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Ost-Star Tino Eisbrenner: Stasi-Mythos wird aufgebauscht, um Systemfrage aus dem Weg zu gehen

Ost-Star Tino Eisbrenner: Stasi-Mythos wird aufgebauscht, um Systemfrage aus dem Weg zu gehen
Als Sänger der Band "Jessica“ gehörte Tino Eisbrenner zur letzten Generation von Stars in der DDR. Jetzt setzt sich der Musiker aktiv für Frieden mit Russland ein. RT Deutsch sprach mit ihm auf Eisbrenners Vier Winde Hof in Mecklenburg über die Wende und deren Folgen.

von Wladislaw Sankin

Zu Zeiten, als die Band "Jessica" mit ihrem Frontmann Tino Eisbrenner in der DDR die Herzen des Publikums eroberte, war ich noch ein UdSSR-Schulkind. Ohne die Namen der Stars zu kennen, konnte ich jedoch damals und auch heute immer noch verstehen, was die DDR ausmachte. DDR-Unterhaltungsprogramme liefen auch bei uns im Fernsehen, und es gab viele Reisende – in beide Richtungen. Es waren die DDR-Bürger, die unser Deutschlandbild prägten.

Nun ist "Jessica" Geschichte, Tino Eisbrenner hingegen nicht. Und interessierte Personen verfolgen seine Karriere weiterhin. Sein Auftritt mit dem "Kanonensong" (Brecht/Weill) und seiner deutschen Fassung des Songs "Fragile" (Sting) begeisterte eine halbe Million Menschen bei der Abschlusskundgebung der Berliner Friedensdemonstration "No war on Iraq" im Februar 2003. Auch seitdem wusste Eisbrenner sein Engagement in der Friedensbewegung stets mit musikalischen Wegen zu verbinden.

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Ich habe den Sänger und Songpoeten bei einem akustischen Konzert und einer Lesung im Russischen Haus in Berlin kennengelernt. Zuvor habe ich ihn als musikalischen Gast bei einer Diskussionsveranstaltung der Linkspartei mit Wyssozki-Liedern auf der Bühne erlebt – ebenfalls im Russischen Haus. Ich sprach den Musiker an, und wir verabredeten uns für ein Gespräch. Dieses sollte in unserer Themenreihe BRD-DDR-Mythen erscheinen.

Ost-Star Tino Eisbrenner: Stasi-Mythos wird aufgebauscht, um Systemfrage aus dem Weg zu gehen
Eisbrenner und die Band "Jessica" gehörte zur letzten Generation der DDR-Fernsehgesichter. Allein im Jahr 1986 absolviere die Gruppe 120 Auftritte im DDR-Fernsehen. Auf dem Bild: Zimmertür eines Fans, 1987.

Noch bevor unser Treffen stattfinden konnte, hatte ich das Gefühl, Eisbrenner bereits lange Zeit zu kennen. Als ich auf seinem mecklenburgischen Kulturgut "Vier Winde Hof" ankam, bat er mir eine warme Speise an. Während ich mich an den Speisen bediente, erzählte Eisbrenner von seinen Russland-Reisen: "Ich dachte, es wäre in Sibirien, es war aber nur eintausend Kilometer von Moskau entfernt." In Sibirien landete er schließlich auch – und zwar in Tomsk.

Der Unbequeme

Auch von seinen Auseinandersetzung mit dem deutschen Botschafter Rüdiger von Fritsch erzählte er mir. "Es macht mich wütend, wenn 'unser' Botschafter uns tatsächlich einreden will, dass Russland in der Ukraine der Aggressor sei und zum Glück die deutsche Politik immer wieder helfen würde, friedliche Lösungen herbeizuführen. Und unsere Sanktionen seien eben ein Mittel zu diesem Zwecke und eine Reaktion auf Russland als Aggressor", schrieb er seinerzeit auf seiner Facebook-Seite. Das Treffen mit dem Botschafter im Moskauer Hotel Metropol fand im Oktober letzten Jahres auf Initiative der Delegation der Linkspartei statt.

Eisbrenner ergriff das Wort und fragte den Botschafter, "wo er seiner Einschätzung nach bezüglich Aktion und Reaktion den Nullpunkt setzen würde und ob die NATO, wie auch Deutschland, den Ukraine-Konflikt nicht doch mindestens miterzeugt habe (Osterweiterung, Regierungsputsch, Maidan etc)". Der Nullpunkt liege beim Datum 8.5.1945, war die Antwort.

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Sommerfestival auf Eisbrenners Vier Winde Hof.

Diese Debatte wurde damals von Moderator der Diskussion abgewürgt. Sie wurde jedoch publik und erreichte die Bundesregierung. Mit Fragen seitens RT konfrontiert, musste Regierungssprecher Steffen Seibert erklären: "Wir haben einen hervorragenden Botschafter." Nach dem Streit ließ das Goethe-Institut Eisbrenners großes deutsch-russisches Konzertprogramm in russischen Städten platzen:

Zuvor waren sie von meinem Engagement als Brückenbauer zwischen der deutschen und russischen Kultur begeistert, danach wollten sie von mir nichts hören.

