15 Jahre 9/11: Die Saudi-Connection ist nicht alles

Prinz Bandar bin Sultan plaudert im August 2002 auf der Bush-Ranch in Crawford, Texas, mit dem Präsidenten. Schon damals verlangten Abgeordnete eine Untersuchung darüber, ob Geld aus Saudi-Arabien an die 9/11-Attentäter geflossen ist.
Prinz Bandar bin Sultan plaudert im August 2002 auf der Bush-Ranch in Crawford, Texas, mit dem Präsidenten. Schon damals verlangten Abgeordnete eine Untersuchung darüber, ob Geld aus Saudi-Arabien an die 9/11-Attentäter geflossen ist.
Auch die Veröffentlichung von 28 geschwärzten Seiten des US-Kongressberichts zu 9/11 wird die Verbrechen nicht aufklären. Der Puzzlestein macht aber einmal mehr deutlich, dass von Grund auf neu ermittelt werden muss, argumentiert RT-Gastautor Mathias Bröckers.

von Mathias Bröckers

„Die Geschichte von 9/11 muss neu geschrieben werden” titelte in der vergangenen Woche das ARD-Magazin „Monitor“ mit einem Zitat des US-Senators Bob Graham, der „erstmals im deutschen Fernsehen“ ein Interview gab. Das Thema waren 28 geschwärzte Seiten in dem Abschlussbericht, den der Untersuchungsausschuss des US-Kongresses bereits im Jahr 2002 herausgegeben hatte. Schon damals, noch bevor die offizielle 9/11-Untersuchungskommission ihre Arbeit aufnahm, hatten diese aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ zurückgehaltenen Informationen für gehörige Aufregung gesorgt. 

Richard Nixon und König Faisal im Rasa-Palast am 15. Juli 1974.

Nachdem über einen Newsweek-Artikel im Dezember 2002 bekannt wurde, dass es auf diesen Seiten des Berichts um die Verbindungen der „Hijacker“ mit saudischen Agenten geht, sahen sich die Abgeordneten und Senatoren des Kongressausschuss plötzlich einer Strafverfolgung wegen Geheimnisverrats ausgesetzt. FBI-Agenten durchsuchten ihre Parlamentsbüros und verhörten ihre Mitarbeiter. 

Für die einige Monate später startende 9/11-Kommission war das ein deutliches Signal, dieses Territorium zu meiden, was dann dank ihres Geschäftsführers Philip Zelikow, einem bewährten Spin-Doktor der Bush-Administration, auch geschah. Die „Saudi-Connection“ wurde im 9/11-Report systematisch ausgeblendet. Sie ist gleichwohl ein offenes Geheimnis, auch wenn die „28 Seiten“ bisher nur von Insidern zur Kenntnis genommen werden durften.

Dass 15 der späteren „Hijacker“ Saudis waren, die zudem mit fehlerhaften Visa in die USA einreisten, vermerkte auch der 9/11-Commission-Report (CR). Darin ist ebenfalls festgehalten, dass diese Visa vom US-Konsulat in Dschiddah, Saudi-Arabien, durchgewunken wurden. Was fehlt, ist allerdings der Hinweis auf den Whistleblower Michael Springmann, der dort bereits Ende der 1980er Jahre für die Visa-Erteilung zuständig war und seinen Posten verlor. Der Grund war, dass er nicht aufhörte, Beschwerden einzureichen, darüber dass die CIA ihn immer wieder nötigte, Visa für Personen zu erteilen, die eindeutig einem militanten, terroristischen Hintergrund zuzuordnen waren. 

Dass der Hinweis auf dieses US-Konsulat als ein notorisches Einschleusungsbüro für arabische „Freiheitskämpfer“ im offiziellen Abschlussbericht fehlt, während die eklatanten Fehler in den Visa-Angaben akribisch dokumentiert sind, ist indes kein Wunder. Denn dies hätte deutlich gemacht, dass die „Hijacker“ nicht erst bei ihrem Aufenthalt in den USA, sondern schon vor ihrer Einreise offensichtlich unter „Betreuung“ standen. 

