Brief des Vize-Chefs der russischen Luftfahrtagentur an die Angehörigen der Opfer von  MH17

Laut dem Vize-Chef der der Föderalen Agentur für Luftfahrt in Russland, Oleg Stortschewoi, lagen der niederländischen Untersuchungskommission die Primärradardaten zu MH17 seit August 2014 von russischer Seite vor, allerdings zeigte dass Dutch Safety Board kein Interesse diese zu nutzen.
Laut dem Vize-Chef der der Föderalen Agentur für Luftfahrt in Russland, Oleg Stortschewoi, lagen der niederländischen Untersuchungskommission die Primärradardaten zu MH17 seit August 2014 von russischer Seite vor, allerdings zeigte dass Dutch Safety Board kein Interesse diese zu nutzen.
Der Vize-Chef der der Föderalen Agentur für Luftfahrt, Oleg Stortschewoi, hat sich an die Angehörigen der Opfer von MH17 gewandt, nachdem diese an Moskau und Kiew appelliert hatten, die jeweiligen Radaraufzeichnungen zum Zeitpunkt der Katastrophe zu veröffentlichen. Stortschewoi führt aus, dass Russland die primären Radardaten kurz nach dem Absturz an die Niederlande übermittelt hätte, diese wären jedoch nie für die Untersuchung genutzt worden. RT Deutsch dokumentiert den Brief im Wortlaut.

Moskau, der 09.Februar 2016

Sehr geehrte Damen und Herren!

Allem voran möchte ich Ihnen noch einmal mein Beileid im Zusammenhang mit dieser schrecklichen Tragödie aussprechen, wo Sie ihre Verwandten und Nächsten verloren haben.

Rekonstruktion des Cockpits von Mh17 anlässlich des Abschlussberichtes am 13 Oktober 2015

Wie Sie wissen, hat die Föderale Agentur für Luftfahrt die Russische Föderation offiziell bei der technischen Untersuchung der Umstände des Absturzes der malaysischen Boeing im Himmel über der Ukraine vertreten. Hiermit möchten wir auf Ihren an die Adresse des Präsidenten Russlands gerichteten Appell antworten, die Situation um die Gewährung der primären Radarangaben durch die russische Seite zu klären.    

Zuallererst möchten wir abermals betonen, dass Russland an der Feststellung der wahren Ursachen des Vorfalls höchst interessiert ist, und dass es sowohl während der ganzen Periode der technischen Untersuchung als auch nach ihrer offiziellen Beendigung weiterhin sein Bestes tut, um die Wahrheit festzustellen.   

Was nun die Gewährung der primären Radarangaben durch die russischen Seite betrifft, so erklären wir offiziell, dass die russische Seite bereits im August 2014, das heißt gleich nach der Tragödie, dem Untersuchungsrat für Sicherheit der Niederlande (OVV) alle vorhanden primären Angaben der Funkmessgeräte zukommen ließ, die den Flug MH 17 verfolgt hatten. Wir stellten dabei keine Bedingungen und Vorbehalte für eine weitere Verwendung und Bekanntgabe der übermittelten Radarangaben, Telefongespräche und anderen von dem OVV angefragten Daten. Obendrein verwahrt Russland nach wie vor diese Daten und ist bereit, sie erneut den zuständigen Organisationen zur Verfügung zu stellen.

Es ist zu präzisieren, dass die primären Radarangaben an den OVV in Form eines Bildschirmvideos der Flugkontrolle übermittelt wurden, die von einem russischen Lotsen durchgeführt worden war. Dabei möchten wir erklären, dass die primären Radarangaben der russischen Seite ausschließlich in Form der Videoaufnahme aufbewahrt werden, was gegen die Standards der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) keineswegs verstößt. Übrigens wird im Abschlussbericht des OVV nicht angemerkt, dass dies auf irgendwelche Weise die Schlussfolgerung auf die Umstände und Ursachen der Katastrophe des Fluges MH 17 beeinflusst hätte.

