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Studie "Wohntrends 2035" – Warnung vor gesellschaftlicher Spaltung der Nachbarschaften

Studie "Wohntrends 2035" – Warnung vor gesellschaftlicher Spaltung der Nachbarschaften
Demonstration gegen Mietervertreibung, Gentrifizierung und soziale Armut in Berlin Prenzlauer Berg. Auch die Studie "Wohntrends 2035" konstatiert eine steigende Wohnkostenbelastung, insbesondere in den Großstädten.
Gesellschaftlicher Wandel beim Wohnen: In Zeiten des Rückzugs der öffentlichen Hand vom Wohnungsmarkt wird Wohnen zu einer teuren Ware. Doch der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum bleibt hoch, stellt die aktuelle Studie des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft (GdW) fest.

Die Wohnwünsche werden vielfältiger und anspruchsvoller. Zugleich können sich viele Bürger mit einem Durchschnittseinkommen ein Leben in der Stadt nicht mehr leisten. Die aktuelle Studie "Wohntrends 2035" zeigt, worauf die Menschen in Deutschland besonders Wert legen. Der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft (GdW) warnt vor einer Spaltung in den Nachbarschaften und sieht die Integration als "nationale Daueraufgabe".

Die Baustelle

Die Wohnungsnachfrage wird demnach zukünftig, so ein zentrales Ergebnis der vorliegenden Studie, einerseits durch die einkommensschwächeren Zielgruppen der Bescheidenen und Funktionalen mit einer hohen Preissensibilität und einer Präferenz für kleinere, einfach ausgestattete – und im Falle der Bescheidenen – barrierearme-/reduzierte Wohnungen determiniert. Andererseits wird die Wohnungsnachfrage von dem quantitativ doppelt so stark ausgeprägten Segment der Kommunikativen, Anspruchsvollen und Häuslichen bestimmt, die sehr hohe Anforderungen an die Modernität, Qualität, technische Ausstattung und auch an das Service- und Dienstleistungsangebot stellen. (GdW Wohntrends 2035)

Mit den "räumlichen, demographischen, technischen und sozialen Entwicklungen in Deutschland werden sich auch zukünftig die Rahmenbedingungen für die Wohnungswirtschaft weiter verändern". Deutschland werde angesichts der Bevölkerungsentwicklung infolge einer starken Zuwanderung und eines Fortschreitens der Alterung der Gesellschaft vielfältiger und älter.

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Insbesondere die soziale Frage schlägt auf die Wohnungswirtschaft durch, so die Autoren der Studie:

Das Armutsrisiko ist in Deutschland von 14,6 Prozent im Jahre 2009 kontinuierlich auf 15,7 Prozent im Jahr 2016 gestiegen, insbesondere auch das Risiko für Altersarmut. Damit steigt auch die Wohnkostenbelastung, insbesondere in den Großstädten. Überdurchschnittliche Belastungen weisen Haushalte mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende sowie Seniorenhaushalte auf. Der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum bleibt hoch.

Die sich abzeichnenden Entwicklungen im Einzelnen

VIELFALT: Die Forscher erkennen als Trend, dass Wohnen in Deutschland vielfältiger wird. Mehr altengerechte Unterkünfte sind gefragt, weil Zahl und Anteil der über 65-Jährigen steigen werden – auf 27 Prozent der Deutschen im Jahr 2030. Zugleich dürften weiter zahlreiche Zuwanderer kommen, zum einen angeworbene Fachkräfte, zum anderen Flüchtlinge. Unter den Einheimischen wollen noch mehr allein leben. Manchmal sind es sogar Paare, die lieber in getrennten Wohnungen zusammen sind, sagt Bettina Harms, Mitautorin der Studie.

WOHNUNGSGRÖSSE: Kaum jemand möchte eine kleine Wohnung, nur sechs Prozent der Befragten würden sich freiwillig dafür entscheiden. 21 Prozent möchten eine mittlere, 26 Prozent eine große, 25 Prozent sogar eine sehr große Wohnung. Wunsch und Wirklichkeit gehen in teuren Großstädten auseinander. Deshalb sind Mieter am ehesten bereit, Abstriche bei der Wohnfläche zu machen (44 Prozent). Häuser mit Miniwohnungen ("Tiny Houses") hält der GdW für eine Nische, etwa als zeitweilige Unterkunft für Studenten, Touristen und Geschäftsleute.

