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Materialismus in der Wissenschaft: Wegen "Terrorismusgefahr" unerwünscht?

Materialismus in der Wissenschaft: Wegen "Terrorismusgefahr" unerwünscht?
"Terrorgefahr" durch Materialismus und Dialektik?
An der TU Hamburg wollte der Gesprächskreis Dialektik und Materialismus mit einem Plakat für den Vortrag "Selbstorganisation der Materie" werben. Doch die Universitätsleitung verbot das. Warum ist der Materialismus an einer deutschen Uni unerwünscht?

Wir sprachen mit Hermann Kopp, dem Vorsitzenden der Marx-Engels-Stiftung (MES), die auf die Veranstaltungen des Gesprächskreises auf ihrer Website und in ihren Publikationen hinweist. Das Gespräch führte Hasan Posdnjakow.

Welche konkreten Gründe wurden für die Ablehnung im Schreiben benannt?

Mündlich wurde das Werbeverbot für die Veranstaltung von der TUHH zunächst mit der Abwehr von Terrorismusgefahr begründet; das war wohl doch etwas zu absurd. Gebeten um die Angabe der Rechtsgrundlage der Ablehnung, hieß es dann in einer E-Mail der TU-Kanzlei, der TU sei "aufgefallen", dass der Antragsteller "der Marx-Engels-Stiftung unterliegt und wir an der TUHH keine Politischen Vereine unterstützten". (Das miserable Deutsch im Original.)

Eine junge Frau demonstriert gegen Zensur - leider fordern viele Menschen ihrer Generation die Unterdrückung von Meinungen.

Als dies bekannt wurde, wandten sich etliche Wissenschaftler an den TU-Präsidenten mit der Bitte, diese voreilige Entscheidung seiner Kanzlei zurückzunehmen; so schrieb ihm etwa der Bremer Professor Wolfgang Jantzen: "Ich fände es außerordentlich bedauernswert, wenn ausgerechnet im Jahr des 200. Geburtstages von Karl Marx (…) Ihre Universität bei dieser Haltung bliebe. Sich geirrt zu haben, ist in keiner Weise ehrenrührig. Das tun wir alle – und nicht nur einmal in unserem Leben."

Doch der Präsident griff diesen ja freundlich gemeinten Ball nicht auf, im Gegenteil. Er unterstellte allen Petenten per Rundschreiben, sie handelten in einer "konzertierten Aktion" als "Netzwerk", und bekräftigte das Werbeverbot unter Hinweis auf die "Verpflichtung (der TU) zur politischen Neutralität".

Hat die Veranstaltung denn politischen Charakter?

Der volle Titel der Diskussionsveranstaltung mit Prof. Jooß, einem angesehenen Göttinger Physiker, lautet wie der Titel seines Buches, das den Gesprächskreis veranlasst hat, Jooß nach Hamburg einzuladen: "Selbstorganisation der Materie. Zur Rolle der materialistischen Methode und Weltanschauung in der Herausbildung einer Entwicklungstheorie der Materie". Das dürfte kaum das sein, was sich der kleine Moritz, oder auch der große Professor Moritz, also der Alltagsverstand, unter "Politik" vorstellt.

Aber alle Wissenschaft, auch alle Naturwissenschaft oder Ingenieurwissenschaft, ist insofern politisch, als sie, freilich oft über sehr viele Vermittlungsstufen, das Selbstverständnis und das Geschehen eines Gemeinwesens, einer "Polis", zu beeinflussen vermag. Exemplarisch dargestellt ist dies in Brechts "Galilei".

Doch die durchaus verständliche Verpflichtung einer Institution wie der TU Hamburg zur "politischen Neutralität" meint ja etwas ganz anderes: nämlich die Verpflichtung, sich direkter oder indirekter parteipolitischer Stellungnahmen zu enthalten. Und man müsste schon ziemlich naiv sein, um zu glauben, aus der Diskussion der Fragen, mit denen sich Jooß beschäftigt, ließe sich irgendwelcher Honig für diese oder jene politische Partei saugen.

Denken Sie, dass die wahren Gründe für die Ablehnung Ihres Antrags möglicherweise andere sind als die angegebenen? Wenn ja, welche Gründe würden Sie vermuten?

