Der Fall Rose: Totgeprügelt von Dessauer Polizisten?

Der Fall Rose: Totgeprügelt von Dessauer Polizisten?
Blumen und Kerzen vor der Polizeistation zum Gedenken an Oury Jalloh, der vor 13 Jahren in einer Zelle in Polizeigewahrsam ums Leben kam. Sein Fall ist nicht der einzige.
Hans-Jürgen Rose, Mario Bichtemann, Oury Jalloh: Eine Serie gewaltsamer Todesfälle wirft einen schweren Verdacht auf die Polizei in Dessau und Sachsen-Anhalts Behörden. Über das erste Opfer war bislang wenig bekannt. Die Autorin begab sich auf Spurensuche.

von Susan Bonath

Hans-Jürgen Rose stirbt 1997 an schwersten inneren Verletzungen. Knapp fünf Jahre später erliegt Mario Bichtemann einem Schädelbruch. Seine Leiche weist weitere massive Verletzungen auf, darunter mehrere Rippenbrüche. 2005 verbrennt der gefesselte Oury Jalloh bis zur Unkenntlichkeit in seiner Zelle. Alle drei Opfer sind 36 Jahre alt. Die Serie ungeklärter Todesfälle im Polizeirevier Dessau, Sachsen-Anhalt, ist einer der größten Justizskandale in der Bundesrepublik und Zeugnis mörderischen Korpsgeistes.

Schon seit langem gibt es Indizien und Beweismitteln, die allesamt dafürsprechen, dass Oury Jalloh offenbar von Polizeibeamten verbrannt wurde. Es geht um ein Feuerzeug, dass nur tatortfremde Spuren enthält und laut Gutachtern mit größter Wahrscheinlichkeit nie in der Zelle war.

Im Fall Jalloh verwarf der Dessauer Chefermittler, Oberstaatsanwalt Folker Bittmann, erst kurz vor seiner Pensionierung seine zwölf Jahre lang propagierte Selbstmordthese. Mehr noch: Die Verbrennung Jallohs sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, vermerkte er im April 2017 in einem Schreiben an den Generalbundesanwalt. Polizisten hätten damit mutmaßlich nicht nur Spuren von Misshandlungen oder Unterlassung an diesem Opfer verwischt, sondern ein Wiederaufrollen der früheren Todesfälle verhindern wollen. Eine Recherche der Autorin dokumentiert den bisher kaum öffentlich bekannt gewordenen Fall Hans-Jürgen Rose.

Kein Unfall, keine Kampfspuren

Der 7. Dezember 1997 ist ein nasskalter Sonntag. Die vier Zentimeter hohe Schneedecke über Dessau beginnt zu tauen. Es nieselt, die Temperatur liegt knapp über Null. Morgens, kurz nach fünf Uhr, verlässt Golam S. seine Wohnung in der Wolfgangstraße 15. Sie liegt gerade 150 Meter vom Polizeirevier entfernt. S. will seinen Hund ausführen. An der Haustür stoppt er, läuft zurück in seine Wohnung, alarmiert die Polizei: Im Schneematsch neben dem Eingang liegt ein Schwerverletzter.

Trotz der Kälte trägt dieser nur ein T-Shirt am Oberkörper. Über seiner Stirn klafft eine faustgroße Wunde. Er röchelt Blutblasen. Um 5.06 Uhr geht der Anruf im Revier ein. Die Beamten Michael N. und Klaus-Dieter H. fahren zum Tatort. Sie decken das noch lebende, völlig unterkühlte Opfer zu, fordern eine zweite Streife vom Revier nebenan an. Wenig später treffen ihre Kollegen Manfred H. und Thomas B. am Fundort ein. Merkwürdig: Erst um 5.33 Uhr alarmieren sie den Notarzt. Knapp zehn Minuten später, mehr als eine halbe Stunde nach dem Auffinden des Schwerverletzten, trifft dieser samt Rettungswagen ein.

