RT-Chronik: 30. Jahrestag der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl

RT-Chronik: 30. Jahrestag der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl
Drei Jahrzehnte sind seit der Katastrophe von Tschernobyl vergangen. Ihre Wirklichkeit verblasst, und die Erinnerung an die Leiden wird durch ikonische postapokalyptische Bilder von Touristen und Dokumentarfilmern ersetzt. Doch die Geschichte des Untergangs des Kernkraftwerks bleibt erschütternd. Die Ereignisse mit teilweise bis heute unbekannten Details in der RT Deutsch-Chronik.

Es war schon früher zu folgenschweren AKW-Unfällen gekommen, etwa in Sellafield und Three Mile Island. Es war aber erst Tschernobyl, welches wirklich das Bewusstsein dafür schuf, welche Auswirkungen eine umfassende Nuklearkatastrophe mit sich bringt.

Die Katastrophe von 1986 besaß alle Elemente eines äußerst tragischen Mythos: Ein vermeidbarer Explosionsunfall, eine verzögerte und panische Evakuierung, ahnungslose sich durch unsichtbare Ausstrahlung vergiftete Rettungshelfer, das verlassene Riesenrad von Prypjat und der Rumpf des immer noch aktiven Kraftwerks unter einem Sarkophag als Warnung und Mahnung.

Als die Katastrophe am 26. April 1986 ausbrach, kam die Ereigniskette einer echten Filmgeschichte gleich.

Fahrlässigkeit und Mut

Die Gasexplosion um 1:23 Uhr Nachts war Ergebnis einer Folge von ungewöhnlichen, aber nicht unerklärlichen Ausfällen, die an andere technische Katastrophen in der Sowjetunion erinnern. Sie geschah infolge einer Kombination von dem unvollkommenen Reaktor vom Typ RBMK, der nirgendwo sonst genehmigt war, und einem verspäteten und nicht sanktionierten Sicherheitstest, der schief ging. Der Test wurde nicht unterbrochen, weil der Leiter seine Untergebenen anschrie, wonach das erschöpfte und gestresste Personal kaum in der Lage war, sekundenschnelle Entscheidungen zu treffen.

Die Details dieser Nacht sind teilweise unglaublich. Der stellvertretende Chefingenieur des Werks, Anatoli Djatlow, blieb im Kontrollraum und weigerte sich, an das Ausmaß des Unfalls sogar nach den Zeugenaussagen aus erster Hand zu glauben. Als 50 Tonnen Kernbrennstoff durch das zerstörte Dach austraten, schickte Schichtleiter Alexander Akimow zwei Mitarbeiter, um die Steuerstäbe manuell einzufahren. Sie kamen durch eine weniger als eine Minute lange Bestrahlung um, die auf ihnen „Nuklearbräune“ hinterließ. Doch auch danach verließ niemand seinen Arbeitsbereich. Andere Reaktoren arbeiteten weiter, als ob nichts geschehen wäre. Und so ging es weiter.

“Als ich an jenem Morgen zu meiner Schicht kam, war es sofort klar, dass eine Katastrophe passiert war“, erklärt der damals verantwortliche Ingenieur im verhängnisvollen Reaktorblock 4, Alexei Breus, gegenüber RT:

„Ich kam zu meinem Arbeitsplatz, und man sagte mir, dass die Strahlung das normale Niveau um das 1000-fache übersteigt, dann sagte man aber, dass es an den Orten, durch die ich eben gegangen war, um 100 Mal schlimmer ist. Am Ende dieser Schicht fragte ich, was ich am nächsten Tag tun sollte, und man antwortete: 'Komm zur Arbeit wie gewöhnlich'. So waren die Dinge in der UdSSR“.

Die Feuerwehr traf im Kraftwerk in wenigen Minuten ohne spezielle Schutzausrüstung oder Kenntnis von der Gefahr, mit der sie zu tun hatten, ein. Manche von ihnen nahmen den Graphitschutt in die Hand und scherzten ungeniert über Strahlungsdosen, als ob sie ihnen nicht ausgesetzt wären. Mehr als 30 Menschen starben innerhalb von Tagen, Wochen oder Monaten nach der Katastrophe durch tödliche Strahlungsdosen eines grausamen Todes.

Versuch der "Dekontamination".
Versuch der "Dekontamination".

“Die Menschen hatten verschiedene Verletzungen – Frakturen, Brandwunden und Bestrahlung“, erzählt der Chefarzt des Krankenhauses in Prypjat von 1980-1986, Witali Leonenko, im Interview mit RT und betont:

„Die meisten von ihnen hatten Strahlenverbrennungen dritten und vierten Grades. Einer von ihnen starb sofort, die anderen mussten 24 Stunden warten, bis man sie in ein Spital in Moskau evakuierte“.

Insgesamt wurden mehr als 600.000 “Liquidatoren” aus der ganzen Sowjetunion mobilisiert, um die Folgen des Unfalls aufzuräumen.

“Ein Mann in Uniform klopfte an meine Haustür und sagte, dass ich als Liquidator rekrutiert werde. Er sagte, wenn ich mich weigere, wird man Gewalt anwenden. Wir waren acht im Bus, man hielt uns über Nacht fest, bevor man uns zu einem militärischen Regiment schickte. Dort wurden wir gezwungen, eine Vertraulichkeitsvereinbarung zu unterzeichnen, und man sagte uns, dass deren Verletzung uns vor ein Erschießungskommando führen wird.“

So erzählte Alexander Filipenko, der monatelang den Liquidatoren geholfen hatte, bestrahlte Kleidung zu wechseln, gegenüber RT.