Der starke Verdacht einer schützenden Hand leitet sich nicht nur aus dem suspekten Ort ihrer Visa-Erteilung ab, sondern auch aus einer sehr simplen Frage: Wenn es sich bei den späteren »Hijackern« wirklich um professionelle Terroristen handelte, wieso wurde dann bei einer Grundvoraussetzung des gesamten Plans - den Visa und der Einreise - so völlig dilettantisch und unerklärlich geschlampt? Welcher Teufel hat den angeblichen Chefplaner Osama Bin Laden in seiner afghanischen Höhle geritten, dass er den Erfolg der gesamten Großoperation schon im ersten Schritt einem derartigen Risiko der Entdeckung aussetzt? 

Diese Fragen lassen sich eigentlich nur so beantworten: Es bestand gar kein Risiko, weil saudische und us-amerikanische Geheimdienste von Beginn an ihre schützenden Hände über die späteren „Hijacker“ gelegt hatten. Wie das konkret aussah, läßt sich an Khalid Al-Midhar, dem angeblichen „Terrorlogistiker“ (Der Spiegel) der Anschläge, gut illustrieren: 

Gequältes Lächeln: US-Außenminister John Kerry mit seinem saudischen Amtskollegen Adel al-Jubeir

Seit 1998 wurde das Haus seines Schwiegervaters im Jemen von der CIA observiert, in dem er in dieser Zeit ein- und ausging. Im Jahr 1999 wurde er von Omar Al-Bayoumi in Kalifornien empfangen, einem Saudi mit Geheimdienstverbindungen. Der CR vermerkt von ihm nur, er sei ein „unwahrscheinlicher Kandidat für klandestine Beziehungen mit islamistischen Extremisten“. Befragt wurde er nicht. Im Januar 2000 nahm Al-Midhar an einem Al-Qaida-Planungstreffen in Kuala Lumpur teil, das vom malaysischen Geheimdienst auf Video aufgezeichnet und den US-Behörden übermittelt wurde. 

Khalid Al-Midhar und seine „Studienkollegen“ in San Diego erhielten über ihren Mentor Al-Bayoumi monatliche Schecks von Prinzessin Haifa al-Faisal, der Frau des saudischen US-Botschafters Prinz Bandar ibn Sultan. Der Mann trug wegen seiner engen Beziehung zum Präsidenten den Spitznamen „Bandar-Bush“. Zu diesem Zeitpunkt galt Bandar ibn Sultan in Washington bereits als der einflussreichste Diplomat überhaupt, auch weil er seit Jahrzehnten schmutzige Operationen mit dem Bush-Team durchgezogen hatte. Später, im Jahr 2005, ernannte der damalige König ihn zum saudischen Geheimdienstchef. 

Prinz Bandar bin Sultan besichtigt mit US-Verteidigungsminister William Perry die Schäden eines Bombenanschlags auf die Khobar Towers in Saudi-Arabien im Juni 1996. Die USA behaupteten später, der Anschlag sei von der Hisbollah verübt worden.
Prinz Bandar bin Sultan besichtigt mit US-Verteidigungsminister William Perry die Schäden eines Bombenanschlags auf die Khobar Towers in Saudi-Arabien im Juni 1996. Die USA behaupteten später, der Anschlag sei von der Hisbollah verübt worden.

Im September 2000 nahmen Al-Midhar und Al-Hazmi eine neue Wohnung in San Diego, die Bayoumi ihnen besorgt hatte, und zwar im Haus des Geheimdienst-Informanten Abdussattar Shaikh. Aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ durfte nicht einmal die 9/11-Commission den Mann verhören. Danach reiste Al-Midhar in den Jemen, wo im Oktober 2000 der Anschlag auf das US-Schlachtschiff “Cole” erfolgte, für das sowohl Gäste des safehouse seines Schwiegervaters als auch Teilnehmer des Malaysia-Treffens verdächtigt wurden. 

Zum selben Zeitpunkt wurde der oberste Terroristenjäger des FBI, John O’Neill, davon abgehalten, im Jemen zu ermitteln. Bushs Botschafterin Barbara Bodine erteilte ihm sogar ein Einreiseverbot in dem Land. Stattdessen wird Khalid Al-Midhar im Juni 2001 ein frisches Einreisevisum für die USA erteilt. Soweit die Logistik und die Verbindungen des Khalid Al-Midhar, die stark darauf hindeuten, dass es sich bei ihm um ein „Asset“, um einen IM, um einen Agenten handelte, der in den USA tun und lassen konnte, was er wollte. 