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Das Opfer ist Hans-Jürgen Rose, 36 Jahre alt, fast zwei Meter groß, gut 100 Kilogramm schwer. Der Mann trägt schulterlanges Haar und einen Oberlippenbart. Geld und Personalausweis hat der seit kurzer Zeit erwerbslose Maschinenbauingenieur bei sich. Ein Raubüberfall wird ausgeschlossen. In der Vernehmung gibt der Beamte N. drei Tage später an:

Wir haben vor Ort am Haus nach oben geschaut, ob irgendwelche Fenster offen standen und haben weiterhin nach Spuren von einem Verkehrsunfall gesucht, von anderen Tätlichkeiten oder Kampfspuren, haben aber keine gefunden.

Bekannte, Freunde und Angehörige des Opfers werden Rose später gegenüber der Polizei als ruhigen, friedlichen und umgänglichen Menschen beschreiben. Körperlichen Auseinandersetzungen sei er stets aus dem Weg gegangen. Nein, Selbstmordabsichten habe er keine gehegt. Wenige Tage nach dem Vorfall hätte er zu einem Vorstellungsgespräch nach Hamburg fahren wollen. Darauf habe er sich besonders gefreut.

Gerissene Organe, Knochenbrüche, Querschnittslähmung

Im Dessauer Klinikum versuchen die Ärzte, den Mann mit einer Notoperation zu retten. Vergeblich: Hans-Jürgen Rose stirbt tags darauf, am 8. Dezember 1997, um 9.25 Uhr an einer Lungenfettembolie. Schwere innere Blutungen sind laut Ärzten die Ursache dafür. Die Rechtsmediziner der Universität Halle listen eine unglaubliche Anzahl schwerer Verletzungen einzeln auf:

Lunge, Magen, Darm und Milz sind gerissen. Rechts sind sechs Rippen gebrochen, links drei weitere. Eine davon durchspießt das Zwerchfell, die andere steckt in der Niere. Sie stellen Brüche des Brustbeins und Schlüsselbeins fest, zahlreiche Wirbelkörper vom Hals bis zum Steiß sind zersplittert. Dies habe zu einer Querschnittslähmung geführt, so die Ärzte. Darüber hinaus attestieren sie Blutungen in inneren Organen, Quetschungen, Schürf- und Platzwunden und Blutergüsse im Genitalbereich, an Kopf, Mund und Hals. Der gesamte Rücken des Opfers bis hinunter zu den Oberschenkeln ist mit blauen Striemen übersät.

Mediziner: Stumpfe Gewalteinwirkungen wie durch Polizeiknüppel

Entstanden seien die Verletzungen durch "zahlreiche stumpfe Gewalteinwirkungen, insbesondere auf den Rücken und die unteren Gliedmaßen", konstatieren die Mediziner. Die streifenförmigen Hautunterblutungen sprächen für

massive Schläge durch einen Gegenstand, welcher von der Geometrie her betrachtet einem Polizeischlagstock ähnlich ist.

Diese Annahme begründet sich auch in den Umständen. Unmittelbar vor seinem Auffinden war Hans-Jürgen Rose im Dessauer Polizeirevier. Die Dokumentation dazu ist dürftig. Was man weiß: Rose trennt sich im Frühherbst 1997 von seiner Ehefrau. Zunächst kommt er bei seiner Mutter unter, dann bei Freunden. Am Abend des 6. Dezember begibt er sich mit ihnen auf eine Feier in einen Dessauer Gasthof.

Anders als sonst trinkt der 36-Jährige reichlich Alkohol. Nach Mitternacht steigt er in sein Auto. Beim Anfahren beschädigt er die Stoßstange eines anderen Fahrzeugs. Dessen Inhaber nimmt dem angetrunkenen Hünen den Autoschlüssel weg und ruft die Polizei. Die Polizisten Manfred H. und Thomas B. nehmen den Delinquenten gegen 1 Uhr mit aufs Revier. Was dort passiert, bleibt großteils im Dunkeln.

