"Anachronistisch": Das Tanzverbot zu Ostern wird angegriffen

"Anachronistisch": Das Tanzverbot zu Ostern wird angegriffen
Wenn das Tanzverbot aufgehoben wird, kann man auch am Karfreitag ohne Maske tanzen gehen.
Karfreitag ist ein sogenannter stiller Feiertag, an dem in vielen Bundesländern ein ganztägiges Tanzverbot gilt. Diese als religiöse Bevormundung empfundene Regel wird von zahlreichen Politikern in Frage gestellt. Gefordert wird die "Trennung von Club und Kirche".

Sachsens Linke halten das Tanzverbot am Karfreitag für einen Anachronismus. Schließlich seien zwei Drittel der dortigen Bürgerschaft konfessionell nicht gebunden, teilte die Partei am Mittwoch in Dresden mit. "Das macht Sachsen zu einem der am wenigsten religiösen Orte der Bundesrepublik. Ein religiös begründetes gesetzliches Tanzverbot fällt da absolut aus dem Rahmen", erklärte Landesgeschäftsführer Thomas Dudzak:

Jedem Menschen sollte es selbst überlassen werden, wie er oder sie Feiertage begeht. Ob Tanzveranstaltung oder stilles Gebet, die verschiedenen Bedürfnisse stehen nicht in Widerspruch zueinander.

Dudzak plädierte für eine "Trennung von Kirche und Club". Mit der Praxis am Karfreitag zeige sich erneut, dass die Trennung von Staat und Kirche noch lange nicht vollzogen sei. Am Karfreitag gilt in Deutschland ein Tanzverbot. Einige Bundesländer untersagen schon am Abend des Gründonnerstags Tanzveranstaltungen. Die Linken verwiesen auf die Praxis anderswo:

So kann man in Rom selbstverständlich auch am Karfreitag Partys oder Rockkonzerte besuchen – jedenfalls all diejenigen, die das wollen. Das Tanzverbot gehört deshalb abgeschafft.

Auch die Jugendorganisation der Partei Die Linke, Linksjugend, möchte das Tanzverbot kippen. So sagte Sprecher Sven Fichtner:

Das Tanzverbot passt nicht in unsere interkulturelle Gesellschaft. Es ist unzeitgemäß, bevormundend und widerspricht unserer Auffassung der Religionsfreiheit, die auch als die Freiheit, ohne Religion zu leben, verstanden werden muss. Einschränkungen des Alltags durch überholte christliche Bräuche wie das überlebte Relikt eines Tanzverbotes an Karfreitag können schadlos abgeschafft werden.

Maximilian Hagel vom Vorstand der Linksjugend Stuttgart betont, dass es selbstverständlich jedem Menschen freistehe, "an diesen Tagen zur Ruhe zu kommen, zu beten und seinen Glauben auszuleben". Das dürfe aber nicht dazu führen, dass andere Menschen daran gehindert würden, es nicht zu tun und stattdessen anderen Tätigkeiten wie beispielsweise dem Tanzen nachzugehen. 

Auch der Nachwuchs anderer Parteien haut in diese Kerbe. Der Landessprecher der Grünen Jugend, Marcel Emmerich, sagte der BILD-Zeitung: "Das Tanzverbot passt nicht in eine emanzipatorische Gesellschaft. Religiöse Bräuche dürfen nicht der gesamten Gesellschaft aufgezwungen werden." Und auch Juso-Landeschef Markus Herrera Torrez aus Baden-Württemberg pflichtet bei: "Das Tanzverbot ist nicht mehr zeitgemäß." Wenig überraschend freut das die Lobbyisten des Gastgewerbes: "Es sind antiquierte Relikte aus vergangenen Zeiten, die dem Willen und der Erwartungshaltung der Bürger und Gäste nicht mehr entsprechen", sagt Stephan Büttner, Geschäftsführer des Bundesverbands deutscher Diskotheken und Tanzbetriebe.

Auf der anderen Seite stehen die Kirchen ziemlich einsam: Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Nikolaus Schneider verteidigte den Brauch mit dem Stellenwert der Feiertage. Für Protestanten hätten die bevorstehenden Osterfeiertage sogar eine höhere Bedeutung als Weihnachten. "Karfreitag und Ostern sind die zentralen Feste unseres Glaubens", sagte sie dem Evangelischen Pressedienst. Und auch die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann hat die politischen Vorstöße zur Abschaffung des Tanzverbots zurückgewiesen. Es drohe, der Sinn für besondere Zeiten verloren zu gehen, "die seit Jahrhunderten fester Bestandteil unserer Kultur sind", sagte sie der Leipziger Volkszeitung.

In Bremen geht der SPD-Politiker Maurice Mäschig gar mit einer Online-Petition gegen sogenannte stille Feiertage vor: "Der Staat maßt sich mit diesen Einschränkungen die Entscheidung darüber an, wie seine Bürgerinnen und Bürger Feiertage begehen dürfen", kritisiert Mäschig im Petitionstext. "Viele sehnen sich nach Ablenkung, Freude und Leichtigkeit, weil bereits der Alltag mit negativen Situationen einhergeht."

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