Die Welt zu Gast bei Feinden: Drei-Minuten-Hass im ZDF

Die Welt zu Gast bei Feinden: Drei-Minuten-Hass im ZDF
Plakat mit dem WM-Maskottchen vor der russischen Botschaft in Kiew im ZDF-Beitrag "Die Ukraine quält sich mit der WM"
Wer gedacht hat, die neue "Sommermärchen"-WM hätte auch die deutschen Berichterstatter in ihren Bann gezogen, täuscht sich. Ein dreiminütiger Beitrag aus Kiew platzte im ZDF mitten in einen gemütlichen WM-Plausch mit Oliver Welke und Olli Kahn im WM-Studio.

von Wladislaw Sankin 

Die englische Fußballlegende Gary Lineker gibt dem ZDF ein Interview. Er entpuppt sich als smarter Small-Talker, der mit Witz die Chancen der englischen Mannschaft abwägt. Ganz nebenbei lobt er dabei die tolle WM und damit indirekt auch den Gastgeber. Das sagt er im Zweiten gegen 22:30, etwa eine halbe Stunde nach dem fulminanten Achtelfinalspiel Belgien-Japan. Anschließend wechselt man wieder ins Studio, das mit einer riesigen Moskau-Kulisse ausgestattet ist.

Diese zeigt den Kreml bei Nacht. Ich denke mir, schöne Moskau-Bilder würden langsam doch zur Gewohnheit. Na, geht doch! RT Deutsch schrieb fast jeden Tag über Propaganda im deutschen Mainstream gegen den WM-Gastgeber, die inzwischen wie in einem Suchrätsel in alle erdenklichen Details eingebaut zu werden scheint - und jetzt auf einmal Lob und Moskau-Bilder. Haben wir übertrieben? Haben die Journalisten endlich kapiert, dass sie etwas falsch gemacht haben?

Mit dem Zweiten sieht man nicht unbedingt besser.

Just in diesem Moment kündigt Oliver Welke einen Beitrag aus Kiew an. Na, wissen Sie, stellte er sich verlegen, als ahnte er, wie das Publikum mittlerweile auf politische Handreichungen dieser Art reagiert, "in der Ukraine sieht man Fußball aus Russland mit besonderen Augen". Der Beitrag heißt "Die Ukraine quält sich mit der WM". Nach einem kurzen Vorspann für die Beitragsreihe "Kynast, Kreml, Kaviar" wechselt man direkt in eine Kiewer Sport-Bar während des Spiels Russland-Spanien.

Pathetisches Schwelgen im Opfermythos

Dort fiebern rund ein Dutzend Mittdreißiger mit. Der Journalist aus dem Off betont: Alle Anwesenden sind für Spanien. Und wie! Zwei kurze O-Töne verdeutlichen das:

Die russische Mannschaft hat es in die Viertelfinale geschafft. Wir wünschen ihr alles Pech der Welt!", sagt einer der Protagonisten. 

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Bei ihm ist es wegen der Krim. Der andere sagt, während der Spiele seien zehn ukrainische Soldaten bei den Kämpfen in der Ostukraine gestorben. Die Off-Stimme erinnert uns vielsagend an die über 10.000 Opfer des Krieges.

Dann redet der deutsche Journalist mit Surab Alasanija, der den Ersten Nationalen Kanal leitet. Seine Fernsehanstalt soll noch vor Jahren die WM-Übertragungslizenz erworben haben. Dennoch wollte man die Übertragung absagen. In der Ukraine würde man eine normale Übertragung falsch verstehen, so was gehe nicht, sagt Alasanija. Schließlich kaufte ein privater Sender dem öffentlich-rechtlichen Sender die Rechte ab und zeigt nun das Turnier, weswegen nun auch die Ukrainer in dem ZDF-Beitrag die Möglichkeit haben, für die jeweiligen Gegner der russischen Mannschaft zu fiebern. Was das ZDF nicht erwähnt, ist, dass der Sender "Inter" heißt und regelmäßig von den ukrainischen Ultra-Nationalisten angegriffen wird.

