Islamismus-Beratung: Radikalisierte Jugendliche werden immer jünger

Islamismus-Beratung: Radikalisierte Jugendliche werden immer jünger
Seit 2013 hat die Zahl der Anfragen bei der Beratungsstelle Radikalisierung sehr stark zugenommen. Im Jahr 2016 hat die Beratungsstelle im BAMF allein über 1.040 Anrufe entgegengenommen.
Bei der Radikalisierungs-Hotline im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gingen seit dem Start vor sechs Jahren über 4.000 Anrufe ein. Allein 2017 haben sich mehr als 800 Hilfesuchende gemeldet. Die radikalisierten Jugendlichen werden dabei immer jünger.

Die Nachfrage nach Islamismus-Beratung in Deutschland ist hoch. Bereits mehr als 4.000 Anrufe sind seit dem Start vor sechs Jahren bei der Radikalisierungs-Hotline im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eingegangen. Neben der zentralen Beratungsstelle im BAMF mit fünf Angestellten sind noch weitere 70 Mitarbeiter bundesweit tätig. Aktuell werden insgesamt 2.190 Fälle betreut, sagte der Leiter der zentralen Beratungsstelle, Florian Endres, der Deutschen Presse-Agentur.

Symbolbild - Das BAMF weist daraufhin, dass zahlreiche Probleme mit salafistischen Tendenzen nicht bei Kindern aus Migrantenfamilien anzutreffen sind, sondern bei deutschen Familien, die konvertiert sind.

Am häufigsten rufen verzweifelte Mütter bei der Hotline an

Im vergangenen Jahr meldeten sich knapp 800 Hilfesuchende bei der Hotline - rund 200 weniger als im bisherigen Rekordjahr 2016, in dem die Anrufer-Zahlen vor allem nach den islamistisch motivierten Anschlägen in Ansbach und Würzburg in Bayern in die Höhe schnellten. Meist ist eine Beratung über Monate oder gar Jahre nötig.

Die BAMF-Mitarbeiter vermitteln die Betroffenen an eine der dezentralen Beratungsstellen weiter. Am häufigsten rufen verzweifelte Mütter bei der Hotline an. "Die Kinder beschäftigen sich plötzlich mit dem Islam oder haben die eine oder andere salafistische Videopredigt angeschaut - und die Eltern können es nicht einordnen", sagte Endres. Am zweithäufigsten melden sich Lehrer oder Behörden. Unter den Mitarbeitern der Beratungsstellen sind Sozialpädagogen, Politikwissenschaftler, Islamwissenschaftler und Psychologen, die alle entsprechend geschult sind, um die Gespräche zu führen. Beraten wird in den Sprachen Deutsch, Türkisch, Arabisch, Englisch, Farsi, Russisch oder Urdu.

Die Sicherheitsbehörden halten den Salafismus - eine besonders fundamentalistische Ausprägung des Islam - für einen wesentlichen Nährboden des Terrorismus. Die Gründe und Prozesse, warum und wie sich jemand radikalisiert, würden immer unterschiedlicher, sagte Endres. Im vergangenen Jahr etwa hätten vermehrt psychische Probleme eine Rolle gespielt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt die salafistische Szene in Deutschland inzwischen auf mehr als 10.000 Menschen.

Zehn Prozent der Fälle 2017 waren Jugendliche unter 14 Jahren

Gut ein Drittel der Beratungsfälle sei sicherheitsrelevant, sagt Endres. Hintergrund sei meist "eine mögliche, bevorstehende oder durchgeführte Ausreise in Kampfgebiete oder eine mögliche Anbindung an eine terroristische Organisation". In einem Großteil dieser Fälle hätten die Sicherheitsbehörden die Betroffenen an die Berater verwiesen - etwa wenn die Polizei eine so genannte Gefährder-Ansprache macht.

Symbolbild. Nach Angaben des Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, von Dezember 2017 war die Zahl der Salafisten in Deutschland mit 10.800 auf ein Allzeithoch angestiegen.

Im Schnitt sind die jungen Leute, die sich Salafisten anschließen oder gar in den Kampf ziehen wollen, nach Endres' Angaben knapp über 17 Jahre alt.

Das Durchschnittsalter hat sich über die Jahre nach unten entwickelt.

Beim Start der Hotline habe dieses noch bei etwa 20 Jahren gelegen. Im vergangenen Jahr sei es in zehn Prozent der Fälle um Jugendliche unter 14 Jahren gegangen, sagte Endres.

Dieses Phänomen - die so genannten Kinder des Salafismus - beschäftigt uns schon länger und fordert uns verstärkt.

Die Beratung müsse sich stärker darauf ausrichten und einen noch engeren Schulterschluss etwa mit den Jugendämtern entwickeln. Knapp 30 Prozent der betroffenen Jugendlichen sind weiblich - die Zahl ist seit längerem konstant.

Ab wann jemand als nicht mehr radikal gilt, muss erst erforscht werden

Ein Problem deutet sich aber an: qualifizierte Mitarbeiter. Die Suche wird immer schwieriger. "Die Arbeitsbelastung in diesem Themenfeld ist hoch", sagt Endres. Dabei hätten die Länder ihr Personal in den vergangenen Monaten bereits aufgestockt. Das BAMF strebt nun eine einheitliche Aus- und Fortbildung für die Berater an. Ziel sei eine Zertifizierung in Zusammenarbeit mit Hochschulen.

Weil es dafür an einheitlichen wissenschaftlichen Kriterien fehlt, kann bislang nicht gemessen werden, wie erfolgreich die Deradikalisierungs-Beratung ist. "Wir kriegen in der täglichen Arbeit mit, dass es funktioniert und wir hier auf dem richtigen Weg sind", sagte Endres. Aufgabe der Forschung sei nun aber, eine Definition dafür zu finden, ab wann jemand nicht mehr radikal ist.

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