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"Militärische Ziele" der USA in Afghanistan: Über 70 Kinder unter 117 Toten bei nur 11 Luftangriffen

"Militärische Ziele" der USA in Afghanistan: Über 70 Kinder unter 117 Toten bei nur 11 Luftangriffen
Auf Afghanistan "regnet" es vermehrt Luftangriffe, bei denen auch immer wieder Kinder und andere Zivilisten getötet werden, wie hier bei einem Luftangriff in der Provinz Ghazni im Februar 2018.
Mit akribischem Rechercheaufwand hat ein Recherchenetzwerk fünf Monate elf Luftangriffe in Afghanistan untersucht, einen Bruchteil der ausgeführten Angriffe. Die Ergebnisse zeigen verheerende Folgen des Militäreinsatzes, die die USA lieber verschwiegen hätten.

Ein großes Team um das Bureau of Investigative Journalism (TBIJ, deutsch: Büro investigativer Journalisten), die sich seit Langem mit Kriegsverbrechen befassen, hat rund 100 Luftanschläge in Afghanistan näher untersucht, nachdem sie einen Aufwärtstrend an Fällen festgestellt hatten, bei denen vorrangig Gebäude wie Familienhäuser getroffen wurden.

Es sei schwierig, in einem Land wie Afghanistan genaue Hintergründe über die vielen Luftangriffe zu finden, schreiben die Mitarbeiter des TBIJ. Doch sie befassen sich seit Langem mit der Frage nach den zahlreichen in Afghanistan "abgeschlachteten Zivilisten", machen ihre Methoden publik und greifen teils auf offene Quellen zurück. Nachdem eine gesamte Familie mit elf Mitgliedern auf einen Schlag ausgelöscht wurde, gingen sie den Ursachen durch Nutzung von Experten-, Augenzeugen- und Nachrichtenberichten, Beiträgen in sozialen Medien, Fotos vom Anschlagsort, Satellitenbildern und Geolokalisierung auf den Grund. Die Beweislage war eindeutig, das US-Militär hatte die tödliche Bombe abgeworfen.

Bei der Beurteilung der Frage, ob die USA sich überhaupt aus Afghanistan zurückziehen können oder nicht, wird auch die Stärke der Afghanischen Nationalen Armee eine entscheidende Rolle spielen.

Für ihre Untersuchungen kooperierte das Büro investigativer Journalisten mit anderen Korrespondenten und Reportern von Al Jazeera, der New York Times und Rechercheuren von Bellingcat auf, die fünf Monate lang eine Reihe von Luftangriffen untersuchten, bei denen mehr als 100 Zivilisten getötet wurden. Diese Auswahl der zahlreichen Luftanschläge wurde anhand ihrer auffallenden Gemeinsamkeiten untersucht – in allen Fällen wurden Gebäude, oft Familienhäuser, getroffen, eine Art von Angriffen, die sich laut TBIJ merklich häufte.

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Während die US-amerikanischen und afghanischen Streitkräfte – die einzigen, die Luftangriffe im Land durchführen – die Verantwortung leugnen, gelang es dem Netzwerk festzustellen, dass neun der elf untersuchten Luftangriffe auf zivile Wohnhäuser zwischen Juni 2018 und Juni 2020 vom US-Militär verübt wurden. Bei zwei der Fälle konnten sie nicht mit abschließender Sicherheit feststellen, ob sie von den USA oder Afghanistan verübt wurden.

Dabei wurden insgesamt 117 Zivilisten getötet, darunter mehr als 70 Kinder. Auch ein Angriff auf ein Gebäude, in dem eine NGO tätig ist, wurde verübt, was zu weiteren zwei toten afghanischen Zivilisten führte. Die Journalisten, die auf internationale Expertise und zahlreiche Quellen zurückgriffen, kamen damit zu Ergebnissen, die andernfalls kaum je das Licht der Öffentlichkeit erreicht hätten, da zuständige militärische Quellen andere Angaben machten.

US-Militär erklärt Kinder zu legitimen militärischen Zielen

So behauptete das US-Militär beispielsweise im Fall eines untersuchten Luftangriffs vom 19. Juli 2018 in der Provinz Kundus öffentlich, dass alle 14 bei dem Angriff getöteten Personen – darunter waren sieben Kinder – legitime militärische Ziele gewesen seien.