WOHNFORMEN: Aus der Vielfalt der Lebenswege ergibt sich der Wunsch nach flexibleren Wohnverhältnissen. "Das merken Anbieter in vielen Großstädten wie London schon: Die Menschen haben heute andere Lebensläufe und viel mehr verschiedene Phasen im Leben als unsere Großeltern. Sie wollen daher nicht so gebunden sein", sagt die Trendforscherin Oona Horx-Strathern. Eine Lösung: Leasing statt Kauf einer Wohnung wie beim Auto. Oder auch Gebäude mit sehr kleinen Wohnungen, aber üppigen Gemeinschaftsräumen für Freizeit, Sport und Bildung.

DIGITALES: Eine digitale Grundausstattung wird von den meisten Mietern heute erwartet. Die Technik soll aber eher unsichtbar bleiben, sagt Harms. An einem Mieterportal sind laut Umfrage nur gut ein Drittel (37 Prozent) der Mieter interessiert. Heute wird vor allem das Chatprogramm WhatsApp (87 Prozent) zum Austausch mit Nachbarn genutzt, in zweiter Linie Facebook. Nur die Wenigsten (20 Prozent) wollen jedoch, dass digitale Assistenzsysteme wie Alexa und Google Home in der Wohnung vorinstalliert sind.

ANSPRÜCHE: Diese sind auch abgesehen vom Digitalen nicht kleiner geworden. Wenn möglich, soll alles in der Nähe sein, was der moderne Mensch braucht: der Arbeitsplatz, die Freunde, soziale Einrichtungen wie Kindergärten und Kulturangebote. Das findet sich natürlich nur in der Stadt, weshalb es dort zunehmend eng wird.

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DAS QUARTIER: Dieser Begriff wird für Stadtplaner und Wohnungsbauunternehmen immer wichtiger. Die Integration der unterschiedlichen Lebensformen finde in den Quartieren statt, sagt GdW-Präsident Axel Gedaschko. Dabei sieht er wachsende Risiken für Senioren, Alleinerziehende und Familien mit ausländischen Wurzeln, keinen bezahlbaren Wohnraum mehr zu finden.

LANDLEBEN: Die Menschen strömen in die Städte. Für Gedaschko aber ist klar: "Wir werden es nicht schaffen, zeitnah so viele Wohnungen zu bauen, dass sie alle in der Stadt leben können." Deshalb müsse Wohnen auf dem Land attraktiver werden, mit einer besseren Infrastruktur, zum Beispiel der Anbindung von bisher abgehängten Regionen an den öffentlichen Nahverkehr.

GRUNDLAGE: Die Studie wurde von den Forschungsinstituten Analyse & Konzepte (Hamburg) und Inwis (Bochum) im Auftrag des GdW erstellt. Basis war eine bundesweite telefonische Befragung von rund 3.000 Personen ab 18 Jahren. Zur Einordnung wurden auch allgemein zugängliche Daten etwa des Statistischen Bundesamts genutzt.

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Der Markt als Lösung?

Das Problem des sich polarisierenden Wohnungsmarktes insbesondere in den Großstädten ist seit langem bekannt und hausgemacht. Durch die weitgehenden Privatisierungen öffentlichen Wohneigentums sind die Möglichkeiten zur Gegensteuerung durch die öffentliche Hand entsprechend immer begrenzter. Anstelle öffentlicher Daseinsvorsorge regiert das Prinzip des "freien Marktes" und der profitorientierten Privatwirtschaft. Seit der Schaffung des EU-Binnemarktes mit dem freien Kapitalverkehr als einer seiner vier Grundfreiheiten übernehmen insbesondere global operierende Kapitalkonzerne mit entsprechender Marktmacht maßgebliche Teile auch der deutschen Wohnungswirtschaft, auf dem sie überdurchschnittliche Renditen erzielen. Gleichwohl gilt weiterhin der Markt als Lösung für ein Problem, das durch den Markt selbst enstanden ist und das sich laut der GdW-Studie zukünftig weiter verschärfen wird.

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Eine generelle Trendumkehr ist nicht in Sicht. Denn dafür müsste die Politik auf EU-Ebene "dicke Bretter bohren", wie der Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes, Ulrich Ropertz, gegenüber RT Deutsch sagte, was angesichts der EU-weiten marktkonformen Ausrichtung als wenig realistisch erscheint. Die der öffentlichen Hand verbliebenen Instrumente – wie die sogenannte Mietpreisbremse, die Ausweitung des Milieuschutzes für ausgewiesene Wohnquartiere und die Wahrnehmung kommunaler Vorkaufsrechte – können durch ihre zeitliche Befristung diese Entwicklung bestenfalls verzögern, doch nicht umkehren, so Ropertz. Hierzu müsste das Prinzip des Marktes selbst durch einen "Marktentzug" der Wohnungswirtschaft durchbrochen werden.

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(RT Deutsch / dpa)

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