30 Jahre nach Tschernobyl: Ukraine will neue Atommeiler bauen und Strom in die EU liefern

Bei uns ist Kernkraft sicher. Blick auf den Sarkophag des AKW Tscherobyl am 1.  Mai 2015.
Bei uns ist Kernkraft sicher. Blick auf den Sarkophag des AKW Tscherobyl am 1. Mai 2015.
Die Regierung Poroschenko will zukünftig Strom in die Europäische Union liefern. Zwar leidet die Bevölkerung des Landes unter akuter Energieknappheit, aber Kiew erhofft sich aus den Exporten zusätzliche Einnahmen. Das Ziel: Die Ukraine könnte neue Blöcke im Atomkraftwerk Chemlnitsky fertigstellen, deren Weiterbau nach dem GAU in Tschernobyl eingestellt wurde.
Gedenkzeremonie für die

Pünktlich zum Jahrestag des Größten Anzunehmenden Unfalls (GAU) in Tschernobyl verkündet die ukrainische Regierung, dass sie zwei neue Atommeiler aufbauen will. Die Sowjetunion hatte nach dem Unglück darauf verzichtet, zwei bereits begonnene Meiler im Atomkraftwerk Chemlnitsky zu bauen. Im vergangenen Jahr beschloss die Rada, den Bau wiederaufzunehmen.

Bezahlen soll das ebenso teure wie energiepolitisch sinnlose Unterfangen die Europäische Union. Angeblich hat die EU-Kommission schon ihre Zustimmung signalisiert. Die Begründung, warum mit Steuermitteln der 28 EU-Staaten eine Risikotechnologie aus dem 20. Jahrhundert finanziert werden soll, und das auch noch in der Ukraine, stellt an Absurdität jedoch alles in den Schatten:

Die Ukraine baut gegenwärtig eine Hochstromtrasse vom Atomkraftwerk Chemlnitsky im Westen des Landes in die EU. Vom Ort Netischyn aus soll eine Energiebrücke zwischen der Ukraine und Europa, genauer nach Polen gebaut werden. Die grenzüberschreitende Hochspannungsleitung wird das Atomkraftwerk Chmelnitzky in einen „europäischen Stromlieferanten“ verwandeln, wie es der damalige Energieminister Alexander Swetelik ausdrückte.

„Die ukrainische Regierung will einen von zwei bestehenden Blöcken des Atomkraftwerks Chmelnitzky im Westen des Landes komplett vom ukrainischen Netz trennen und den Strom anschließend nur noch nach Polen verkaufen. Von den Einnahmen sollen dann die in den 80er-Jahren nur halb fertig gestellten Blöcke drei und vier des AKW Chemlnitsky zu Ende gebaut werden.“

So beschreibt der Energieexperte Jürgen Döschner gegenüber der Tagesschau das Projekt. Wissenswert ist dabei auch: Die Stromversorgung der Bevölkerung ist extrem instabil, seit die ukrainische Regierung durch den Putsch im Februar 2014 endgültig auf Konfrontationskurs mit dem wichtigsten Energieversorger des Landes ging.

Neben dem Bürgerkrieg in der Ostukraine, bei dem vor allem die Versorgung mit Steinkohle in Gefahr geriet, sind es vor allem die skandalöse Unfähigkeit und die Korruption unter ukrainischen Politikern, die dafür sorgen, dass keines der angekündigten Infrastrukturprojekte umgesetzt wurde. Stattdessen kümmerten sich die Politiker in der Rada um die Privatisierung der vormals staatlichen Energieunternehmen und um Tariferhöhungen für die Privatverbraucher.

Da die Hälfte des ukrainischen Stroms immer noch aus Kernkraft erzeugt wird, stellt die Abkopplung von Blöcken des Kraftwerkes Chemlnitsky einen ernsthaften Verlust für das ohnehin von Energiearmut geplagte Land dar. Aber damit nicht genug: Da russische Kraftwerksunternehmen im Pro-europäischen Frontstaat Ukraine natürlich nicht mehr unter Vertrag genommen werden können, soll aus den EU-Steuermitteln nun eine ganz besondere Firma unter Vertrag genommen werden.

Den Weiterbau der beiden neuen Chemlnitsky-Meiler will das Unternehmen Electrabel übernehmen. Die Firma kommt aus Belgien und ist damit, was Brüssel betrifft, durchaus „nah an den Entscheidern“. Berühmt wurde Electrabel aber unter anderen Umständen: Die Belgier betreiben die AKW Doel und Tihange. Das Atomkraftwerk Doel bei Antwerpen hatte sich erst im Januar selbst abgeschaltet. Zuvor, Weihnachten 2015, musste der Pannenreaktor wegen „eines Wasserschadens“ heruntergefahren werden.

Electrabel betreibt auch das Atomkraftwerk Tihange, das nur 70 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt liegt. Der Reaktor 1 von Tihange war im Dezember nach einem Feuer automatisch heruntergefahren worden. Wie sagt ein altes ukrainisches Sprichwort: „Bei uns ist Kernkraft sicher.“