Zu den Quellen, die im Gegensatz dazu getötete Zivilisten fanden, gehörten Überlebende des Anschlags, Journalisten von Al Jazeera, die trotz der Gefahren im März 2020 an den Standort reisten (hier ein Dokumentarfilm zum Thema auf Englisch), eine UN-Untersuchung sowie Recherchen der New York Times, deren Liste der Getöteten von Familienmitgliedern zur Verfügung gestellt und von Regierungsbeamten und dem Krankenhaus, in das zwölf der Leichen gebracht wurden, überprüft worden war. Demnach handelte es sich um fünf Frauen, sieben Kinder im Alter von zwei bis 14 Jahren und zwei Männer – einen Vater und einen Onkel der Kinder. Das US-Militär verkündete nach weiteren Nachforschungen am 10. August, dass es nach Prüfung aller "relevanten und vernünftigerweise verfügbaren" Informationen "keine glaubwürdigen Informationen zur Untermauerung der Anschuldigungen" gefunden habe. Sogar die afghanische Regierung, die den Vorfall zunächst anders dargestellt hatte, machte ihre Erkenntnisse rückgängig und bestätigte, dass Zivilisten ums Leben gekommen waren.

Im Jahr 2019 warfen die USA mehr Munition auf Afghanistan ab als in jedem anderen Jahr des vergangenen Jahrzehnts. Damit überstieg die Zahl der Todesopfer durch US-amerikanische und afghanische Streitkräfte jene durch die Taliban, eine Entwicklung, die die UNO auf verstärkte Luftangriffe zurückführt. Auf Afghanistan "regnet es Luftangriffe", wie das TBIJ schreibt, während Al Jazeera betont, dass sowohl das US-amerikanische als auch das afghanische Militär eine schlechte Bilanz bei der Untersuchung von zivilen Opfern der Luftangriffe vorzuweisen hat. In der Tat wurden einige der vom TBIJ untersuchten Luftangriffe vom US-Militär komplett geleugnet, bis die Beweise der nicht-militärischen Quellen sich derart verdichtet hatten, dass eine Leugnung nicht mehr möglich war.

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Das TBIJ-Schattenkriegsprojekt befasst sich seit Jahren mit dem umstrittenen US-Drohnenkrieg und anderen verdeckten Militäraktionen in Pakistan, Afghanistan, dem Jemen und Somalia – also außerhalb der offiziellen Kriegsgebiete. Demnach war eine Zunahme der geheimen Aktionen auch deshalb zu verzeichnen, weil US-Präsident Donald Trump wie sein Vorgänger Barack Obama Truppeneinsätze scheut und gleichzeitig militärische Antworten auf radikale Gruppierungen zusagt, dabei aber noch weniger Transparenz bietet und mehr geheime militärische Einsätze billigt. So zitiert das TBIJ Peter Singer, Senior Fellow der New America Foundation: "Schattenkriege dauern schon lange an, aber was eindeutig passiert ist, ist, dass sie sich beschleunigt haben und die Mechanismen für Aufsicht und öffentliche Bekanntmachung zurückgeschraubt wurden. Die Trendlinien waren schon vorher da, aber das Trump-Team hat sie nur auf Steroide gesetzt." Anfang September beendete das Schattenkriegsprojekt seine Arbeit, nachdem es die Hintergründe der Tode Tausender Zivilisten durch inoffizielle Militäraktionen beleuchten konnte.

In dieser Woche veröffentlichte die Brown University die nach eigenen Angaben erste umfassende Untersuchung über die Zahl der Menschen, die in Ländern wie Afghanistan, den Irak, Pakistan, den Jemen, Somalia, den Philippinen, Libyen und Syrien von der militärischen Beteiligung der USA im Namen des Kriegs gegen den Terror betroffen sind. Demnach waren es – nach äußerst konservativen Schätzungen, wie die Autoren betonen – rund 37 Millionen, wobei die Gesamtzahl "näher an" 48 bis 59 Millionen liegen könnte. Die Kampfeinsätze der USA in Burkina Faso, Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, dem Tschad, der Demokratischen Republik Kongo, Mali, Niger, Saudi-Arabien und Tunesien sind in der Untersuchung nicht enthalten.

Derweil drohten US-Präsident Trump und Außenminister Mike Pompeo Sanktionen gegen Spitzenvertreter des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag an, seitdem diese planen, neben Kriegsverbrechen der Taliban in Afghanistan gar die der US-Streitkräfte und auch der Geheimdienste zu untersuchen.

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