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Grenzwerte: Rebellische Lungenärzte haben sich verrechnet – Verkehrsminister mahnt zu Sachlichkeit

Grenzwerte: Rebellische Lungenärzte haben sich verrechnet – Verkehrsminister mahnt zu Sachlichkeit
Verkehrsminister Scheuer (CSU) gehörte zu jenen, die die Berechnungen von Dr. Köhler begrüßt und nicht hinterfragt haben.
Nach Ansicht von Dr. Köhler und mehr als 100 Ärzten sind bestehende Grenzwerte für Luftschadstoffe unnötig, da keine Gesundheitsgefahr bestehe. Dem widersprachen nicht nur deutsche Wissenschaftler. Jetzt zeigen sich grobe Fehler in den Berechnungen des vielzitierten Professors.

Professor Dieter Köhler war seit der von ihm und weiteren Ärzten aufgestellten Kritik an Grenzwerten für Feinstaub und Stickoxid ein gefragter TV-Gast, nicht nur das ZDF gab ihm Gelegenheit zu behaupten, die offiziell gültigen und durch internationale Studien belegten Grenzwertdosen lägen "jenseits jeder Gefährlichkeit" für die Gesundheit. Stickstoffmonoxid sei ein Naturstoff, argumentierte Köhler und meinte, "diese ganze Aufregung ist völlig künstlich".

Köhler machte den "Fake-News"-Vorwurf

Seine gewagten Thesen stützte er auf seine von ihm betonte Expertise, unter anderem aus seiner Habilitation von vor 35 Jahren. Auch kenne er "die Szene". Eine eher kleine Kerngruppe von Medizinern und Wissenschaftlern setze sich mit der plötzlich unangefochtenen einzigen Botschaft international durch, Stickstoffdioxid und Feinstaub müssten schädlich sein. Dafür würden Studien von diesen Wissenschaftlern "lange gedreht", um die eine Überzeugung zu bestätigen, so Professor Köhler. Dass die Autohersteller in Deutschland die Bürger belogen und manipuliert hätten, bezweifelte er dabei nicht.

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Professor Köhler ist selbst Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Ingenieur für Nachrichtentechnik. Ein Koautor der öffentlichkeitswirksamen Stellungnahme ist Thomas Koch, dessen Hintergrund nicht der Gesundheitsbereich ist, sondern Verbrennungsmotoren, er ist Ingenieurwissenschaftler und war Berichten zufolge gut 10 Jahre für Daimler tätig. Ein anderer Koautor ist Matthias Klingner, Institutsleiter des Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI in Dresden.

Insgesamt 3.800 Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie hatten die Stellungnahme erhalten, 112 Mitglieder haben unterzeichnet.

In der Stellungnahme heißt es, ein Raucher nehme durch den Konsum von einem Päckchen Zigaretten pro Tag in wenigen Monaten die gleiche Menge Feinstaub und Stickoxid auf wie ein 80-jähriger Nichtraucher im gesamten Leben durch die Außenluft in Innenstädten. Auf die ursprüngliche Stellungnahme stützte sich auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), als er zur Erleichterung der Automobilbranche und der damit eng verbandelten Politiker, aber auch der zahlreichen Autofahrer, die das nicht mehr weg zu manipulierende Dilemma letztendlich mit drohenden Fahrverboten ausbaden müssten, eine Überprüfung der geltenden Grenzwerte forderte.

Zweifel an den Aussagen der Lungenärzte

Das Deutsche Zentrum für Lungenforschung hatte "große Besorgnis" geäußert, wohin diese Debatte führe, da das Gesundheitsrisiko durch Luftschadstoffe wissenschaftlich belegt sei.

Außerdem hatten deutsche Wissenschaftler die Ansichten von internationalen Medizinern und Wissenschaftlern angefordert und sich besorgt gezeigt, dass in der durch die rebellischen deutschen Lungenärzte angestoßenen Debatte die Argumente verschwimmen.

Zum Beispiel werden Grenzwerte für Jahresmittelwerte mit Grenzwerten für kurzfristige Belastungen in einen Topf geworfen oder ärztliche Beobachtungen werden epidemiologischen Erkenntnissen gleichwertig gegenübergestellt, und sollen diese entkräften."

Wissenschaftler aus der Schweiz, Großbritannien und Kanada, welche von der Debatte um Luftschadstoffe in Deutschland und der EU wenig zu gewinnen oder zu verlieren haben, bestätigten, dass es klare, durch epidemiologische Beweise untermauerte, kausale Zusammenhänge zwischen Luftverschmutzung und vorzeitiger Mortalität sowie Krankenhauseinweisungen gibt.

Ende Januar haben sich in der politisch aufgeladenen Debatte um Grenzwerte für Luftschadstoffe auch deutsche Kinderlungenfachärzte eingeschaltet und bestehende Studien und Grenzwerte als sinnvoll bestätigt. Nicht nur für Kinder seien diese Schutzschwellen unabdingbar. In einer Stellungnahme betonte die Gesellschaft für pädiatrische Pneumologie (GPP) die Schutzwürdigkeit von besonders gefährdeten Gruppen wie Kinder und Jugendliche, schwangere Frauen, ältere Menschen sowie Patienten aller Altersgruppen mit chronischen Lungenerkrankungen.

