US-Marine sieht Ende der Dominanz zur See und bereitet sich auf Konflikt mit Russland und China vor

US-Marine sieht Ende der Dominanz zur See und bereitet sich auf Konflikt mit Russland und China vor
Die US-Marine plant die dauerhafte Stationierung von Kriegsschiffen im Mittelmeer, um auf die "verschärften russischen Aktivitäten vor Ort" zu reagieren, so ein hochrangiger US-Marine-General. Admiral John Richardson, „Chief of Naval Operations“, verkündete bei einer kürzlichen Rede vor dem nationalen Presseklub, dass sich die Periode absoluter US-Dominanz zur See ihrem definitiven Ende zuneigt, da Russland und China ihr Militärpotenzial, insbesondere die Marine, massiv ausbauen.

Die Marine der Vereinigten Staaten prüfe eine „langfristige“ Stationierung von Kriegsgerät und Truppen in Ergänzung zu den bereits nach Rota in Spanien verlegten vier Lenkraketenzerstörern, sagte ein hochrangiger Offizier der US-Kriegsmarine, der namentlich nicht genannt werden wollte, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Sputnik.

„Sie könnten diese Überlegungen auf die Flüchtlingskrise und die damit einhergehenden Belastungen für die europäischen Marineeinheiten zurückführen, aber es sicherlich auch aus der erhöhten Marinepräsenz und den Fähigkeiten Russlands herleiten“, fügte er hinzu. Die USA evaluieren in diesem Zusammenhang die maritimen Fähigkeiten ihrer europäischen Alliierten, die diese perspektivisch gegen Russland aufbringen könnten – offenbar sei das aus Sicht des Pentagons zu wenig.

„Der Grund für diese Diskussionen […] erneut ganz oben auf der Agenda, ist die erhöhte russische Präsenz und deren Folgen“, wiederholte der Offizielle unmissverständlich.

Seit Mitte der 1990er Jahre haben die Vereinigten Staaten keine permanente Militärpräsenz im Mittelmeerraum mehr. In den letzten Jahren haben die USA stattdessen in Übereinstimmung mit dem europäischen Programm zur Kreierung eines Raketenabwehrschilds (BMD) – offiziell gegen Iran gerichtet, de facto geplant, um das nukleare Abschreckungspotenzial Russlands zu neutralisieren – zahlreiche Lenkraketenzerstörer der modernen Arleigh-Burke-Klasse unweit der strategisch wichtigen Straße von Gibraltar stationiert. Diese ist der einzige Ausgang – abgesehen vom künstlich erbauten ägyptischen Suezkanal – aus der Mittelmeerregion. Im Zusammenhang mit dem BMD wird Russland als gefährlicher sowie destabilisierender Staat beschrieben.

Zuvor betonte am 12. Januar der „Chief of Naval Operations“, Admiral John Richardson, in einer Rede vor dem nationalen Presseklub, dass sich die 25-jährige Periode absoluter US-amerikanischer Dominanz zur See ihrem Ende zuneigt, da Russland und China ihr Militärpotenzial massiv auszubauen vermochten.

„Als sich die Sowjetunion auflöste, endete auch der Kalte Krieg. Wir traten in eine Periode ein, in der wir […] zur See nicht herausgefordert wurden, zumindest nicht einer erheblichen Weise. Diese Ära ist vorbei“, warnte Admiral Richardson.

US-Fallschirmspringer bilden ukrainische Infanteristen im Rahmen des Programms

Mit Blick auf Moskaus wachsende militärische Macht sagte Richardson, dass die russische Marine „mit einer seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht gesehenen hohen Frequenz und Geschwindigkeit operiert“. Die russische Einsatzgruppe im Mittelmeer setzt sich seit Ende 2012 aus 12 Kampf- und Versorgungsschiffen zusammen. Der Lenkraketenzerstörer „Varyag“ wurde der russischen Missionen vergangene Woche hinzugefügt.

Außerdem beschrieb der US-amerikanische Vizeadmiral Joseph Mulloy die U-Bootflotte Chinas als „ziemlich erstaunlich“ und als eine, die „enorm schnell wächst“. Eigenen Angaben zufolge verbucht Peking inzwischen mehr Diesel- und auch nuklear betriebene U-Boote als Washington.

Besonders pikant hinsichtlich einer potenziellen Überlegenheit der U-Bootflotte gegenüber der Flugzeugträger-zentrierten US-Marine ist eine Meldung des französischen Verteidigungsministeriums von Anfang 2015 - die ihrer Tragweite wegen kurze Zeit später vom Netz genommen werden musste -, wonach ein französisches U-Boot vom Typ „Safir“ bei einer Kriegssimulation die „halbe Kampfgruppe des Flugzeugträgers Theodore Roosevelt zerstört“ hatte.

Während der westliche Mainstream diesen Umstand offenbar freimütig übersah, erkannten chinesische Militärbeobachter die zumindest in einer Simulation augenfällig gewordene Anfälligkeit der US-Marine.

