Pussy Riot-Aktivistin veröffentlicht neues Musikvideo - Eine Kunstkritik

Nadeschda Tolokonnikowa in ihrem neuen Musikvideo. Quelle: PussyRiotVideo, Youtube
Nadeschda Tolokonnikowa in ihrem neuen Musikvideo. Quelle: PussyRiotVideo, Youtube
Die Aktivistin der russischen Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot, Nadeschda Tolokonnikowa, macht nun Pop und hat ein neues Musikvideo veröffentlicht, das im deutschen Mainstream für Entzückung sorgt. Unser Gastautor Gert Ewen-Ungar, selbst ein leidenschaftlicher Fan russischen Popkultur, hat sich das Werk angeschaut und findet Anlass zur Kritik.

Ein Gastbeitrag von Gert Ewen-Ungar

Es scheint mir, als käme ich nicht umhin, das neue Video von Pussy Riot zu besprechen, denn einerseits liegt mir die russische Popkultur am Herzen und andererseits fand das Video Eingang in die deutschen, sich selbst so nennenden “Qualitätsmedien”, und, wie die so sind, kommt es sofort zu massenhafter Verbreitung, weil alle voneinander abschreiben. Copy/Paste ist nämlich die neue deutsche Idee von journalistischer Qualität. Also muss man sich mit massenhaft Verbreitetem ganz unabhängig von der tatsächlichen Güte auseinandersetzen. Ich tue es ungern, denn ich halte Pussy Riot aus gutem Grund für eine marginale Randerscheinung in der russischen Popkultur.

Pussy Riot haben sich verkleinert. Pussy Riot existiert daher nicht mehr im Plural, denn es gibt nur noch Nadeschda Andrejewna Tolokonnikowa. Durch alle Berichte des deutschen Mainstreams hindurch wird sie als große Widerstandskämpferin und Feministin gefeiert.

Ein so einhelliger Gleichklang von Bild über Spiegel bis hin zum öffentlich-rechtlichen Auslandssender Deutsche Welle erregt eigentlich schon genug Misstrauen, um genauer hinzuschauen.

Generell berichten deutsche Medien faktisch nicht über die Erzeugnisse des russischen Pop, obwohl es eine unglaubliche Vielfalt gibt. Sie entspannt sich von seichter Unterhaltung bis hin zu durch und durch queeren und fundamental gesellschaftskritischen Werken. In Deutschland völlig unbekannt, versuche ich mit meinem Blog genau diese Vielfalt zugänglich zu machen.

In ihrem Video bezieht sich Pussy Riot auf einen Film von Aleksej Navalny, indem eine korrupte Struktur innerhalb der russischen Gesellschaft offengelegt wird. Das kann man sich auch ohne viel russische Sprachkenntnisse anschauen, jemand der regelmäßig “Report” oder “Panorama” sieht, findet unmittelbar Zugang.

Pussy Riot bezieht sich in Text und Video auf diesen Film und stellt ästhetisch einen Bezug zum Präsidenten der Russischen Föderation her, der im Film allerdings so nicht vorkommt. Kann man machen, die Kunst ist ja frei. In Russland freilich mehr als hier.

In Russland gibt es zwar keine Todesstrafe und auch keine Foltergefängnisse wie Guantanamo, aber das kann man natürlich trotzdem suggerieren, wie es Pussy Riot hier tut. Pussy Riot lässt kein negatives westliches Klischee über Russland aus, um es nicht noch in ihrem Video zu verbraten.

Es liegt daher der Verdacht nahe, dass es sich hier um eine Produktion für ein überwiegend westliches Publikum handelt, das seine Vorurteile über Russland bestätigt sehen möchte.

Um es mal auf deutsche Verhältnisse runter zu brechen, was Pussy Riot hier tut, sei mir folgendes Bild erlaubt.

Ein Musiker, er möge C-Rebell-um heißen, nimmt sich den Vorgängen um den Berliner Flughafen an. Diese Vorgänge sind wohl recherchiert und gut dokumentiert, allein eine restlose Aufklärung der dahinter liegenden Verflechtungen gibt es noch nicht bis in die Tiefe, und es wird sie vermutlich auch nie geben. Doch es ist ganz Deutschland klar, der Berliner Flughafen ist das in Beton gegossene Symbol deutscher Korruption; ein System aus Freundschaften, Arroganz und der unguten Verflechtung von Politik und Wirtschaft.