Der Vorstand der GPP unterstütze daher die Grenzwert-Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO, die "von internationalen Expertenteams auf Basis der weltweit verfügbaren Literatur zu den Auswirkungen von Luftschadstoffen auf die Gesundheit festgelegt" wurden.

Fehler verfälscht Schadstoffergebnis um Faktor 100

Seit dem 14.02.2019 ist die viel beachtete Stellungnahme von Dr. Köhler und seinen Mitstreitern mit einer Ergänzung versehen, in der es heißt, man habe sich beim Vergleich der Gesundheitsschäden durch Rauchen auf einen veralteten Teergehalt bezogen, der bereits seit dem Jahr 2004 weitaus niedriger war, als in der Stellungnahme zugrunde gelegt. Dem Professor war diese Änderung laut eigener Aussage nicht bekannt.

Der mittlerweile prominente Professor bleibt jedoch bei der Hauptaussage, dass Grenzwerte, die den Fahrverboten zugrunde liegen, nicht wissenschaftlich belegbar seien und dass Hunderttausende von Toten durch Feinstaub und NO2 sowie die daraus verursachten Krankheiten in Europa nicht plausibel seien.

Dabei hatten zahlreiche Experten darauf verwiesen, dass bereits der Vergleich zwischen einer anhaltenden Gesundheitsbelastung durch dauerhaft schadstoffbelastete Umgebungsluft unwissenschaftlich sei.

Und der Argumentation von Professor Köhler liegen nicht nur fehlerhafte Ausgangswerte zugrunde, sondern falsche Umrechnungen, wie vom Ärzteblatt bestätigte Recherchen aufzeigen.

Denn für den Zigaretten-Vergleich hatte Professor Köhler eine NO2-Menge im Zigarettenrauch pro Zigarette von 500 Mikrogramm (µg) NO2 angegeben, um zu dem Schluss zu gelangen, dass bei einem Atemvolumen von 10 Litern beim Rauchen einer Zigarette 50.000 μg pro Kubikmeter Luft inhaliert würden.

Alltag auf deutschen Straßen: Stau, hier auf der A100 in Berlin.

Das wären, so Dr. Köhler im Ärzteblatt, bei einer Packung am Tag "1 Million Mikrogramm".

Doch kämen bei Rauchern, die pro Tag eine Packung Zigaretten konsumieren, vielmehr 10.000 Mikrogramm NO2 zusammen, wenn eine Zigarette 500 Mikrogramm (µg) enthielte und ein Päckchen 20 Zigaretten. Noch immer nicht wenig, doch stark abweichend von den für die Diskussion sorgenden, von Dr. Köhler angegebenen 1 Million Mikrogramm.

Zudem gestand der Professor ein, nicht den Gehalt von Stickstoffdioxid (NO2) mit einem Gehalt von 500 Mikrogramm pro Zigarette gemeint zu haben, sondern eigentlich den von Stickoxiden (also NOx). Die mit der Kalkulation des Professors angefochtenen Grenzwerte drehen sich um Stickstoffdioxid (NO2). Dennoch, so Dr. Köhler, liege der Stickstoffdioxidanteil in den Stickoxiden von Zigarettenrauch etwa zwischen 10 und 50 Prozent.

Auch wenn der Vergleich zwischen temporärer Spitzenbelastung durch Rauchen und Langzeitexposition durch Atmen in einer Großstadt verschiedenen Experten zufolge unzulässig ist, würde den korrigierten Berechnungen zufolge ein Raucher die Gesundheitsbelastung eines 80-jährigen Nichtrauchers in einer befahrenen Innenstadt nicht in wenigen Monaten, sondern in 6 bis 32 Jahren erreichen.

Professor Köhler hat in den zahlreichen Interviews immer wieder seine langjährige Expertise zu gesundheitlichen Auswirkungen von Luftschadstoffen im Allgemeinen und die Effekte von Stickoxiden im Besonderen unterstrichen und auf dieser Basis die wissenschaftliche Gültigkeit der bestehenden Studien angezweifelt.

Auf Anfrage gab Professor Köhler laut taz selbst an, zu dem Thema Stickoxid gar nicht in überprüften Publikationen veröffentlicht zu haben, wie es unter Wissenschaftlern üblich ist, sondern einzig einen Artikel im Deutschen Ärzteblatt, welcher keinerlei Überprüfung standhalten musste und somit, wie der Experte erst später selbst einräumte, schwere Rechenfehler unkorrigiert widergab.

Doch ungeachtet der Fehler, welche auch in den zahlreichen Medienberichten nicht eingingen, hatte die Stellungnahme für die Verursacher des Schlamassels einen erwünschten Effekt.

So erklärte das Bundesverkehrsministerium, dass das Positionspapier einen "Impuls" zur Debatte über Grenzwerte gesetzt habe. Öffentlich bemüht sich Verkehrsminister Scheuer um eine Lenkung der Diskussion und beeilt sich ausgerechnet jetzt, statt Emotion mehr Sachlichkeit zu fordern.

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