Leak: "IS-Dokumente" könnten 22.000 Terroristen aus mehr als 50 Staaten überführen

Leak: "IS-Dokumente" könnten 22.000 Terroristen aus mehr als 50 Staaten überführen
Geleakte Dokumente des sogenannten „Islamischen Staats“ (IS) mit den Namen von circa 22.000 Kämpfern aus 51 Ländern wurden dem britischen Sicherheitsdienst übergeben. Mittels der Papiere, die Sky News von einem Überläufer zugespielt wurden, erhoffen sich Sicherheitsbehörden umfassende Erkenntnisse zu Strukturen und Hintermännern. Ein bereits bekanntes und aufschlussreiches Detail aus den Dokumenten: Nur 1,7 Prozent der IS-Rekruten sind syrische Staatsbürger.

Die Dateien enthalten angeblich Daten von 22.000 IS-Rekruten aus aller Welt, darunter aus Großbritannie sowie dem Rest Europas, den USA, Kanada, Nordafrika und dem Nahen Osten.

Ein Großteil der 1.736 Dateien stellen einfache Fragebögen dar, die die Möchtegern-Dschihadisten ausfüllen mussten, um der Terrorgruppe beitreten zu können. Jedes Formular besteht aus 23 persönlichen Fragen, orientiert an typischen Bewerbungsbögen wie man sie in Personalabteilungen von Unternehmen nutzt.

Einige der Antragsformulare IS wurden scheinbar von Zaman Al Wasl veröffentlicht, einer syrischen oppositionellen Nachrichtenseite. Die Dokumente sind auf Arabisch verfasst und mit IS-Logos versehen.

Laut Zaman Al Wasl kommen die meisten IS Rekruten aus arabischen Ländern, wobei auf Saudi-Arabien, Tunesien, Marokko und Ägypten zwei Drittel der Dschihadisten entfallen. Bis zu 25 Prozent der Kämpfer sollen angeblich Saudis sein. Die Gruppe "Fremde" (nicht-arabischen) Rekruten wird von Türken angeführt, französische Staatsangehörige kommen an zweiter Stelle.

Die Seite behauptet, dass nur 1,7 Prozent der IS-Rekruten Syrer und nur 1,2 Prozent Iraker seien. Außerdem wird gemutmaßt, dass Iraker und Jordanier nur in irakischen Regionen wie Mosul und Ramadi das "Rückgrat" der IS Kräfte bilden.

Neuankömmlinge wurden angefordert, eine Person zu nennen, die sie als zuverlässige Kandidaten empfohlen hatte – eine Art "Referenz-Check." Diese Empfehlungsklausel wird wahrscheinlich Gegenstand einer besonders sorgfältigen Prüfung von Sicherheitsdiensten werden, an die Sky News die Unterlagen weitergeleitet hat.

"Es wird Ihnen [den Sicherheitsdiensten] Hinweise geben, nicht nur darüber, wer sie sind und wo sie herkommen, sondern es könnte sie potenziell zu den Individuen führen, die diese Personen radikalisiert sowie ihre Abreise unterstützt haben," sagte Afzai Ashraf, ein Anti-Terror-Experte bei dem Royal United Services Institute, gegenüber der Presse.

Die Dschihadisten-Anwärter mussten auch Angaben über ihre Vorkenntnisse im Schlachtfeld, Heimatstädte, Länder, durch die sie gereist sind, ihre Telefonnummer und ihr Verständnis des islamischen Rechts angeben. Die 'Bewerber' mussten auch eine Liste ihrer nächsten Angehörigen und eine gewünschte Position in der Gruppe, wie 'Kämpfer' oder 'Selbstmord-Attentäter', und besondere Fähigkeiten angeben. Eine der Dateien war als 'Märtyrer' markiert und widmete sich ausschließlich Kämpfern, die sich in die Luft sprengen sollten.

Bereits am Montag hat das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) angekündigt, dass sie Dokumente über Identitäten von Dschihadsten erhalten hatten, höchstwahrscheinlich dieselben Formulare wie die Sky News zugeleiteten.

Der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere, bestätigte die Echtheit der Dokumente und sagte, dass diese "schnellere, klarere Untersuchungen und strengere Haftstrafen" ermöglichen würde.

"Es hilft uns, die zugrunde liegenden Strukturen dieser terroristischen Organisation zu verstehen," fügte de Maiziere gegenüber der DPA hinzu. Das BKA hat keine Informationen bereitgestellt, über welche Wege es die Dokumente erhalten hat.

Richard Barret, ein ehemaliger britischer Diplomat und Sicherheits-Offizier, diente als Leiter der Weltweiten Anti-Terror Operationen für den britischen Geheimdienst, nannte das Material "eine unschätzbare Ressource für Analysten", die Aufschluss darüber gibt, wer der Terrorgruppe beitritt und warum.

Die Kopien der Dokumente sollen Sky News von einem ehemaligen IS-Mitglied übergeben worden sein, der einen USB-Stick mit Daten vom Leiter der sogenannten inneren Sicherheitspolizei der Gruppe gestohlen hatte. Der Mann, der unter dem Namen Abu Hamed bekannt ist, soll von der IS-Führung und deren Missachtung der islamischen Lehre enttäuscht sein. Er erklärte, dass islamische Regeln "innerhalb der Organisation völlig zusammengebrochen sind", was ihn dazu veranlasste die Gruppe zu verlassen. Hamed, der behauptet ein ehemaliges Mitglied der Freien Syrischen Armee zu sein, einer vom Westen unterstützte Anti-Regierungs-Rebellengruppe, übergab die Daten an Sky News an einem geheimen Ort in der Türkei.

Im Februar sagte der Leiter von Europol, Rob Wainwright, dass "Europa derzeit die höchste Terrorbedrohung in mehr als in einem Jahrzehnt ausgesetzt ist", unter Bezugnahme auf bis zu 5.000 Dschihadisten, die aus Syrien nach Europa zurückgekommen seien und sich hier frei bewegen würden.

"Wir rechnen vom [IS] oder anderen religiösen Terrorgruppen damit, irgendwo in Europa einen Angriffs zu inszenieren mit dem Ziel, sehr viele Opfer unter der Zivilbevölkerung zu verursachen", fügte er hinzu.

Seit dem Start des militärischen Konflikts in Syrien im Jahr 2011 sind zwischen 25.000 und 30.000 ausländische Kämpfer angeblich im Irak und in Syrien angekommen, 21 Prozent davon sollen aus Europa stammen.