Eisbrenner, Ex-Popstar, Liedermacher, Buchautor, Reisender – und nun Dissident? Ein Wort, das wir aus Zeiten des Kalten Krieges kennen – selbstverständlich bezogen auf den Ostblock. In liberalen Demokratien werden Querdenker von Aufträgen und Berufskarrieren abgeschnitten und von der allmächtigen Presse angeprangert und isoliert.

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Das Landhaus auf dem Vier Winde Hof

Einfach ein Ossi sein

Das Gespräch führen wir auf einer aus Holzpaletten gezimmerten Sitzecke auf der Wiese seines Hofs. Sie liegt unter einem Baum zwischen verschiedenen Nutzgebäuden des Gehöfts. Auf einem der Gebäude aus rotem Backstein steht "1913". Diesem gegenüber befindet sich die private Konzerthalle des Sängers. Früher befand sich hier eine Scheune. Eisbrenner kaufte das Grundstück im Jahr 2002 und machte daraus ein Kulturgut.

Er veranstaltet hier jährlich zweitägige Sommerfestivals unter dem Motto "Musik statt Krieg". Kleinere Konzerte gibt er im Studio des Haupthauses. Dort stellt er auch Bilder seiner Frau Sofia aus, einer russischstämmigen Malerin. So auch an diesem Tag im Anschluss an unser Interview. Die erste Besucherin – eine Freundin der Familie – gesellt sich zu uns und zeichnet das Gespräch mit ihrem Tablet auf.

Es gibt keinen Leitfaden für das Gespräch, keine Fragen sind vorformuliert. Ich weiß lediglich, welche Themen wir anreißen sollten: Mauerfall, Heimatverlust, Russland. Überraschenderweise erfahre ich bereits am Anfang, dass Eisbrenner, damals 27 Jahre alt, bei den Ereignissen im Oktober 1989 nicht im Lande war. Er war seinerzeit anlässlich der Feierlichkeiten zum Jahrestag der sandinistischen Revolution in Nicaragua. "Ich wollte einen anderen Sozialismus sehen", erklärt er. Er wollte "raus aus dem Trubel", denn vieles sei ihm zu dem Moment zu plakativ geworden.

"Den Mauerfall habe ich einfach als Fernsehereignis zur Kenntnis genommen. Ich dachte, jetzt wird der Weg für Reformen gefunden – um deutsch-deutsche Differenzen zu beackern." Nach seiner Rückkehr stellte er fest, dass es nicht mehr darum ging:

Normalerweise hätten unsere Freunde nach unserer Rückkehr aus Nicaragua uns an den Lippen gehangen – wie war es denn da? Es hat aber niemanden interessiert. Alle waren auf einem viel exotischeren Trip, nämlich Wandern in Westberlin durch die Kaufhäuser. Und hier habe ich gemerkt, hier ist nämlich ein anderer Damm gebrochen, der Damm des Konsumierens von fremdem Luxus.

Auf einmal wollte niemand mehr DDR-Bands hören. "Die letzte Generation der DDR-Fernsehgesichter", wie Eisbrenner sich und andere Ost-Stars von damals nennt, verschwand noch vor der Wiedervereinigung im November 1990 von der Bildfläche.

Anders als in anderen Staaten des Ostblocks, die auch nach der Wende immerhin in einer Kontinuität lebten, hat bei uns ein Land das andere restlos übernommen.

Er und viele seiner Musik-Kollegen mussten andere Jobs annehmen – zunächst als Fernsehmoderator bei VOX und Sat.1 oder als Schauspieler für kleinere Rollen. Als die von ihm moderierte Kindersendung den Sendebetrieb einstellte und ihm der Sender laut abgeschlossenem Vertrag eine beträchtliche Summe schuldete, verzichtete er auf den Kampf ums Geld.

Ich wollte hier einfach mal Ossi sein.

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Tino Eisbrenner tritt im Giebel seines Hauses auf.

"Ossi". Wir sind bei der zehnten Minute des Interviews angekommen, und erst jetzt fällt das Wort, um das es da eigentlich die ganze Zeit geht. Wir lächeln. An einer anderen Stelle sagt Eisbrenner: "Dafür bin ich ein Prototyp und Einzelfall zugleich."

Noch nicht einmal erklären musste er die DDR. "Es war nicht so, dass wir Angst hatten, unsere Meinung zu sagen." Ein Freund, "die technische Feuerwehr" in seiner Band, hat beim Wachregiment "Feliks Dzierżyński" gedient, um studieren zu können. Das legte er offen und versprach, "nichts Schlimmes" über sie zu berichten. "Aber es gab auch krumme Hunde, die ihre Nachbarn selbst bespitzelten."