Vor dem Unfall war Filipenko doppelter Radsport-Weltmeister. Jahre später litt er an einer Palette von chronischen Krankheiten, so dass er kaum gehen konnte. Aber zumindest ist er noch am Leben.

Der US-amerikanische Medizinprofessor Robert Gale operiert ein Opfer der Tschernobyl-Katastrophe in einem Moskauer Krankenhaus.
Der US-amerikanische Medizinprofessor Robert Gale operiert ein Opfer der Tschernobyl-Katastrophe in einem Moskauer Krankenhaus.

Prypjat war eine sowjetische Musterstadt, die etwas früher als vor einem Jahrzehnt vor der Katastrophe speziell für die AKW-Mitarbeiter und ihre Familien errichtet wurde. Die Bevölkerung betrug 50.000 Menschen. Wegen der natürlichen Tendenz der sowjetischen Behörden zur Geheimhaltung und der Bestrebung der AKW-Mitarbeiter, den Schweregrad der Havarie kleinzureden, obwohl Bürokraten und Wissenschaftler im ganzen Land wussten, dass etwas passiert war, badeten die Kinder im offensichtlich verseuchten Fluss Prypjat weiter – wenigstens bis erste Patienten sich im Krankenhaus über Übelkeit, Kopfschmerzen und Metallgeschmack im Mund beschwerten.

Horrorgeschichten – viele davon zweifelhaft – gibt es eine Vielzahl. Der Fußgängerüberweg mit Blick auf das Kraftwerk ist jetzt als Todesbrücke bekannt. Nach der Explosion versammelten sich dort Schaulustige, um die regenbogenfarbenen Fahnen vom verbrannten Graphit über dem Werk zu beobachten, und erzählten weiter, dass es eine der besten Erscheinungen war, die sie je erblickt hatten. Aber diejenigen, die dort zu lange geblieben waren, erlitten beinahe alle tödliche Strahlungsdosen.

Alle Bewohner von Prypjat sollten die Stadt mit Bussen verlassen, als die Evakuierung endlich am Nachmittag des 27. April angeordnet wurde – 36 Stunden nach den Explosionen. Um Verzögerungen durch Packen zu vermeiden und sicherzustellen, dass keine Strahlung absorbierende Gegenstände in Umlauf gebracht werden, sagte man den Menschen, sie würden in drei Tagen zurückkehren.

Eine unheimliche Ruhe, durch die die Stadt bekannt geworden ist, kehrte wenige Tage später ein.

Als die Liquidatoren in die Stadt kamen, waren Kühlschränke noch voll mit verdorbenen Lebensmitteln und Fisch, Kleidung hing draußen zum Trocknen. Einige Tiere und auch Störche, die tödlichen Strahlungsdosen ausgesetzt worden waren, lagen tot auf dem Boden. Das Vieh jedoch wanderte durch die Straßen und wunderte sich über seine unerwartete Freiheit, bevor es erschossen wurde, damit es keine Krankheiten verbreitet.

Postapokalyptische Normalität

Wenn man bedenkt, was in den vergangenen 30 Jahren geschehen ist, kennt ein sowjetischer Zeitreisender Prypjat und das Kernkraftwerk Tschernobyl ironischerweise viel besser als jeden anderen Ort in der ehemaligen UdSSR.

Das Leben in der Sperrzone ist eine beruhigende Routine, weil die Chance, dass das Gebiet wieder normal wird, gleich Null ist. Als radioaktive Elemente in der Erde halbzerfallen waren, schuf die Natur eine der idyllischsten Landschaften in Europa. Zur Überraschung vieler Außenstehenden setzten die in Tschernobyl erhalten gebliebenen Kernreaktoren ihre Arbeit bis zum Jahr 2000 fort, und im Kraftwerk wimmelt es von Wartungspersonal, das täglich mit Bussen hin und zurück gebracht wird.

Der verlassene "Kulturpalast" in Tschernobyl.
Der verlassene "Kulturpalast" in Tschernobyl.

Laut der ukrainischen Regierung müssen die Räumungsarbeiten bis 2065 abgeschlossen sein.

Die menschlichen Kosten der Katastrophe lassen sich schwer abschätzen. Die Zahl der bestätigten Todesfälle stimmt mit der von den statistischen Hochrechnungen und komplexen Medizintheorien nicht überein. Laut UN-Angaben sind 4.000 Menschen wegen Tschernobyl  ums Leben gekommen, während Greenpeace Opferzahlen nennt, die um das 29-fache höher liegen. Die Anzahl der Menschen, die an zusätzlichen Krebserkrankungen oder Geburtsfehlern leiden, lässt sich aufgrund der ungleichmäßigen Strahlungsbelastung unmöglich genau berechnen, es können aber Hunderttausende sein.

Die symbolische Bedeutung des 26. April 1986 kann man nicht überschätzen – dieses Datum bleibt ein Wendepunkt in der Weltgeschichte zusammen mit Hiroshima oder 9/11. Die Atomindustrie, die Umweltschutzbewegung und die Sowjetunion waren von der Havarie an nie mehr dieselben.