Todenhöfer im Exklusiv-Interview mit RT: USA wollen schwache und zersetzte Staaten im Nahen Osten

Selbstmordattentat auf ein Polizeidienststelle in einem Wohnbezirk von Damaskus, Masaken Barza, Syrien, 9. Februar 2016.
Selbstmordattentat auf ein Polizeidienststelle in einem Wohnbezirk von Damaskus, Masaken Barza, Syrien, 9. Februar 2016.
Jürgen Todenhöfer, der 2014 als erster westlicher Reporter das Territorium der Terrormiliz „Islamischer Staat“ besuchen konnte, hat im Exklusiv-Interview mit RT erklärt, dass nach seiner Einschätzung der Waffenstillstand im syrischen Bürgerkrieg bisher halte. Er äußerte aber die Besorgnis, dass führende US-Politiker auf die Spaltung Syriens hin zu einer permanent fragmentierten Kriegszone setzen.

„Es gibt den Trend, dass Rebellen ihre Brigaden von denen der Terroristen separieren und das ergibt die Möglichkeit, die al-Nusra oder andere al-Qaida-Gruppen anzugreifen, ohne die Rebellen selbst anzugreifen“, sagte der 75-Jährige gegenüber RT im Skype-Interview. Er bemerkte, dass er regelmäßig mit Quellen aus den verschiedenen Konfliktlagern spreche, seitdem der von den USA und Russland ausgehandelte Waffenstillstand in Syrien in Kraft getreten ist.

Todenhöfer informiert:

„Jeder Tag, an dem der Waffenstillstand hält, ist ein wundervoller Tag für die Menschen. Sie sind glücklich und ich bin mehr denn je optimistisch, da es mittlerweile mehr Kontaktpunkte zwischen Rebellen und der Regierung gibt.“

Moskau gab an, dass es in den letzten drei Tagen mehr als 30 Waffenstillstandsbrüche gegeben habe. Beobachter von allen Seiten weisen jedoch darauf hin, dass die Feindseligkeiten insgesamt abflauten. Humanitäre Hilfsgüter erreichten belagerte Wohngebiete, wo Zivilisten vor dem Verhungern standen.

Jürgen Todenhöfer im RT Deutsch-Interview

Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und spätere Journalist und Nahost-Experte Todenhöfer sagte, er hoffe, dass der Waffenstillstand ein erster Schritt hin zu Formierung einer neuen Koalition, ausgehend vom syrischen Volk, sei, um den „Islamischen Staat“ aus eigenen Kräften zurückzuschlagen.

„Wenn die Rebellen beginnen würden, gemeinsam mit der offiziellen Regierungsarmee gegen den IS zu kämpfen, dann würden wir eine Chance haben, den IS zu besiegen und den Frieden in Syrien zu wahren. Es ist ein Traum, aber ein realistischer Traum“, sagte der Journalist. Er fügte aber auch hinzu, dass Meinungsverschiedenheiten zwischen der al-Assad-Regierung und der Opposition Hauptgrund für den seit mehr als fünf Jahren anhaltenden Bürgerkrieg sind. Die Rebellen bekämpfen nicht nur den IS, sondern auch den syrischen Präsidenten, den sie „als skrupellosen Diktator“ denunzieren.

In einem Exklusiv-Beitrag für den ‚Kölner Stadt-Anzeiger‘ am 25. Februar hat Todenhöfer einen umfassenden Einblick in die Kräfteverhältnisse auf dem syrischen Schlachtfeld gegeben und anlässlich dessen zwei Grafiken erstellt. Nach monatelanger Recherche kamen Jürgen und sein Sohn Frederic zum Ergebnis, dass Syrien mehr oder weniger klar viergeteilt ist, in ein Regierungs-, ein IS-, ein Rebellen- und ein Kurden-Gebiet. Hinzu kommt eine quantitative Auflistung der Truppenstärke der jeweiligen Konfliktpartei in Syrien.

Todenhöfer gilt als wortgewaltiger Kritiker westlicher Militärinterventionen. Er glaubt, dass es an der Zeit für die regionalen Unterstützerstaaten und die USA sei, ihren Beistand für die Rebellen einzustellen und damit aufzuhören, auf diese Weise Öl ins Feuer zu gießen.

„Die USA teilten den Irak, sie teilten Libyen und heute könnten sie Syrien in vier oder fünf Teile zersetzen. Geteilte Staaten sind schwache Staaten. Und ich habe den Eindruck, dass es einige US-amerikanische Politiker gerne sehen, dass schwache Staaten im Nahen Osten entstehen“, sagte er.

Als ehemaliger Besucher des IS-Territoriums - er reiste in die inoffizielle IS-Hauptstadt Rakka und in die irakische Hochburg Mosul für 10 Tage - glaubt Todenhöfer, die Terrormiliz „Islamischer Staat“ gut einschätzen zu können. Seiner Meinung zufolge sei der IS ausreichend gut organisiert, um auf eine unbestimmte Zeit existieren zu können. Außerdem seien Anschläge in Europa im Stile jener, die sich vergangenes Jahr in Paris ereigneten, unvermeidlich und würden weiterhin erfolgen.

IS made by USA. Bildquelle: xryshaygh.com

„Für den IS ist es viel einfacher, die Kräfte zu mobilisieren, die sie in den Ländern der Europäischen Union, den USA oder Russland haben. In diesen Ländern haben sie viele Fans. Diese koordinieren sich – und es ist überhaupt nicht schwierig, einen Selbstmordanschlag zu organisieren. Es ist billig und einfach“, sagte er.

Der Journalist bemerkte, dass es Europa noch immer nicht geschafft habe, den „Kampf der Ideen“ gegen den IS zu gewinnen, vor allem unter der eigenen desorientierten muslimischen Jugend, die von rechten Exzessen in Europa nur weiter radikalisiert werde.

„Wir müssen den Menschen zeigen, dass diese Ideologie falsch ist, dass diese Ideologie anti-islamisch ist. Es gilt es, den Menschen zu zeigen, dass dies der falsche Weg ist. Das löst kein einziges Problem. IS-Sympathisanten sollte auch aus islamischer Perspektive erklärt werden, dass die Taten des IS nichts mit dem Islam zu tun haben. Er ist eine Gefahr für den Islam und die meisten Menschen, die er im Nahen Osten tötet, sind Muslime“, fügte Todenhöfer abschließend hinzu.

 

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