Wir möchten außerdem darauf hinweisen, dass sich die Katastrophe außerhalb des Luftraumes der Russischen Föderation ereignete, und dass die Maschine nicht von russischen Fluglotsen geführt wurde. Das Interesse an den russischen Radarangaben geht darauf zurück, dass unsere bei Rostow am Don liegenden Radarstationen dank ihren Eigenschaften die Route des Fluges MH 17 aufzeichnen konnten. Es sollte sich später herausstellen, dass man die primären Radarangaben nur den russischen Radarstationen hatte entnehmen können, weil der Modus der primären Radarortung bei den ukrainischen Mitteln der Luftfahrtkontrolle aus unerklärlichen Gründen und trotzt fehlender Reservemittel zur Gewährleistung der Flugsicherheit über der Zone des bewaffneten Konfliktes im Osten der Ukraine nicht funktioniert hatte.           

Was die Satellitenaufnahmen betrifft, so möchten wir unterstreichen, dass die Russische Föderation gleich in den ersten Tagen nach der Katastrophe alle ihr zur Verfügung stehenden Satellitendaten veröffentlichte. Sie bestätigen im Einzelnen Bewegungen und eine erhöhte Aktivität der ukrainischen Flugabwehrraketen-Komplexe vom Typ „Buk“ unmittelbar in der Zone des bewaffneten Konfliktes im Osten der Ukraine kurz vor der Tragödie. Russland überreichte zwar diese Angaben an den OVV. Wie wir es aber nach der Bekanntgabe des Abschlussberichtes feststellen sollten, wurden die Angaben der russischen Satelliten während der Ermittlung durch den OVV nicht zur Kenntnis genommen und gelangten nicht einmal in das Abschlussdokument.

 

Die russische Seite ist wie Sie an einer schnellstmöglichen, gründlichen und unparteiischen Untersuchung dieser schrecklichen Tragödie interessiert und unterstützt völlig Ihren Appell an die Führung der USA und der Ukraine, dem Ermittlungsgremium alle notwendigen Informationen zur Verfügung zu stellen. Die US-Seite soll zweifellos jene Satellitenaufnahmen veröffentlichen, die sie dem US-Außenminister John Kerry zufolge seit dem Zeitpunkt der Katastrophe besitzen soll, und die die Umstände der Katastrophe ans Licht bringen könnten. Auch die ukrainische Seite soll unbedingt die primären Radarangaben an die zuständige Kommission übermitteln bzw. deren faktisches Nichtvorhandensein glaubwürdig belegen.    

         

„Wir brauchen Informationen zum Cockpitdach“ – Niederländische Untersuchtungsbehörde zu MH17 bittet RT um Mithilfe

Seinerseits tat und tut Russland sein Bestes, indem es alle denkbaren Ressourcen in Gang setzt, um die Umstände des Absturzes der malaysischen Boeing zu klären. Um dem Ermittlungsgremium maximal effizient und objektiv zu helfen, beschlossen wir, an die Untersuchung Experten des heimischen Militärkonzerns und Entwicklers der „Buk“-Komplexe „Almas-Antei“ heranzuziehen. Der Konzern führte eine Reihe von höchstprofessionellen und höchstpräzisen Studien sowie zwei Experimente im Maßstab 1:1 unter freiem Himmel durch. Der Konzern „Almas-Antei“ gab außerdem einige Angaben über die Eigenschaften der „Buk“- und „Buk-M1“-Abfangraketen frei, was vorher niemals geschehen war. Alle den Experimenten und Studien abgewonnenen Kalkulationen und Daten wurden an den OVV überreicht. Russland hatte mehrmals die niederländischen Ermittler dazu eingeladen, sich an diesen Studien zu beteiligen. Allerdings bekundete der OVV, wie es auch aktuell die Gemeinsame Untersuchungsgruppe (GUG) tut, kein Interesse an einer solchen Zusammenarbeit. Unseres Erachtens haben diese Angaben mehr Bedeutung bei der Feststellung der Katastrophenursache, als die Radarangaben und die Satellitenaufnahmen. Trotzdem wurden sie von den an der Spitze der technischen Untersuchung stehenden Behörden nicht beachtet.          

Was die Qualität der technischen Untersuchung betrifft, so möchten wir Sie darauf aufmerksam machen, dass im Abschlussbericht unerklärlicherweise die Antwort auf die Hauptfrage fehlt: Inwieweit ist die Ukraine daran schuld, dass ihr Luftraum nicht gesperrt wurde. Kiews Schuld ist im Dokument verschwommen formuliert.    