Der Mann stand zwar auf der Watchlist der CIA, weil er engste Verbindungen zu einem Al-Qaida-Nest im Jemen unterhielt. Er wurde aber von den saudischen Royals alimentiert und von Agenten umsorgt. Khalid Al-Midhar war kein einsamer Terrorist under cover im Feindesland, sondern ein Agent mit besten Kontakten. Der Autor Lawrence Wright („The Looming Tower: Al Quaida and the Road to 9/11“, 2006) sprach mit einigen der Beamten aus der FBI-Einheit I-49, die für Al-Midhar und Al-Hazmi zuständig gewesen wären, hätten sie denn von deren Rolle erfahren. 

Dass sie davon nicht erfuhren, so glaubt „mindestens die Hälfte der Jungs im Büro“, hatte damit zu tun, „dass die CIA Al-Midhar und Al-Hazmi schützte, weil sie hoffte, die beiden zu rekrutieren“. Oder, könnten wir angesichts dieser gut dokumentierten Faktenlage hinzufügen, im Joint Venture mit den saudischen Kollegen schon rekrutiert hatte, als V-Männer oder Agents Provocateur oder Sündenböcke. Dieser Verdacht steht so ausdrücklich sicherlich nicht in den ominösen „28 Seiten“, aber die Verbindungen und Unterstützungen der beiden Hijacker Al-Midhar und Al-Hazmi sind so offensichtlich, dass dieser Verdacht von jedem auch nur halbwegs kompetenten Ermittler sofort aufgegriffen und weiter ermittelt werden müsste.

Eben deshalb wurden diese Seiten des Kongressberichts geschwärzt und deshalb machte auch die 9/11-Untersuchungskommission einen großen Bogen um diesen Zusammenhang – denn er öffnet ein Fass ohne Boden. Und dies betrifft keineswegs nur die „Saudi-Connection“, auf die Senator Graham bereits seit dem Jahr 2003 hartnäckig hinweist. Die monatlichen Schecks von der Frau des saudischen Botschafters an die beiden „Studenten“ in San Diego machen einen eher bescheidener Posten in Sachen Finanzierung der Anschläge aus. Auch darum machte die 9/11-Kommission einen großen Bogen. Dies sei, wie man auf Seite 172 des CR staunend lesen kann, „von wenig praktischer Bedeutung“.

Insofern wurde dort auch eine Überweisung an den Chef-„Hijacker“ Mohamed Atta in Höhe von 100.000 Dollar nicht erwähnt, die von einem Agenten des pakistanischen Geheimdiensts ISI namens Omar Said Sheikh getätigt wurde. Dass Senator Bob Graham seit Jahren ausschließlich auf die nicht mehr wirklich geheime Saudi-Connection der „Hijacker“ verweist, könnte auch mit der Person zu tun haben, mit der er zufälligerweise während der Anschläge am 11. September 2001 in Washington beim Frühstück zusammensaß: dem Chef von Omar Said Sheikh, dem ISI-General Mahmud Ahmad.

Als kurz darauf diese Überweisung bekannt wurde, musste General Ahmad von seinem Posten in Pakistan zurücktreten. Dass neben Bob Graham noch ein weiterer Teilnehmer an diesem historischen Frühstück, der spätere CIA-Chef Porter Goss, jetzt lautstark für die Veröffentlichung der 28 Seiten plädiert, mag auch damit zu tun haben, dass dort keine Zeile steht über den entscheidenden Finanzier der „Hijacker“. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Die beiden Top-Sicherheitsbeamten frühstückten an diesem Tag mit dem Mann, der die größte festgestellte Einzelsumme an die später benannten 9/11-Attentäter überwies.

Ohne die „Paki-Connection“, das heißt ohne die Rolle des ISI, der für Osama Bin Laden bis zum Ende den Gastgeber spielte, liefert die Enthüllung der „Saudi-Connection“ nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Puzzle. Und das macht einmal mehr klar, dass die Geschichte von 9/11 nicht „neu geschrieben“, sondern von Grund auf neu ermittelt werden muss. Die vorzuladenden Zeugen und vorzulegenden Dokumente haben wir in unserem Buch aus dem Jahr 2011 alle benannt.

Mathias Bröckers gehört zur Gründergeneration der taz und arbeitet seit 1991 als freier Journalist und Buchautor. Er schrieb drei Bücher zu 9/11, zuletzt mit Christian Walther „11.9 . Zehn Jahre danach – Der Einsturz eines Lügengebäudes“ (Westend Verlag 2011) und bloggt auf broeckers.com