Unter dem Titel „Ein nukleares U-Boot versenkt eine halbe Flugzeugträger-Kampfgruppe“ führte das militärische Fachmagazin „Kampfmittelindustrie, Wissenschaft und Technologie“ aus China (auf Chinesisch: 兵工科技) ein Interview mit dem Universitätsprofessor Chi Guocang, der den USA trotz abwiegelndem Duktus eine potenzielle Verletzlichkeit zumaß.

Admiral Richardson jedenfalls konnte oder wollte öffentlich keinen Einblick in mögliche Gegenmaßnahmen geben, die die Marine der USA zu erwägen gedenkt, um die aufstrebende Volksrepublik in Fernost wieder „auf ihren Platz zu verweisen“. Seiner Meinung nach wollen Moskau und Peking die sogenannten „drei globalen Kräfte“ zur Konsolidierung ihres steigenden Einflusses instrumentalisieren. Diese sind: Handelswege auf den Weltmeeren, globale Informationssysteme, Innovationen. Diese Evaluation gehe mit der neuen strategischen Ausrichtung der US-Navy einher, die Anfang Januar 2016 unter dem Titel „A Design for Maintaining Maritime Superiority“ (zu Deutsch: Ein Entwurf zum Erhalt der maritimen Überlegenheit) veröffentlicht wurde.

Auch Moskau hat seine maritime Strategie überarbeitet und im Juli 2015 öffentlich gemacht. Daraus geht hervor, dass Russland im Zuge der Wiedervereinigung mit der Krim seine Aktivitäten im Schwarzen Meer, wo vor allem der NATO-Staat Türkei operiert, in der Arktis und dem Atlantik auszuweiten plant. Zu diesem Zweck wurden neue Kampfschiffe und U-Boote für die russische Marine in Auftrag gegeben, um Moskaus regionale wie globale Reichweite auf eine robuste Basis zu stellen.

„Wenn wir den sich wandelnden Charakter des Spiels anerkennen und dem nachgehen, dann setzen wir unsere Marine dem Risiko aus gegenüber unseren Konkurrenten zurückzufallen“, betonte Richardson.

Bemerkenswert an den jüngsten Aussagen der US-Militärs ist, dass der Nahe Osten angesichts der Abenteuer der Bush-Administration in Afghanistan und Irak sowie der forcierten Förderung der Fracking-Technologie in den USA im geopolitischen Interesse Washingtons spätestens seit 2011 eine zunehmend geringere Rolle spielen werde.

US-Stationierungen im Persischen Golf dienten primär der Absicherung von Erdöllieferungen und internationaler Handelswege gegen potenzielle feindliche Übergriffe aus dem Iran. Das erübrigt sich nun spätestens seit Abschluss des Atomdeals mit der Islamischen Republik im vergangenen Jahr.

Eine Karte der deutschen Denkfabrik SWP zeigt die US-amerikanischen Truppenstationierungen im Persischen Golf auf:

Noch im Juni 2012 erklärte der damalige US-Verteidigungsminister Leon Panetta, dass Washington rund drei Fünftel seiner Marine im Pazifik und Chinesischen Meer stationieren wolle. Während das Verhältnis von US-Kriegsschiffen und U-Booten derweil zwischen Atlantik und Pazifik größtenteils ausgeglichen ist, soll die Entwicklung im Jahr 2020 in eine pazifische Konzentration münden. US-Militärs erwarten eine Militärverteilung von 60 zu 40 Prozent zwischen Pazifik und Atlantik.

Die russische Luftkampagne in Syrien, die am 30. September 2015 auf Anfrage der al-Assad-Regierung gestartet wurde, scheint in Washington die Alarmglocken zum Schrillen gebracht zu haben. Russland baute in der syrischen Provinzhauptstadt Latakia eine neue Militärbasis auf und konsolidierte durch seine Luftkampagne die al-Assad-Regierung. Mittels Damaskus ergibt sich der Russischen Föderation wieder die Gelegenheit, sich im Nahen Osten umfassender zu engagieren. Dabei bietet sich für Moskau ein strategisches Bündnis mit der schiitischen Achse bestehend aus dem Iran, der irakischen Regierung, der libanesischen Hisbollah und Syrien an.

Ein Bündnis mit dem schiitischen Halbmond eröffnet Moskau nicht zuletzt die Chance, seine Widersacher Türkei, Saudi-Arabien und Katar im Rahmen des syrischen Bürgerkrieges regional unter Druck zu setzen.

Für die USA gleicht der Einflussgewinn Russlands im Nahen Osten dem Verlust einer Rückfront, während das US-Militär eine potentielle Konfrontation mit Peking im Chinesischen Meer vorbereitet. Washington dürfte es auch in Zukunft nicht leichter fallen, eine zunehmende russische und chinesische Dynamik auf den Weltmeeren gleichzeitig zu bekämpfen.