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Neue Doktrin der US-Navy: Strategische Seeblockade gegen Russland als Abschreckung?

Neue Doktrin der US-Navy: Strategische Seeblockade gegen Russland als Abschreckung?
Der Flugzeugträger der U.S. Navy USS John C. Stennis (Symbolbild)
Im April dieses Jahres hat die US-Navy zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkrieges eine Seeblockade als strategisches Prinzip in ihr Doktrinen-Handbuch aufgenommen. Ein ehemaliger Marineoffizier sieht hier die Achillesferse Russlands in einem Konfliktfall.

Seitdem die Menschheit Kriege untereinander führt, wird auch darüber nachgedacht, wie solche gewonnen werden können. Der chinesische Militärstratege Sunzi (Sun Tsu: Meister Sun) schrieb bereits vor über 2.500 Jahren sein epochales Buch "Die Kunst des Krieges", dessen Kernaussagen noch heute ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Eine gute Strategie kann selbst einen technologischen Nachteil des Gegners ausgleichen, wie insbesondere die USA in ihren vielen Kriegen der letzten Jahrzehnte oft verwundert feststellen mussten.

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(Archivbild: Flugabwehrtruppen der Luft- und Weltraumkräfte Russlands bringen einen neuen Raketenabwehr-Lenkflugkörper zum Testflug in Stellung.  Testgelände Sary-Schagan, Kasachstan. 02. Juli 2019)

Was sich ebenfalls nicht verändert hat, ist der (logische) Drang der Gegenseite nach Ausgleich in der Waffenentwicklung. Die Erfindung der Atombombe ist ein Musterbeispiel dafür. Aber auch in vielen anderen Bereichen sorgt die Entwicklung oder Verbesserung einer Waffengattung dafür, dass auf der anderen Seite entsprechende Reaktionen ausgelöst werden, um die gewachsene Gefahr möglichst zu neutralisieren. Aber auch die Kosten spielen dabei natürlich eine immense Rolle. 

Für Bradford Dismukes, ehemaliger Kapitän der US-Navy und Autor einiger Bücher wie "Soviet Naval Diplomacy",  ist das der Ansatz für die heutige Empfehlung einer "Abschreckung" gegen Russland. Als Anlass dafür galt ihm die Aufnahme der Seeblockade als strategisches Mittel in das Handbuch der Seekriegsführung der US-Navy durch den Vier-Sterne-Admiral Michael M. Gilday; und zwar zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

In seiner Strategievorstellung geht es ihm nicht um ein ruinöses Wettrüsten, sondern um die Frage, wie die Kosten für Moskau weiter erhöht werden können, sollte es zu einem russischen Angriff auf ein NATO-Land kommen. Dass die Rolle des Aggressors natürlich Moskau zugewiesen wird, sei hier nur am Rande erwähnt.

Nach China verfüge Russland über die weltweit zweitgrößte Handelsflotte, die unter eigener Flagge fährt, schreibt Dismukes. Die Schiffe seien zwar größtenteils ältere Modelle, würden aber dennoch einen wesentlichen Beitrag zur Exportkapazität Russlands und damit für die heimische Wirtschaft leisten. Gleichzeitig sei aber seit der Auflösung der Sowjetunion die Marine deutlich geschrumpft. In einem Ernstfall könne die riesige Handelsflotte nicht durch eine entsprechend hohe Zahl von Kriegsschiffen zu ihrem Schutz eskortiert werden, schreibt der ehemalige Kapitän der US-Navy. Und hierin erkennt er die Achillesferse Russlands.

Während die russische Marine nur über einen Flugzeugträger, drei Kreuzer, elf Fregatten und 36 Angriffs-U-Boote verfügt, die für eine Eskorte in Frage kämen, können die USA im Verbund mit der NATO auf über eintausend verschiedene Schiffe und U-Boote verschiedener Typen zurückgreifen, die Langstreckenoperationen durchführen könnten. Die russische Handelsflotte wäre demnach nicht zu verteidigen, wenn sie weiter in der gegenwärtigen Größenordnung die Weltmeere befährt. Diese Schiffe würden zur leichten Beute werden, mit empfindlichen Folgen für die russische Wirtschaft.

Genau das ist der Hintergedanke dieser Strategie, die alles andere als neu ist. Selbst die NATO verfügte schon während des Kalten Krieges über solche Pläne unter dem Namen "Marcon One" im Rahmen der geheimen militärischen Organisation Live Oak, auf die sich Dismukes daher als Präzedenzfall beruft. Allerdings möchte er den Eindruck vermeiden, dass die Handelsschiffe mit Absicht oder durch "Unfall" versenkt werden, weil das zu "moralischen, psychologischen und politischen Schäden" führen würde. Zu diesem Zweck schlägt er vor, dass moderne Waffen angewendet werden könnten, mit denen lediglich die Schiffsschrauben und Ruderanlagen zerstört werden.

Die Überfälle auf die russische Handelsflotte sind für ihn aber lediglich Teilaspekte der eigentlichen Aufgabe in einem Ernstfall, welche die US-Navy in ihr bereits erwähntes Kriegshandbuch aufgenommen hat: Die Seeblockade. 

Da Russland einen geografisch "unveränderlichen Nachteil" in Bezug auf Meereszugang hat, müsse man diesen entsprechend ausnutzen. Obwohl es das flächenmäßig größte Land der Welt ist, gebe es nur eine Handvoll Häfen, die der Handels- und Kriegsflotte dienen können: Kaliningrad und St. Petersburg in der Ostsee, Murmansk in der Arktis, die Krim und Noworossijsk im Schwarzen Meer sowie Wladiwostok im Pazifik. Hinzu kommen natürliche Nadelöhre wie zwischen Nord- und Ostsee, am Bosporus, die Tschuktschensee und das Japanische Meer, welche die Durchführung einer Seeblockade einfacher gestalten würden.

Deshalb ist Dismukes der Auffassung, dass nicht nur die US-Navy die Seeblockade in ihr strategisches Handbuch aufnehmen sollte, sondern ebenso die NATO als Bündnis. Gleichzeitig würde das weder das "russische Territorium noch das Regime direkt bedrohen", schreibt er weiter. Im Falle eines Überfalls auf das Baltikum, würde "Russland vor der Wahl stehen, entweder an dem lokalen Zugewinn an der Peripherie festzuhalten, (oder aber) vom größten Teil der Weltwirtschaft abgeschnitten zu werden." Weshalb aber Russland überhaupt eines der drei kleinen baltischen Ländern überfallen und besetzen sollte, wenn sich dadurch an der strategischen Ausgangslage (weil sich ja – weiterhin von natürlichen Nadelöhren abhängig – dadurch gar) nichts ändert, ließ Bradford Dismukes hingegen unbeantwortet.

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