Atlantic Council: Türkische Militärkreise haben kein Interesse an Bündnis zwischen Paris und Moskau

Atlantic Council: Türkische Militärkreise haben kein Interesse an Bündnis zwischen Paris und Moskau
Der „Atlantic Council“ hat sich in einer ausführlichen Analyse den geopolitischen Interessen und Auswirkungen rund um den Abschuss der Su-24 gewidmet. Die transatlantische Denkfabrik kommt zu der Einschätzung, dass die Türkei im Grunde wenig Interesse daran hat, Russland tatsächlich nachhaltig in eine breite Allianz gegen den IS zu integrieren. Gerade die Annäherung an Frankreich im Zuge der Attentate von Paris sei Regierungs- wie Militärkreisen in der Türkei ein Dorn im Auge.

Zwischen Russland und der Türkei hat der Abschuss der Su-24 zu einer vorläufigen Beendigung militärischer Kooperation, zur Absage gemeinsamer Termine mit politischer Beteiligung, zur Stornierung geplanter Reisen und zum Stillstand bereits geplanter Projekte, wie etwa 30 türkischer Investitionsvorhaben auf der Krim, geführt. Gleichzeitig hat die Russische Föderation jedoch abermals die Bildung eines gemeinsamen internationalen Generalstabes zur Bekämpfung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) unter Einschluss aller im Kampf gegen den Terror aktiver Länder inklusive der Türkei angeregt.

 Von der Türkei veröffentlichte Flugdaten.  Quelle: Twitter @CNNTURK_ENG

Die Angaben beider Seiten zum Hergang des Vorfalls sind nach wie vor widersprüchlich. Während der überlebende russische Pilot, der von der syrischen Armee und Hisbollah-Milizen vor dem Zugriff der turkmenischen Milizen gerettet werden konnte, die zuvor seinen Co-Piloten getötet hatten, angab, nicht gewarnt worden zu sein, legte die türkische Regierung eine Tonbandaufnahme vor, die belegen soll, dass die Warnungen mehrfach erfolgt wären.

Wie nach jedem Zwischenfall stellt sich auch bezüglich des Abschusses des Su-24-Kampfflugzeuges die Frage, wem die nunmehrige Eiszeit zwischen der Türkei und Russland, zwei aufstrebenden Nationen mit polarisierenden Persönlichkeiten an der Staatsspitze, die mehrfach westlichen Vorhaben und Plänen im eurasischen Raum im Weg standen, nützt.

Einen Keil zwischen die Türkei und Russland zu treiben, liegt unter anderem im Interesse der Europäischen Union, die zuletzt angesichts der sich immer stärker zuspitzenden Flüchtlingskrise genötigt sah, sich sowohl gegenüber Moskau als auch gegenüber Ankara kompromissbereit zu zeigen. Natürlich hatte auch die NATO seit längerer Zeit mit Argwohn auf Tendenzen in der Türkei geblickt, die das Land weiter weg von Westeuropa und näher an Russland heranrücken ließen.

Ein rechtzeitig provozierter Zwischenfall könnte nun die in letzter Zeit immer konkreter gewordene Integration Russlands in eine umfassende Anti-IS-Koalition hintertreiben und gleichzeitig die Türkei wieder enger an den Westen binden. Allerdings mutmaßt der „Atlantic Council“ in seinem Beitrag auch, dass vermutlich einige Regierungs- wie Militärkreise in der Türkei, welche lieber von einer transatlantischen Achse träumen, nicht wirklich davon begeistert sind, wie eng Frankreich und Russland seit den Terroranschlägen in Paris aneinander nähergerückt sind.

Der Zwischenfall hat einmal mehr gezeigt, dass die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Syrienkonflikt auch zwei Monate nach dem aktiven Eingreifen der Russischen Föderation ein einheitliches Vorgehen behindern. Auch Frankreichs Präsident François Hollande wird nun bei seinen Bemühungen, Russland in eine umfassende Anti-IS-Koalition zu integrieren, Gegenwind erfahren. Einen solchen Vorschlag hat er am 24.11. im Weißen Haus zur Sprache gebracht und will dies im weiteren Verlauf der Woche auch noch gegenüber Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin tun.

Während die Türkei eine Symbiose zwischen Assad und dem IS sieht, da der "Islamische Staat" Assad zur Rechtfertigung seines agreesiven Vorgehens gegen ganze Ortschaften und Stadtteile diene und überall dort vorrücke, wo die „moderate Opposition“ unter Beschuss gerät, beschuldigt Russland die Türkei, den IS zu unterstützen, indem man dessen Öl kauft und Terroristen mit Waffen versorge.

Die Türkei fordert eine stärkere – auch waffentechnische – Unterstützung von Rebellengruppen gegen Assad, um diesen so weit schwächen zu können, dass er freiwillig einem Rücktritt zustimmt. Moskau hingegen sieht zwischen dem IS und anderen Rebellengruppen keinen nennenswerten Unterschied.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg mahnte im Rahmen einer Sondersitzung am Dienstagabend eine Rückkehr zu Diplomatie und Deeskalation an. Auch US-Präsident Barack Obama sprach sich in einem Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan dafür aus, rasch wieder zu einem konstruktiven Verhältnis zurückzufinden. Zuvor hatten beide erklärt, das Agieren der türkischen Streitkräfte hätte sich im Rahmen des vorgesehenen Prozedere gehalten.

Russland könnte nun seinerseits durch eine zu deutliche Reaktion die Koordination des multinationalen Kampfes gegen den IS erschweren und die Türkei durch den Rückzug aus gemeinsamen Projekten oder gar eine Erschwerung des Erdgasbezuges wirtschaftlich unter Druck setzen. Bis dato deuten sich jedoch keine ernsthaften Überlegungen in diese Richtung an.

Es bleibt allerdings auch festzuhalten, dass eine Vertiefung der Gräben zwischen Russland und der Türkei vor allem dem Westen nützt, der ein eminentes Interesse daran hat, einen Keil zwischen die beiden Akteure an der europäischen Peripherie zu treiben. 

Von RT Deutsch-Redakteur: Ali Özkök

Trends: # Abschuss der Su24 über Syrien
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