Recherche: Krankenhäuser im Bombenhagel

Ein verwundeter Afghane, der den Angriff der US-Luftwaffe auf das MsF-Krankenhaus in Kunduz überlebte, erhält eine Behandlung im Notfall-Krankenhaus in Kabul, Oktober 2015.
Ein verwundeter Afghane, der den Angriff der US-Luftwaffe auf das MsF-Krankenhaus in Kunduz überlebte, erhält eine Behandlung im Notfall-Krankenhaus in Kabul, Oktober 2015.
Gastautor Rainer Rupp untersucht, ob für die wiederholten Angriffe auf Krankenhäuser in den aktuellen Kriegsbegieten Fahrlässigkeit veranwortlich ist, oder ob es sich um eine Strategie der US-Aufstandsbekämpfung handelt. Er deckt ein regelrechtes Muster von Angriffen auf Hospitäler auf, vor allem in Afghanistan, Syrien, Irak, Jemen und Süd-Sudan.

von Rainer Rupp

Symbolbild - Sanitäter behandeln einen Mann, der bei einem Angriff der Saudi-Koalition auf die Hafenstadt Houdieda am Roten Meer, schwer verletzt wurde, 21. Januar 2016

UN-Ermittler haben in der vergangenen Woche alle am Friedensprozess in Syrien beteiligten Staaten aufgefordert, sich an geltendes Recht zu halten und keine weiteren Kriegsverbrechen zu begehen. In diesem Sinn sollten sie auch auf die von Ihnen unterstützten, nicht-staatlichen Gruppen einwirken, die direkt an den Kampfhandlungen beteiligt sind. „Die Nichtbeachtung der Gesetze des Krieges muss für die Täter Konsequenzen haben", zitierte am 11. Mai die britische Nachrichtenagentur Reuters den Vorsitzenden der UN-Untersuchungskommission für Kriegsverbrechen in Syrien, Paulo Pinheiro.

In jüngster Zeit seien immer wieder zivile Ziele bei Luftangriffen bombardiert und mit Granaten- und Raketenfeuer beschossen worden, heißt es in der UN-Erklärung weiter. Und Pinheiro schloss in ungewohnt scharfem Ton:

„Solange die Kultur der Straflosigkeit nicht ausgemerzt ist, werden Zivilisten weiterhin Zielscheibe sein und brutal getötet werden".

Jedem Beobachter war sofort klar, welches Land hier verurteilt wurde, ohne dass dessen Namen genannt wurde. Vergeblich versuchen westliche Medien und Politiker von Pinheiros Vorwürfen abzulenken und zeigen wegen Moskaus militärischem Engagement in Syrien auf Russland. Zu frisch sind nämlich noch die Erinnerungen an den gezielten, eineinhalb stündigen Angriff der US-Luftwaffe auf das Krankenhaus der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen (MsF)“ im afghanischen Kunduz am 3. Oktober 2015, der nicht wie üblich vertuscht werden konnte und weltweit Schlagzeilen machte.

Jeden erschießen, der sich aus den Trümmern retten konnte...

Quelle: Screenshot ARD

Der mit äußerster Brutalität vorgetragene US-Luftschlag auf das einzige noch funktionierende Hospital in Kunduz war nämlich Anfang letzter Woche Gegenstand der von 80 Mitgliedsstaaten eingebrachten Resolution 2286 des UNO-Sicherheitsrats, die Angriffe auf Krankenhäuser ohne Wenn und Aber als Kriegsverbrechen verurteilte und eine harte Bestrafung der Täter forderte. Das hat ausgerechnet das rund um die Welt angeblich für die Menschenrechte kämpfende US-Militär stets zu verhindern wusste, trotz zahlloser Zerstörungen medizinischer Einrichtungen von Afghanistan über Irak bis zum Jemen.

Zugleich unterstreicht der Ablauf des US-Angriffes auf den MsF-Hospitalkomplex in Kundus und die Art und Weise des Waffeneinsatzes die Absicht der US-Kriegsverbrecher, nicht nur den Gebäudekomplex zu zerstören, sondern auch jeden, der sich aus den Trümmern retten konnte und fliehen wollte, zu erschießen, egal ob Patienten, Krankenschwestern oder Ärzte.

Zuerst hatten Kampfbomber den Hauptkomplex des Hospitals zerstört, dann folgte ein fast einstündiges Dauerfeuer aus einem im Tiefflug um den Hospitalkomplex kreisenden „Schlachtschiffes“ vom Typ AC-130, das seine Ziele seitwärts mit Schnellfeuerkanonen und Maschinengewehrfeuer bekämpft. Die Bilder der Vernichtung sind hier zu sehen. 42 Menschen, Ärzte, Pfleger und Patienten wurden getötet und eine nicht näher bekannte Zahl schwer verletzt.

Ein Video von einem AC-130 Angriff auf einen mit dem MsF-Hospital vergleichbaren Gebäudekomplex in Afghanistan mit anschließendem Abschuss flüchtender Menschen haben US-Soldaten hier als Youtube-Video ins Netz gestellt.