Die regelmäßige Kritik an die Adresse Russlands im Zusammenhang mit der MH17-Tragödie zwingt uns immer wieder, daran zu erinnern, dass die russische Seite im Unterschied zu dem OVV und der GUG niemals die Untersuchungen hinauszögerte, für die sie zuständig war, und alle Verfahren offen ausführte, indem sie die Öffentlichkeit ständig über die Ergebnisse aller Gutachten und aller unternommenen Schritte informierte. Das war zum Beispiel bei der Untersuchung der Katastrophe einer russischen A321 über Ägypten der Fall. Damals unterstützte Russland trotz zahlreicher provokativer Deklarationen über die Ursachen des Absturzes keine der Vermutungen, bis die Spuren ausländischen Sprengstoffs am Flugzeugwrack nachgewiesen und dadurch die Vermutung eines Terroranschlags bestätigt wurde, wonach die internationale Öffentlichkeit und die Partner bei der Untersuchung darüber unverzüglich informiert wurden. Auf die gleiche Weise gestaltete sich die Untersuchung der Umstände des Absturzes eines russischen Kampfflugzeuges vom Typ „Su-24“ über Syrien. Russland leistete eine beispiellos transparente Arbeit, um die Ursachen des Vorfalls festzustellen, und lud zum Aufbrechen der Flugschreiber zahlreiche internationale Experten und Journalisten ein. Übrigens schätzten viele ausländische Fachleute, darunter aus Großbritannien, sowohl die Qualität der geleisteten Arbeit als auch die Transparenz des Verfahrens hoch ein.            

Das alles beweist, dass Russland sich immer an das Prinzip der konsequenten Schlussfolgerungen hält und keine Anschuldigung vor der Beendigung aller Ermittlungsprozeduren und vor dem präzisen Endergebnis aufstellt.   

Gleichzeitig wies Russland mehrmals auf die außerordentliche Intransparenz und Voreingenommenheit der technischen Untersuchung der Niederlande hin und solidarisiert sich mit Ihnen in Ihrem Versuch, Antworten auf zahlreiche offen gebliebene Fragen zu finden. Der OVV ist verpflichtet, Ihnen und der ganzen Welt zu erklären, warum die technische Untersuchung unvertretbar lange gedauert sowie in ziemlich abstrakten und verschwommenen Formulierungen gemündet hat; warum die niederländischen Behörden Faktenverdrehungen und Verheimlichung von Informationen zugelassen und gleichzeitig wichtige, von der russischen Seite zur Verfügung gestellten Daten außer Acht gelassen haben. Man muss den OVV wegen der im Abschlussbericht angeführten unglaubwürdigen Angaben über die Raketensplitter und deren Fundorte, wegen der mangelhaften Untersuchung der Einschussstellen am Flugzeugrumpf, des unlauteren Umgangs mit dem Flugzeugwrack, der falschen Ortung des Geländes, von wo aus die Rakete abgeschossen wurde, und wegen anderer Ungereimtheiten zur Rede stellen, von denen der Abschlussbericht wimmelt.      

Leider ist es um die Tätigkeit der Gemeinsamen Untersuchungsgruppe, die für die strafrechtliche Ermittlung zuständig ist, ähnlich bestellt. Die gleiche unberechtigte Hinauszögerung des Verfahrens und eine ziemlich wählerische Herangehensweise der niederländischen Seite bei der Auswahl der Partner bei der strafrechtlichen Ermittlung werfen eine Vielzahl von unangenehmen Fragen auf und lassen uns befürchten, dass die strafrechtliche Ermittlung das Schicksal der technischen Untersuchung wiederholen und die Wahrheit, wie auf Auftrag, nicht feststellen wird.   

Eben deshalb ruft Russland Sie, geehrte Verwandte und Nächsten der Opfer, auf, Antworten auf alle gestellten Fragen, aber auch die maximale Transparenz, Objektivität, Gründlichkeit und Schnelligkeit der Untersuchung sowohl durch die Niederlande als auch durch deren Partner zu fordern.     

Zuletzt möchte ich noch einmal die Bereitschaft der russischen Seite bestätigen, zu einer gründlichen und schnellstmöglichen Untersuchung der Ursachen dieser schrecklichen Tragödie beizutragen.  

Erlauben Sie mir, Ihnen noch einmal mein tiefstes Beileid auszusprechen.