Der Musiker verknüpft das musikalisch in einem Videoclip mit der Figur der Kanzlerin, lässt ein paar Nazi-Verbände auf und ab marschieren, und, wir nehmen das jetzt einfach mal an, Owe Schattauer alias C-Rebell-um räkelt sich lasziv vor einem Bild der Kanzlerin; nur so der Wirkung halber, natürlich nicht aus echt gefühlter Erregung. Es würde, gäbe man so etwas mittels Schweigen nicht dem Orkus des Vergessens anheim, von allen Seiten Kritik hageln, denn es ist in der Ästhetik einfach billig.

“Merkel ist an allem schuld.” Das wäre die Aussage und es wäre wirklich verkürzte Kritik. Aber genau das ist im Hinblick auf Russland die Kritik von Pussy Riot: “Putin war’s.” Wie plump. Und der deutsche Journalismus verteilt die Idiotie innerhalb seiner Grenzen. 

Es gibt Korruption, in Deutschland wie in Russland, doch so einfältig wie von Pussy Riot suggeriert funktioniert sie nicht. Und so leicht auszumerzen ist sie ebenfalls nicht. Wir haben, das sei hier angemerkt, zahlreiche ganz zweifelhafte Personen in hohen Funktionen.  Einen höchst zweifelhaften Finanzminister beispielsweise, der gerade Europa den Todesstoß versetzt hat, und kaum jemand hierzulande stört sich an dessen diversen Freundschaftsdiensten.  

Das Werk von Pussy Riot wird von russischer Seite wohl eher dem Vergessen überlassen, zumal es sich musikalisch und inhaltlich um eine Kopie handelt.

Aber lassen wir uns dennoch ein wenig weiter spekulieren. Was wäre, würde das vielleicht nicht ganz so hochwertig produzierte Video von C-Rebell-um von ausländischen, sagen wir russischen Medien ausgiebig rezipiert, würde dort hochgelobt und als der zentrale Moment des Widerstandes des deutschen Volkes gegen das grausame System Merkel gefeiert, während es hierzulande keine Chart-Platzierung erreichen könnte?

Und genau jetzt sind wir am eigentlichen Punkt angelangt. Denn spätestens dann würde die deutsche Presse und Politik toben. Und ehrlich gesagt auch zu recht. Denn international gilt das Prinzip der Nichteinmischung, gegen den sowohl die deutsche Politik und der deutsche Journalismus in ihrer Allmachtsucht täglich vehement verstoßen. Deutscher Journalismus versucht, in Russland Politik zu machen. Deutsche Politik sowieso. Wie würden wir so etwas in der Umkehrung hier empfinden?

Nach getarner Arbeit: Demonstranten ruhen sich vor symbolischen Gräbern auf der Reichstagswiese aus. Foto: Ben Frieden

Spätestens dann, würde vom Propaganda-Feldzug der Russen gesprochen. Genau das ist es, was unsere Journalisten tun. Es ist ein Propaganda-Feldzug mit einer widerwärtig dümmlichen Rhetorik, die allein durch Wiederholung versucht, eine Wahrheit zu erschaffen, die es so nicht gibt. 

Doch genau das ist es, was die deutschen “Qualitätsmedien” per Copy/Paste jetzt mit dem Clip von der in Russland völlig unbedeutenden Pussy Riot machen. Sie schreiben eine Clip hoch, der in Russland niemanden interessiert. Nicht mal der Titel bei youtube ist in kyrillisch. Alles ist ausschließlich für den westlichen Markt gemacht.

Die Orgie der Lust an schlechter Musik und mäßigen Bildern der deutschen Medien wirft daher ein Licht auf den Zustand des deutschen Journalismus. Wenn es der Propaganda dient, dann nehmen sie einfach alles. Eine seriöse Auseinandersetzung mit beispielsweise russischer Popkultur führt der Mainstream nicht. Zu komplex. Zu vielschichtig, nicht vermittelbar, mögen die Argumente sein. Davor muss der Leser in Schutz genommen werden. Daher bitte nur platte Botschaften. Pussy Riot bedient genau das. Doch der Leser ist im Geist weiter.

Zuerst erschienen auf logon-echon.

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