Klar ist nur: Auf dem Revier entziehen die Beamten dem Mann zunächst den Führerschein. Sie rufen den Revierarzt Andreas B. Der Neurologe praktiziert bis heute in Dessau. Laut Protokoll entnimmt er Rose um 2.25 Uhr und 2.55 Uhr Blut. Die Proben ergeben gut zwei Promille. Bei der Vernehmung versichert der Arzt Andreas B., Rose sei "äußerlich unverletzt, sein Gang sicher, seine Sprache deutlich" gewesen. Er habe Anweisungen befolgt und sachlich geantwortet. Ferner habe er bei der Untersuchung eine Jacke getragen.

"Da hab ich ihm aber eine eingezogen"

Dann wird es widersprüchlich: Angeblich habe die Polizei den Mann unmittelbar nach der zweiten Blutentnahme gegen 3 Uhr aus dem Revier entlassen. Er sei zielstrebig wieder zu seinem Auto gelaufen, heißt es. Weil man dies vermutet habe, seien ihm die Beamten Udo H. und Mario N. gefolgt.

Deren Aussagen zufolge sei Rose in der Tat erneut in sein Auto gestiegen. Die Streife sei ihm eine Weile hinterher gefahren. Schließlich habe sie den Mann außerhalb von Dessau in Richtung Roßlau gestoppt und erneut aufs Revier gebracht. Dort entzogen Mario N. und Udo H. ihm die Autoschlüssel. Protokolliert ist dies für 3.08 Uhr. Wie das gesamte Geschehen in maximal acht Minuten passen soll, bleibt  deren Geheimnis. Anschließend wollen die Polizisten Rose belehrt und zum Ausgang begleitet haben. Aufzeichnungen dazu existieren nicht. Dafür um so mehr Widersprüche.

Mitglieder der Initiative

Am 10. Dezember sagt der Polizist Michael N. Brisantes aus. Er habe sich gegen 4.30 Uhr mit etwa fünf weiteren Beamten im Pausenraum des Polizeireviers aufgehalten. Dort habe einer der Kollegen sinngemäß geprotzt:

Der wollte mir doch ein paar auf die Fresse hauen, da hab ich ihm aber eine eingezogen.

Eine halbe Stunde später trifft Michael N. als erster beim Fundort Roses ein. Die Kollegen der zweiten Streife, Manfred H. und Thomas B., seien ihm nervös erschienen, erklärt er später. "Sie liefen scheinbar ziellos hin und her", sagte N., und außerdem hätten beide verneint, das Opfer zu kennen. Dabei waren sie es, die den Mann wenige Stunden zuvor ins Revier gebracht hatten.

Erst danach, also zwei Tage nach Roses Tod, übergibt die Polizei die Ermittlungen an eine Mordkommission. Diese stellt keinerlei Spuren eines Angriffs, Verkehrsunfalls oder eines Fenstersturzes  fest. Außerdem, so bestätigt die Rechtsmedizin, hätte sich Rose mit den schweren Verletzungen nicht mehr von einem zum anderen Ort bewegen können. Zunächst verfolgen die Ermittler dennoch die Annahme, den Täter im Umfeld des Mannes zu finden, der die Polizei gerufen hatte. Golam S. und sein Freund werden zu Verdächtigen.

"Das klang wie Autoschiebetüren"

Doch dann meldet  sich ein Anwohner des Hauses am Fundort. Er berichtet der Polizei, er sei am frühen Morgen durch Stimmen und laute Geräusche vor dem Haus erwacht. "Das klang wie Autoschiebetüren", erinnert er sich. Sein Radiowecker habe 4.25 Uhr angezeigt. Aus dem Fenster gesehen habe er aber nicht. Ein Polizeibus?

Die Ermittler stellen daraufhin Schlagstöcke und Handfesseln jener Polizisten sicher, die in dieser Nacht im Revier waren. Sie lassen eine Säule im Pausenraum untersuchen und finden massenhaft DNA-Spuren des Opfers. Wurde Rose an dieser Säule gefesselt und schwer misshandelt?