14. Juni: Vor der russischen Botschaft in Kiew rufen pro-ukrainische Aktivisten zu einem Boykott der Fußball-WM auf.

Wieder Ortwechsel. Der Kiewer Maidan, der Unabhängigkeitsplatz, wo, wie die Stimme sagt, "alles begann". Der Ort der mysteriösen Tötung von rund 100 Maidan-Kämpfern und Polizisten im Februar 2014. Die Maidan-Morde waren der wichtigste emotionale Moment im Zusammenhang mit dem damals vollzogenen Staatsstreich. Eine Frau weint, im Hintergrund sind Fotos der Verstorbenen zu sehen. "Das sind doch unsere Kinder", sagt sie schluchzend.

Dann werden Protestler in Tarnuniformen vor der russischen Botschaft hinter Stacheldraht gezeigt. Sie halten Plakate mit der Darstellung eines bösen WM-Maskottchens, des Wolfs Sabiwaka, blutverschmiert und mit abgebissener Hand im Maul. Seinen Fuß stellt er über einen Schädel.

Die erste Frage, die einem nach diesem Beitrag einfällt: Warum das jetzt wieder? Und was hat das Gedenken an die Maidan-Morde vor allem mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland zu tun? Aus Sicht des ZDF sehr wohl etwas. Denn nach der offiziellen Sicht der postmaidanen Kiewer Eliten liegt die Schuld an den Morden beim anschließend gestürzten Präsidenten Janukowytsch, der - was auch sonst - auf Moskaus Geheiß gehandelt habe.

Diese Version ist zwar nicht gerichtsfest und es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass es genau umgekehrt gewesen war und die Schüsse von den Maidan-Kräften koordiniert wurden. Doch dieser ungeheuerliche Verdacht einer zynischen False-Flag würde das komplette Russland-Ukraine-Narrativ des Westens sprengen. Deswegen sind auch die Maidan-Morde wie gewohnt Russland anzulasten, was im Beitrag auch unmissverständlich suggeriert wird.

Macht das ZDF deshalb wieder antirussische Fake News? Nein, das ist mehr. Das ZDF betreibt an einem schönen Fußballabend nichts anderes als Kampf-Propaganda. Denn im ukrainischen Narrativ, der in hohem Maße von den Westmedien mitgeschrieben wird, sind seit langem auch nicht näher definierte Opfer des Konflikts in der Ostukraine vor allem  Russlands Schuld. Sie werden jedenfalls immer im Zusammenhang mit der sogenannten "russischen Aggression" in der Ostukraine erwähnt.

Symbolbild: Ein Angehöriger eines

Dabei setzen sich die Opfer des Konfliktes wie folgt zusammen:

Ukrainisches Militär

Nach den Angaben des ukrainischen Militärstaatsanwaltes Anatoli Matios, die dieser am 25. April veröffentlicht hatte, nahmen zum Zeitpunkt der Zählung am 1. April 2018 insgesamt 326.000 Mann an den Kampfhandlungen in der Ostukraine teil. An tödlichen Verlusten zählte man dabei 3.784 Militärangehörige, inklusive Kämpfern der nationalistischen Freiwilligenbataillone. Von diesen hätten laut Matios 554 Selbstmord begangen, was fast 15 Prozent ausmacht. Weitere 8.489 wurden verwundet.

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Zivilbevölkerung

Am 20. Juni machte die humanitäre Mission der UNO aktuelle Zahlen über getötete Zivilisten in der Ukraine publik - ohne die 298 Opfer des Abschusses des Boeing MH17 mitzuzählen. Ums Leben gekommen sind demnach 2.725 Zivilisten, davon 1.568 Männer, 961 Frauen und 140 Kinder. Der deutlich größere Teil dieser Opfer dürfte dabei auf das Konto der ukrainischen Streitkräfte gehen, die nachweislich und beständig zivile Ziele im Rebellengebiet beschießen. Es gibt auch zahlreiche Tote unter den Zivilisten aufgrund von Landminen. Über 9.000 sind verwundet und verstümmelt. 