Der

Selbstverständlich ist es nicht die behauptete "Verpflichtung zur politischen Neutralität", was zu dem Werbeverbot geführt hat. Läge die der TU Hamburg so am Herzen, dann hingen in ihren Wandelgängen keine Plakate von Rüstungskonzernen und anderen Großunternehmen oder Industrieverbänden. Nein, es geht vielmehr um ein äußerst plattes "Diese ganze Richtung passt uns nicht". Das kommt in den ersten "Begründungen" der TU-Kanzlei deutlicher zum Ausdruck als in der gesetzteren Stellungnahme des Präsidenten: Materialismus, Dialektik, Marx und Engels – wo solche Wörter auftauchen, da wittert die geschulte Nase doch geradezu den Schwefelgeruch des Teufels: von Terrorismus, von Umsturz und Revolution.

Und falls die Nase des Kanzlers nicht fein genug sein sollte, um diesen Schwefelgeruch wahrzunehmen, helfen die Spürnasen der unter dem Decknamen "Verfassungsschutz" operierenden Schlapphüte vom Inlandsgeheimdienst nach. Die Tatsache, dass der angeblich "politische Verein" Marx-Engels-Stiftung, eine als gemeinnützig anerkannte, wissenschaftlichen Zwecken dienende Institution, in der Begründung der Kanzlei ausdrücklich genannt wurde, spricht sehr dafür. Denn die Stiftung wird auf dem verbotenen Plakat überhaupt nicht erwähnt!

Welches Licht wirft der Vorfall auf die akademische Freiheit in Deutschland – handelt es sich um einen Einzelfall, oder liegt die Vermutung nahe, dass es eine systematische Unterdrückung von dialektischen/materialistischen Ansätzen im universitären Raum gibt?

In dieser krassen Form ist der skandalöse Eingriff in die grundrechtlich garantierte Wissenschaftsfreiheit wohl eher ein Einzelfall. Immerhin konnte und kann an anderen Hamburger Hochschulen für die Veranstaltung mit Jooß ungehindert geworben werden. Das heißt allerdings nicht, dass marxistische Positionen an deutschen Hochschulen wohlgelitten wären, gar – im Zeichen des immer noch propagierten Pluralismus – so wie andere auch, in bescheidenem Maße gefördert würden.

Aus den Hochschulen der früheren DDR wurden bekanntlich schon in den frühen 90er-Jahren, nach deren Anschluss an die BRD, auch bedeutende marxistische Wissenschaftler unter dem Vorwurf der "Staatsnähe" in einem gigantischen Säuberungsprozess entfernt und oft durch zweit- und drittrangige Chargen aus der alten Bundesrepublik ersetzt.

Aber auch in Westdeutschland haben es, nach meinem Eindruck, kritische junge Geister, zumal Marxisten, seit der "Wiedervereinigung" weit schwerer als noch in den 70er- und 80er-Jahren, eine Stelle als Hochschullehrer zu ergattern. (Und auch damals war es alles andere als einfach – man erinnere sich nur an die Praxis der Berufsverbote!) Sie müssen schon ganz besonders gut sein, müssen die Sklavensprache beherrschen, sich als "anschlussfähig" an die herrschende Wissenschaft und ihre Begrifflichkeiten erweisen – wie oft habe ich dieses Wort "anschlussfähig" gehört! Das gilt zumindest für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, in denen ich mich als Historiker etwas besser auskenne als in den Naturwissenschaften.

Und was hinzukommt: Je länger diese Entwicklung andauert, desto weniger erforderlich ist es, marxistische Ansätze "systematisch zu unterdrücken". Wenn die wenigen alten linken Hochschullehrer erst mal weg von den Unis sind oder gar weggestorben – wo soll denn da der kritische Nachwuchs herkommen?!

Ja, "der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist" – hat ein gewisser Wladimir Iljitsch (Lenin), vielleicht etwas zu apodiktisch, vor über einem Jahrhundert geschrieben. Aber um sich als wahr oder meinetwegen auch nicht oder nicht immer wahr erweisen zu können, muss er erst einmal bekannt sein. Die deutsche universitäre Landschaft ist, zurückhaltend ausgedrückt, nicht gerade darauf angelegt, für seine Bekanntheit zu sorgen.

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