Die gesamte DDR nur auf Stasi-Geschichten zu reduzieren, sei eine Masche, um einer Diskussion aus dem Weg zu gehen, der Diskussion darüber, ob Deutschland nach der Wiedervereinigung eigentlich auf dem richtigen Weg sei. Nach dem Wegfall der Systemkonkurrenz sei auch in der BRD der Sozialstaat deutlich zurückgegangen. Das einzige gesellschaftliche Angebot, das das heutige System den Bürgern allseits präsentiert, sei nur der Grundsatz: "Du musst Geld verdienen." Das Bankkonto sei zum Maß aller Dinge geworden.

Tino Eisbrenner im Gespräch mit dem RT Redakteur Wladislaw Sankin am 14. September auf seinem Vier Winde Hof in Mecklenburg.

DDR und "kulturelle" Revolution

Hierin besteht für ihn der zentrale Gegensatz. Er betont, dass es im Sozialismus um die Gemeinschaft und ums Menschsein geht. Als ich ihn fragte, warum "eine sowjetische Atmosphäre", die er während seiner Russland-Reisen immer wieder spürt, "kulturorientiert" sei, holt der Sänger zu einem 15-minütigen Redebeitrag aus, den ich nicht unterbreche.

In den 40 Jahren der DDR und 70 Jahren in Russland wurde in der Menschheitsgeschichte die Frage gestellt, ob man eigentlich fürs Geldkonto lebt.  

Da die staatliche Vorsorge Grundbedürfnisse in Sachen Job, Medizin und Wohnung abgedeckt habe, gingen Menschen auf die Insel "Kultur", die ebenso staatlich subventioniert worden sei. Da konnten sie Lebenspoesie schöpfen, um später wieder in den Alltag einzutauchen. Die Bildung sei dabei ganzheitlich organisiert gewesen und habe die Zersplitterung der Gesellschaft in Subkulturen verhindert:

Viele im Westen wissen nicht einmal, wer Leo Tostoi ist! Aber wir in der DDR hatten Tolstoi und Mark Twain, Hemingway und Puschkin. Und dadurch sind wir meiner Meinung nach zur kulturellen Bildung gekommen, die auf jeden Fall dafür gesorgt hat, dass wir eine friedliche Revolution gestalten konnten. Das muss eine Gesellschaft erst mal können! Das hatte was mit unserem Bildungsniveau zu tun. Ich glaube, heutzutage würde das anders abgehen. Damals konnten wir die Menschheitsfragen irgendwie miteinander diskutieren, was heutzutage mittlerweile gar nicht möglich ist, weil kulturelle Bildung überhaupt fehlt.

"Kapitalismus entmenschlicht und entsolidarisiert, nimmt jede Gemeinschaft auseinander", verdeutlichte er seine Kritik an einer anderen Stelle. Nahezu unser gesamtes Gespräch drehte sich an diesem Tag im Endeffekt um die "Systemfrage" – eine Frage, der sich die Linkspartei laut Eisbrenner verweigerte, weil sie "nicht in die stalinistische Ecke gestellt werden wollte". Die Systemfrage müsse wieder diskutiert werden, "wie damals" in der späteren DDR.

Wyssozki fest im Programm

Als immer mehr Gäste das Konzert erreichen, brechen wir unser ohnehin schon langes Gespräch ab. Ich gehe ins Atelier in den Giebel, in dem sich ca. 30 Stühle um einen Mikrofonständer befinden. An den Wänden des Dachstuhls werden Bilder ausgestellt. Vier Strahler beleuchten die winzige "Bühne", die Atmosphäre wird von leiser Countrymusik untermalt. Als die letzten angemeldeten Gäste erscheinen, beginnt Eisbrenner mit seinem Programm.

Es besteht aus 22 Songs, kleinen Lesungen und unterhaltsamen Witzen. Seine Frau Sofia stellt ihre Bilder vor, die Mutter bewirtet die Gäste. Das Konzert für die Freunde sei Teil der Mecklenburgischen Kulturwoche, erklärt der Künstler zu Beginn.

Übertragungen der Werke beliebter russischer bzw. sowjetischer Künstler wie Wladimir Wyssozki und Bulat Okudschawa ins Deutsche sind bei Eisbrenner genauso fest im Programm wie seine eigenen Lieder oder die Songs der chilenischen Sängerin Violeta Parra. Songs, die er ins Deutsche überträgt, interpretiert der Liedermacher mit viel Hingabe und kraftvoll. Durch ihn bekommen sie ein zweites Leben, und damit beeinflussen auch die deutsche Kultur ganz unmittelbar.  

Zwischendurch nimmt der Sänger sein letztes Buch "Das Lied von Frieden" in die Hand und liest daraus vor. Als Reisender auf die Krim hat er ein Bild der Halbinsel präsentiert, das sich vom Bild deutscher Medien grundlegend unterscheidet.

Als einer der wenigen Kulturschaffenden schafft es der ehemalige DDR-Star, sein politisches Engagement mit ländlicher Bodenständigkeit und Weltoffenheit zu verbinden. Das Gefühl der Vertrautheit, das Gefühl, sich seit ewigen Zeiten zu kennen, ist nach dem Verlassen seines Hauses zur Gewissheit geworden.

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