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Die Ermittler des Zentralen Kriminaldienstes der Polizeidirektion Dessau erwägen tatsächlich diese Version,  scheitern aber an widersprüchlichen Aussagen und einer Mauer des Schweigens innerhalb der Polizei. Die Aussage des Zeugen Michael N. stehe für sich allein, bemerken sie im September 2000 in ihrem Abschlussbericht. Zwar verwerfen sie die Theorie eines Verkehrsunfalls. Auch für einen Fenstersturz sowie Gewalt auf offener Straße "liegen keine offenen kriminaltechnischen Spuren vor", heißt es.

Dennoch basteln sie sich letztlich eine Version im Konjunktiv zurecht: Rose könnte nach Verlassen des  Reviers in Richtung Hauptbahnhof gegangen sein. Dann könnte er Licht im Hausflur des mehrstöckigen Hauses gesehen haben. Möglicherweise habe er sich im Flur aufwärmen wollen, da er nur ein T-Shirt trug. Dann könnten unbekannte Täter ihn als "störenden Penner" aus dem Hausflur geworfen und vor der Tür getreten und geschlagen haben. Das Verfahren verläuft im Sande.

Erst die Anwälte der Familie des 2005 im Polizeirevier verbrannten Oury Jalloh stoßen auf die früheren Fälle, bringen sie erstmals an die Öffentlichkeit. Die Staatsanwaltschaft Dessau rollt den Tod von Hans-Jürgen Rose noch einmal auf. Sie vernimmt frühere Beteiligte, verfasst Verfügungen. Doch sie scheitert an den Erinnerungslücken der Polizeibeamten.

Ein mit Sensoren, Schweinehaut und Fett ausgestatteter Dummy wird für eine Brandanalyse im Rahmen der Todesuntersuchung von Oury Jalloh getestet.

Nach allem haben die weiteren Ermittlungen keine Erkenntnisse zum Hergang der Ereignisse gebracht, die zu den tödlichen Verletzungen des Herrn Rose geführt haben,

erklärt der 2015 pensionierte Oberstaatsanwalt Christian Preissner am 28. Februar 2014, der bereits in den Fällen Bichtemann und Jalloh ermittelt hat. Und: Es gebe weder einen Anfangsverdacht gegen bekannte Personen noch einen Tatverdacht gegen Polizeibeamte. Preissner stellt die Ermittlungen erneut ein.

Drei Fälle, viele Parallelen

Die Recherchen ergaben zahlreiche personelle Überschneidungen bei allen drei Fällen. So hielt sich der Polizist Hans-Ulrich M. während der Maßnahmen mit Hans-Jürgen Rose im Dessauer Polizeirevier auf. Er will mal auf dem Flur, mal in einem Raum gewesen sein. Ein Alibi hat er nicht. Im Fall Jalloh erwischte ihn ein Zeuge bei einer undokumentierten Zellenkontrolle mit seinem Kollegen Udo S. kurz vor dem Brandausbruch. Udo S. war früher Chemiefacharbeiter und bei der Dessauer Feuerwehr.

In allen drei Fällen sind Andreas B. als Revierarzt,  Andreas S. als Dienstgruppenleiter und Gerald K. als Revierleiter tätig; außerdem ermitteln dieselben Kriminalbeamten S., P. und K., der Polizist Thomas B. ist an der ersten Festnahme Roses beteiligt und später im Revier zugegen. Er hat ebenfalls kein Alibi. Am  30. Oktober 2002 führt er die letzte Zellenkontrolle bei Bichtemann durch. Anderthalb Stunden später findet sein Vorgesetzter Andreas S. den in Gewahrsam Genommenen mit Schädel- und Rippenbrüchen tot in der Polizeizelle. Merkwürdig: Knapp acht Monate nach Jallohs Tod, Ende August 2005, wird Thomas B. aus dem Polizei- und Beamtendienst entlassen. Als Oberstaatsanwalt Preissner Anfang 2014 zur erneuten Vernehmung vorlädt, arbeitet er als Produktionshelfer.

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