Die Aufständischen

Was diese anbelangt, gibt es keine genauen Zahlen. Auf den Friedhöfen im Gebiet Donezk ruhen beispielsweise nach Zählungen von Besuchern über 2.000 nicht-einheimische Kämpfer, die größtenteils aus Russland stammen. Die Verluste bei der einheimischen Volkswehr, die zurzeit fast die gesamten Streitkräfte der nicht anerkannten Volksrepubliken bildet, dürften noch höher liegen.

Fußball-Fans aus aller Welt versammeln sich in Russland.

Diese Daten sind eher eine Mindestangabe, denn die reale Zahl an Verlusten könnte noch höher sein. Aber sie geben eine grobe Orientierung dahingehend, wie die Zahlen sich zusammensetzen und sie können eine Vorstellung über die Verhältnisse bezüglich der Opferangaben geben. Zu behaupten, Ukrainer empfänden Hass auf Russland wegen der 10.000 Toten im Donbass ist reine Propaganda, denn in der Wirklichkeit ist es genau andersherum: Es war die Regierung in Kiew, die im Frühjahr 2014 nach den ersten Erhebungen im Osten des Landes schwerbewaffnete Truppen dorthin entsandte. Sie trägt auch die Verantwortung für die Verluste unter den eigenen Streitkräften wegen der auch gegenüber den eigenen Kämpfern rücksichtslosen Kriegsführung. Aber spätestens seit Januar 2015, als das Minsker Abkommen unterschrieben wurde, zwingt niemand mehr die ukrainische Seite, den Krieg im Donbass zu führen. Es ist Kiew, das den bewaffneten Konflikt am Köcheln hält.

Deutscher Qualitätsjournalismus lässt Lücken, die er mit Hass füllt

Der Beitrag "punktet" auch damit, dass er wider allen journalistischen Standards keine anderen Meinungen zum Thema zu Wort kommen lässt. Die Einschaltquoten für Spiele mit der russischen Mannschaft waren bei Inter enorm, das Spiel gegen Spanien hatte 4,5 Millionen Zuschauer. Damit war es bislang gleichzeitig die meistgesehene Sendung des Tages und das meistgesehene Spiel der ganzen WM. Der Beitrag sagt auch nicht, dass es in der Ukraine gefährlich ist, eine vom offiziellen antirussischen Mainstream abweichende Meinung kundzutun. Public Viewings zur WM sind im gesamten Land nicht erlaubt. Eine Einschüchterungskampagne gegen Restaurantbesitzer vonseiten der Nationalisten und offizieller Stellen, die speziell Spiele mit russischer Beteiligung zeigen wollten, erwähnt der ZDF-Reporter auch nicht.

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Augenzeugen berichten jedoch, dass beispielsweise im südukrainischen Odessa in vielen Bars Fans der russischen Mannschaft laut für Russland fieberten. Im Kiew tat man dies eher stillschweigend. Auf YouTube werden Videos ukrainischer Blogger, die zur WM reisen und mit Wohlwollen über ihre Erlebnisse in Russland berichten, hunderttausendfach geklickt. Offen und ohne Furcht, nach ihrer Rückkehr vom Rechten Sektor dafür verprügelt zu werden.

Diese Analyse zeigt, dass der Beitrag des deutschen öffentlich-rechtlichen Senders mit seinen mehrfachen Falschdarstellungen und ohne Einhaltung elementarer journalistischer Standards einem ganz klaren Ziel folgt, nämlich den Zuschauern Russland als das Land zu präsentieren, welches von ganzem Herzen gehasst werden kann. Zum Abschluss des Beitrages wird diese Verhöhnung des eigenen Auftrages der Ausgewogenheit und Völkerverständigung besonders unmissverständlich: Als der russische Torhüter Akinfeew den letzten Ball des Spaniers Ramos beim Elfmeterschießen mit seinem ausgestreckten Fuß abwehrt, weshalb Sekunden später die russischen Spieler auf dem Bildschirm ihr Glück kaum fassen können, können die ausgesuchten ZDF-Protagonisten ihre Wut kaum noch unterdrücken. Im düsteren Ton stimmt die Off-Stimme mit ihnen ein:

Im Privatfernsehen sieht die Ukraine, wie Russland gewinnt. […] Es ist ein Gefühl wie 'Die Welt zu Gast bei Feinden'.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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