Wahlkampagne einschlugen. Im Amt verhielten sie sich nachweislich anders. Da kommen einem sofort Jimmy Carter und John F. Kennedy in den Sinn. Im Gegensatz dazu sprach sich Ronald Reagan im Wahlkampf hart gegenüber Russland aus. Als Präsident hingegen unternahm er große Anstrengungen, um eine Übereinkunft mit Michail Gorbatschow zu finden. 

Trump ist eine unberechenbare Größe - Hillary wiederum ist eine ganz andere Geschichte. Was man sieht, das bekommt man auch. Sicher, Moskau ist wenig begeistert darüber, was es sieht. Aber es ist wahrscheinlich besser, als eine Katze im Sack. 

Wen also bevorzugt der Kreml, Trump oder Hillary? Am ehesten wohl keinen von beiden.