Waffenstillstand in Syrien: Töten wichtiger als Retten

Joint Precision Airdrop Sytem im EInsatz für kostbare Fracht: Air Force-Angehörige verladen Paletten in eine C-130J Hercules, Bagram AF, Afghanistan, November 2011.
Joint Precision Airdrop Sytem im EInsatz für kostbare Fracht: Air Force-Angehörige verladen Paletten in eine C-130J Hercules, Bagram AF, Afghanistan, November 2011.
Hilfslieferungen landen im IS-Gebiet, weil der US-Army ein technisches System für 60.000 Dollar pro Stück zu teuer ist, welches für einen "rein humanitären Abwurf" von Hilfsgütern in Frage kommt. Wenn es darum geht, Menschen zu töten, schaut das Pentagon nicht auf die Kosten. Aber wenn das Leben vieler Menschen gerettet werden soll, wird kein Dollar zu viel ausgegeben.

Ein Gastbeitrag von Rainer Rupp

Beim Töten von Menschen nimmt die US-Airforce wenig Rücksicht auf Kosten. Um Menschen vor dem Verhungern zu retten, sind bereits 60.000 Dollar zu teuer. Auf diese perverse Priorität der US-Regierung, die ihre Soldaten rund um die Welt angeblich für Humanität und Menschenrechte in den Kampf schickt, machte jüngst ein hochrangiger US-Luftwaffenoffizier ungewollt in einem Interview aufmerksam.

Dabei ging es um die Versuche der Vereinten Nationen, den teilweisen Waffenstillstand in Syrien zu nutzen, um die hungernde Bevölkerung in zuvor eingeschlossenen Städten mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen.

In den Regionen, wo alle Seiten die Feuerpause befolgen, ist es dem World Food Programm (WFP) der UNO gelungen, 113.000 Bewohner von sechs Städten auf dem Landweg mit Lastwagen zu versorgen. Die 200.000 Einwohner der vom IS eingeschlossenen Stadt Deir ez-Zor sind jedoch weiterhin vom Hungertod bedroht, wenn es nicht gelingt, sie aus der Luft zu versorgen. Dazu hatte die UN-WFP-Hilfsorganisation jüngst ein russisches Transportflugzeug gechartert.

Laut eines Berichts des britischen The Guardian ist die Versorgung aus der Luft jedoch total misslungen. Die gesamten 21 aus über siebentausend Meter Höhe abgeworfenen Fallschirm-Paletten mit Grundnahrungsmitteln sind entweder über das IS-Gebiet abgedriftet, unauffindbar in unzugänglichem Gelände verschollen, oder an Felsen zerschellt. Das Flugzeug habe in einer so großen Höhe fliegen müssen, um vor den Luftabwehrraketen der IS-Terroristen sicher zu sein, so der Guardian.

Leider erwähnte das britische Blatt mit keinem Wort, über welche - saudi arabischen - Kanäle diese Raketen aus US-amerikanischer Herkunft in die Hände der kopfabschneidenden "Gotteskrieger" gelangt sind. Allerdings existiert eine technische Lösung für das Problem, Frachtpaletten aus großer Höhe per steuerbarem Fallschirm trotz starker Seitenwinde auf den Punkt genau im Ziel zu landen.

Ein solches System haben die Logistiker der US-Airforce bereits seit einem Jahrzehnt im Einsatz. Bei der Technologie handelt es sich das “Joint Precision Airdrop” System (JPADS). Zuerst wird dabei über dem Ziel eine Sonde abgeworfen, die auf dem Weg nach unten die Geschwindigkeiten der verschiedenen Seitenwinde und deren Richtung misst. Die gemessenen Daten werden dann per Funk in die Software der Abwurfplaner eingespeist und verarbeitet.

Das errechnete Ergebnis bestimmt dann genau den so genannten „Computed Air Release Point“, also den Punkt im Luftraum über dem Ziel, wo die Fracht abgeworfen werden muss. Auf dem Weg nach unten empfängt dann jede Palette mit ihrem eingebauter Empfänger Signale vom Boden von der zuvor abgeworfenen Sonde und ihr steuerbarer Fallschirm bringt sie sicher ins Ziel.

Vor dem Hintergrund der misslungenen UN-Operation zur Versorgung von Deir ez-Zor sprach nun das Air and Space-Magazin, eine Publikation des renommierten US-Smithonian Instituts, mit einem ehemaligen US-Luftwaffenoffizier, der als Geschwaderkommandant einer US-Air Force Luftversorgungseinheit große Erfahrungen mit dem JPADS System gesammelt hat.

Nach Angaben des Offiziers dauert es mindestens fünf bis sechs Minuten, bevor eine aus siebentausend Metern abgeworfene Palette den Boden erreicht. Und da es oben „immer sehr windig ist“, seien die JPADS-Systeme extrem hilfreich. Aber weil sie etwa 60.000 Dollar pro Stück kosten, kämen sie „für einen rein humanitären Abwurf nicht in Frage", so der Militär.

Den letzten Satz sollte man nochmals lesen. Welche Mentalität enthüllen diese Worte? Wenn es darum geht, Menschen zu töten, schaut das Pentagon nicht auf die Kosten von Killerdrohnen, Bomben oder Raketen. Aber um das Leben vieler Menschen zu retten, ist ein System von 60.000 Dollar bereits zu teuer.

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