„Gegen den Strom schwimmen“: Historisches Treffen der Kirchenoberhäupter in Kuba

„Gegen den Strom schwimmen“: Historisches Treffen der Kirchenoberhäupter in Kuba
Das historische Treffen der christlichen Kirchenoberhäupter, Patriarch Kyrill von der Russisch-Orthodoxen Kirche, und dem Oberhaupt der Katholischen Kirche, Papst Franziskus, in Havanna endete mit einer gemeinsamen Erklärung, in der an die politischen Führer der Welt appelliert wird, Christen im Nahen Osten davor zu bewahren, „vollständig ausgelöscht“ zu werden, und in der zur Hilfe für Flüchtlinge aus dieser Region aufgerufen wird.

„Unser Blick muss sich zuvorderst auf jene Regionen der Welt richten, wo Christen zum Opfer von Verfolgung werden“, heißt es in der Erklärung. „In vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas werden ganze Familien, Dörfer und Stäte unserer Brüder und Schwestern in Christus vollständig ausgelöscht.“ 

In der Erklärung wird die Welt dazu aufgerufen, sich gegen den Terrorismus zu vereinen und denjenigen zu helfen, die sich in der Geiselhaft von Extremisten befinden. Dies betrifft durchaus auch die christlichen Gemeinden selbst, befinden sich doch beispielsweise auch die Metropoliten von Aleppo, Pavlos Yazigi und Kollege Bischof Mar Gregorios Yohanna, seit April 2013 in den Händen dschihadistischer Extremisten. 

Die beiden geistlichen Oberhäupter gingen auch auf die Situation in der Ukraine ein und verurteilten, dass die Gewalt in dem Land „bereits viele Opfer gefordert, unzählige Verwundungen bei den friedlichen Einwohnern verursacht und die Gesellschaft in eine schwere wirtschaftliche und humanitäre Krise geworfen hat“. Patriarch Kyrill und Papst Franziskus riefen die Konfliktparteien zur Besonnenheit, zur sozialen Solidarität und zum Handeln auf, um den Frieden aufzubauen.

Bezüglich des Verhältnisses zwischen den Kirchen untereinander betonen beide Oberhäupter die gemeinsame Tradition der Kirche des ersten Jahrtausends und die „Sendung, das Evangelium Christi in der Welt von heute zu verkünden“. Diese Sendung beinhalte die gegenseitige Achtung für die Mitglieder der christlichen Gemeinschaften und schließe jede Form von Proselytismus aus.

„Wir sind nicht Konkurrenten, sondern Geschwister, und von dieser Vorstellung müssen alle unsere wechselseitigen Unternehmungen wie auch die gegenüber der Außenwelt geleitet sein“, heißt es in der Erklärung. So dürfe man nicht zulassen, dass unlautere Mittel eingesetzt werden, um die Gläubigen zum Übertritt von einer Kirche zur anderen zu bewegen und so ihre Religionsfreiheit und ihre Traditionen zu verneinen. 

In umfangreicher Weise gingen die beiden Kirchenoberhäupter allerdings auch auf gesellschaftliche Verwerfungen ein und auf Fehlentwicklungen, die zum einen die Freiheit und die religiösen Rechte der Christen und anderer Glaubensgemeinschaften, sondern das gesellschaftliche Leben insgesamt bedrohten. 

Dazu gehören der gemeinsamen Erklärung der Kirchenoberhäupter zufolge die zunehmende säkulare Intoleranz gegenüber Angehörigen religiöser Gemeinschaften und Irrwege der menschlichen Zivilisation. 

Patriarch Kyrill und Papst Franziskus sprachen dabei explizit die Krise der Familien in vielen Ländern besorgt. „Orthodoxe und Katholiken teilen die gleiche Auffassung über die Familie. Sie sind

aufgerufen zu bezeugen, dass sie ein Weg zur Heiligkeit darstellt, der in der Treue der Eheleute in ihren gegenseitigen Beziehungen, in ihrer Offenheit für den Nachwuchs und für die Erziehung der Kinder, in der Solidarität zwischen den Generationen und der Achtung der Schwächsten zum Ausdruck kommt“, heißt es in dem Statement. Auch wird die weit verbreitete Indifferenz gegenüber dem Verlust des Respekts vor dem menschlichen Leben kritisiert, die unter anderem in den Abtreibungszahlen und in der zunehmenden Akzeptanz von Euthanasie zum Ausdruck komme. Die Jugend der Welt riefen die Kirchenführer vor diesem Hintergrund zu couragiertem Handeln auf: „Habt keine Angst, gegen den Strom zu schwimmen, wenn ihr die Wahrheit Gottes verteidigt, der sich die heutigen weltlichen Normen durchaus nicht immer angleichen.“

„Wir treffen uns zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, erklärte Patriarch Kyrill gegenüber dem Papst. „Ich möchte noch einmal betonen, dass dieses Treffen durch den Willen Gottes zustande gekommen ist.“ 

Papst Benedict XVI feiert der 85. Geburtstag seines Bruders, Georg Ratzinger (rechts), während eines Konzerts bei den Regensburger Domspatzenim Januar 2009.

Im Rahmen des Treffens hielten die Kirchenoberhäupter ein zweistündiges Gespräch hinter verschlossenen Türen ab. Zuvor hatte man gemeinsam auf dem Platz der Revolution in Havanna den kubanischen Freiheitshelden José Marti geehrt. 

Der Päpstliche Nuntius für Russland und Usbekistan, Ivan Jurkovic, meinte, das Treffen werde signifikante „symbolische Konsequenzen“ haben. Er nannte das Treffen einen „guten Start“ und ein „Symbol“ für einen Neubeginn zwischen beiden Kirchen. „Dieses historische Treffen ist eine Art von Frucht aus so vielen Jahren wechselseitiger positiver Kontakte“, erklärte Jurkovic gegenüber RT. „Wir gehören zur selben Kultur.“

Zum Schisma zwischen Rom und Konstantinopel kam es im Jahr 1054 auf Grund von politischen, kulturellen und doktrinären Differenzen. Es konnte nie vollständig geheilt werden. Bis in die 1960er Jahre galten die Oberhäupter der Griechisch-Orthodoxen und der Katholischen Kirche sogar wechselseitig als exkommuniziert. Anders als die Römisch-Katholische Kirche hat die Orthodoxe Kirche kein universales Oberhaupt. Patriarch Kyrill repräsentiert jedoch mit 150 Millionen Gläubigen der Russisch-Orthodoxen Kirche die größte orthodoxe Einzelgemeinschaft.