Ein irrtümlicher Angriff auf das MsF-Hospital ist ausgeschlossen. Zur zusätzlichen Sicherheit hatten die „Ärzten ohne Grenzen“ die GPS-Koordinaten des Gebäudekomplexes bei allen Luftwaffen der in Afghanistan am Krieg beteiligten NATO-Mitgliedsländer hinterlegt. Dennoch hat das US-Militär erst einmal geleugnet, überhaupt ein Krankenhaus angegriffen zu haben.

Symbolbild: Zerstörte Krankenstation in Douma, Damaskus,  Januar 2016.

Als diese Position unhaltbar geworden war, änderte Washington innerhalb kürzester Zeit vier Mal seine Darstellung des Hergangs und verhedderte sich dabei immer tiefer in Widersprüche. Schließlich wurde eine „große“ Überprüfung durchgeführt, bei der sich dann das US-Militär selbst untersuchte.

Wie erwartet stellte das Pentagon unlängst in einem weithin geschwärzten Untersuchungsbericht fest, dass der Angriff auf das Hospital "eine Folge von Fehlern", eine Verquickung unglücklicher Umstände war. Auf gar keinen Fall sei es ein Kriegsverbrechen gewesen. Sechzehn Angehörige des US-Militärs wurden deshalb auch nur mit leichten, eher symbolischen Disziplinarstrafen belegt. Damit hat sich das US-Militär juristisch reingewaschen. Eine Strafverfolgung hat keiner der Mörder mehr zu befürchten.

Mediziner ohne Grenzen als Kriegsziel

Seltsam nur, dass weniger als vier Wochen später, am 28. Oktober 2015, ein weiteres Hospital der Ärzte ohne Grenzen mit Luftangriffen dem Erdboden gleich gemacht wurde. Nur diesmal fand der Angriff durch die saudi-arabische Luftwaffe im Jemen im Distrikt Haydan statt. Allerdings sind es wieder die US-Amerikaner, die für die Luftschläge der Saudis die Aufklärung und die Zielplanung machen.

Und auch diesmal hatten die Ärzte ohne Grenzen die GPS-Koordinaten des Krankenhauses an die Saudis und Amerikaner gegeben. Und damit nicht genug, Ende April 2016 folgte ein Luftangriff auf ein weiteres MsF-Krankenhaus, diesmal im syrischen Aleppo, der ebenfalls vielen Menschen das Leben gekostet hat. Wie üblich leugneten die USA auch diesmal die Tat und westliche Medien versuchten das Verbrechen der Russischen Förderation unterzuschieben.

Ein regelrechtes Muster von Angriffen auf Hospitäler

Tatsächlich aber scheint das Bombardieren von Hospitälern ein wesentlicher Bestandteil der so genannten US-Aufstandsbekämpfung (Counterinsurgency) zu sein. Ausgerechnet die Dokumentation rund um die oben erwähnte UN-Resolution 2286 deckt ein regelrechtes Muster von Angriffen auf Hospitäler auf, vor allem in Afghanistan, Syrien, Irak, Jemen und Süd-Sudan.

US-amerikanische Fairchild-Republic A-10 Thunderbolt II (deutsch Donnerkeil), unter Piloten auch Warthog (Warzenschwein) genannt, bombardierten am Mittwoch die syrische Metropole Aleppo, doch für Westmedien war

Was all diese Regionen gemeinsam haben ist, dass dort die USA einen Bomben- und Drohnen-Krieg führen, entweder allein oder in Koordination mit Verbündeten, wie z.B. mit Saudi-Arabien im Jemen. Laut Welt Gesundheitsorganisation (WHO) sind allein im Jemen inzwischen 99 Krankenhäuser, Sanitätsstationen und Kliniken zerstört oder beschädigt worden, siehe dazu das UN-Dokument zur Resolution 2286.

Was treibt die Täter zu diesen barbarischen Akten, und dann auch noch gegen Ärzte ohne Grenzen?

Der „Fehler“ dieser Ärzte liegt in den Augen der US-Aufstandsbekämpfer darin, dass MsF alle Menschen behandelt, egal ob Taliban, Rebell oder Regierungssoldat. So fand der Angriff auf das MsF-Krankenhaus in Kundus wenige Tage nach den heftigen Kämpfen statt, bei denen die Taliban die US-unterstützten Regierungstruppen verjagt hatten.

Das dürfte Grund genug zu der Annahme gewesen sein, dass in dem MsF-Hospital der Stadt viele verwundete Taliban behandelt wurden, die man mit einem Schlag auslöschen konnte. Einer ähnlichen Logik folgt sicher die systematische Zerstörung der Hospitäler und Stationen zur Krankenversorgung im Jemen. Ohne Medikamente und Behandlungen sterben auf diese Art und Weise weitaus mehr verwundete Aufständische als die US-Saudi-Koalition bei der schwierigen Guerillabekämpfung erledigen kann.