Auflauf vor dem Vatikan: Bernie Sanders besucht Rom

Der amerikanische Sozialist Sanders trifft den bolivianischen Präsidenten Evo Morales in einem Seminar am Vatikan.
Der amerikanische Sozialist Sanders trifft den bolivianischen Präsidenten Evo Morales in einem Seminar am Vatikan.
Bernie Sanders besuchte am heutigen Freitag im Vatikan ein Seminar über Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit. Die Einladung sprach Papst Franziskus persönlich aus. Die Veranstaltung, auf der Sanders auch mit dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales zusammentraf, wird ihren Einfluss auf die kommenden Vorwahlen in den USA nicht verfehlen. Gerade unter Lateinamerikanern und weißen Katholiken kann der sozialistische Kandidat noch aufholen.

Mitten im Vorwahlkampf der USA macht der sozialistische Kandidat der demokratischen Partei einen Ausflug nach Rom. Der Papst hat den US-Politiker eingeladen, um über Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit zu reden. Heute Vormittag reiste der Senator aus dem Bundesstaat Vermont, der vor wenigen Wochen außerhalb der USA noch völlig unbekannt war, mit seiner kompletten Familie an: Mit vier Kindern, vier Enkelkindern und seiner Frau Jane Sanders.

Bei seiner Ankunft verursachte Sanders einen Menschenauflauf. Die Rufe „Bernie, Bernie“ unterbrachen immer wieder die improvisierte Pressekonferenz. Noch am Abend zuvor hatte sich der 74-jährige eine harte Redeschlacht mit der ehemaligen Außenministerin Hillary Clinton in New York geliefert. „Er wird keine politische Rede halten“, glaubte sein Berater Tad Devine noch am Donnerstagabend.

„Er wird nach Rom kommen und über ein Thema reden, das ihm sehr am Herzen liegt. Das ist eine moralische Wirtschaft für die Welt, und der Umgang mit den enormen Einkommen und der Ungleichheit, nicht nur in Amerika, sondern überall. Bernie ist ein enormer Bewunderer vom Papst und er freut sich auf die Möglichkeit, über dieses Thema auf der Weltbühne zu sprechen.“

Als Sanders die Konferenz im Vatikan verließ, kam er nicht um eine Pressekonferenz herum. Vor den Toren warteten dutzende Kamerateams. Sanders kritisierte die „unmoralische Kluft“ zwischen denjenigen in der Welt, die alles haben, und denen, die nichts besitzen. Die Situation sei heute schlimmer als vor mehr als einem Jahrhundert.

Er verwies darauf, dass Papst Leo XIII die erste Enzyklika über soziale Gerechtigkeit im Jahr 1891 geschrieben hat, und schon dort die „enorme Kluft zwischen den Reichen und den Armen“ beklagt wurde.

„Und lassen Sie uns das deutlich sagen: Diese Situation ist heute schlimmer. Im Jahr 2016 verfügen die Top 1 Prozent der Menschen auf diesem Planeten über mehr Reichtum als die 99 Prozent, deren Besitz darunter liegt.“

„In einer Zeit, in der so wenige so viel haben, und so viele so wenig haben, müssen wir die Grundlagen dieses modernen Wirtschaftssystems als unmoralisch und nicht nachhaltig ablehnen.“

In der improvisierten Presseansprache ging er außerdem auf die Klima- und Umweltprobleme ein. Auf der Konferenz traf Bernie Sanders andere Politiker, die seine Kritik sicher teilen. Eingeladen hatte der Vatikan auch den Präsidenten Boliviens, Evo Morales. 

Die Katholiken in den USA und Franzikus

Der Vatikan scheint mit der politischen Revolution zu kokettieren. Natürlich ließ ein Sprecher zuvor verlauten, dass man sich nicht in den Wahlkampf einmischen wolle. Andererseits ist die heutige Konferenz gut gesetzt. In wenigen Tagen, am Dienstag, wird in New York die vielleicht wichtigste Abstimmung im Vorwahlkampf stattfinden. Sollte Sanders erneut siegen, könnte er den Abstand zu seiner Rivalin deutlich verringern.

‎@PeterOFallon1/Twitter

Eine vom Vatikan durchgeführte Konferenz über wirtschaftliche und soziale Fragen scheint wie gemacht für einen Politiker, dessen vernichtende Kritik am Kapitalismus und an der Einkommensungleichheit der Argumentation von Franziskus sehr ähnlich ist.

Und Sanders, der aus einer jüdischen Familie in Brooklyn stammt, erhält die höchsten Weihen bei der katholischen Bevölkerung in den USA, den Latinos und den irisch stämmigen Weißen. Da sich einer von fünf Amerikanern als Katholik identifiziert, spiegeln die sogenannten „Catholic bloc votes“ gut die Stimmung im Land wieder.

Allerdings gibt es einige Trends: Die lateinamerikanischen Katholiken wählen überwiegend demokratische Kandidaten, während die Republikaner unter den weißen Katholiken stärker abschneiden. Nachwahlbefragungen zeigen allerdings, dass die „katholische Stimmen“ seit 1972 immer den späteren Gewinner der Präsidentschaftswahlen unterstützen, so auch Barack Obama im Jahr 2008.

Noch im Januar hatte Hillary Clinton einen Vorteil unter den Katholiken. Insgesamt 69 Prozent der katholischen Demokraten hielten sie für die bessere Präsidentin im Vergleich zu 46 Prozent, die lieber Bernie Sanders im Amt sehen. Was allerdings fast alle amerikanischen Katholiken verbindet, ist die Beliebtheit von Franziskus. Neun von zehn amerikanischen Katholiken loben sein freimütiges Eintreten für die Armen und Entrechteten, sowie sein Engagement für Umwelt.

„Als Bernie Sanders ins Rennen ging, wollte er das politische Klima eine bisschen verändern, einige Probleme wie wirtschaftliche Ungleichheit ansprechen und Hillary Clinton nach links drücken“, erinnert sich Charlie Koch, Herausgeber des Cook Political Report.

Nachdem Sanders die letzten sieben von acht Vorwahlen gewonnen hat, merkt die Öffentlichkeit, dass er wirklich gewinnen kann