Läutet hier der Nationalsozialismus? Streit um "Hitler-Glocke" in der Pfalz

Läutet hier der Nationalsozialismus? Streit um "Hitler-Glocke" in der Pfalz
Das Objekt der Debatte.
"Alles für's Vaterland - Adolf Hitler" steht auf der strittigen Glocke in Herxheim am Berg in der Pfalz, auf der auch ein Hakenkreuz dargestellt ist. Nun entschied der Gemeinderat, dass sie hängen bleiben darf. Der Glocken-Zwist beendete bereits eine politische Karriere.

Bundesweit sorgte sie für Aufsehen, seit Monaten wird über sie diskutiert: Nun hat der Gemeinderat im pfälzischen Herxheim am Berg beschlossen, die umstrittene Glocke aus der Zeit des Nationalsozialismus nicht entfernen zu lassen. Mit zehn zu drei Stimmen entschied das Gremium, dass sie als "Anstoß zur Versöhnung und Mahnmal gegen Gewalt und Unrecht" erhalten bleiben soll. Ein Sachverständiger kam in seinem Gutachten zum Schluss, dass die Glocke als Denkmal einzustufen sei und entweder in ein Museum gebracht oder im Kirchturm bleiben solle. In seinem Bericht heißt es, eine "Entsorgung" der Glocke sei "eine Flucht vor einer angemessenen und aufgeklärten Erinnerungskultur". Die "Hitler-Glocke" mit einem Hakenkreuz und der Inschrift "Alles fuer's Vaterland – Adolf Hitler" gehört der Ortsgemeinde und hängt seit 1934 im Turm der protestantischen Jakobskirche. 

Im Zuge des Streits um die Glocke hatte der frühere Bürgermeister der Stadt, Ronald Becker, Aussagen getätigt, die ihn schließlich zum Rücktritt von seinem Amt nötigten. In einem Interview mit Kontraste hatte Becker im Bezug auf die Glocke gesagt, "man könne stolz darauf sein", denn es gäbe in ganz Deutschland nur drei solcher Glocken. 

Hitler habe schließlich "Sachen in die Wege geleitet, die wir heute noch nutzen". Georg Welker, ehemaliger Pfarrer und jetziger Bürgermeister, hatte sich dafür ausgesprochen, die Glocke an ihrem Platz zu belassen: 

Offenbar steht nur noch er einer Zusammenarbeit zwischen AfD und Pegida im Weg: der Pegida-Vorsitzende Lutz Bachmann.

An meinem Vorschlag zum Umgang mit der Glocke hat sich nichts geändert.

Eine seiner Aussagen erzürnte den Zentralrat der Juden: 

Wenn ich die Glocke höre, höre ich Opfer. Das waren auch deutsche Bürger, also nicht nur die jüdischen. 

Damit, so Josef Schuster vom Zentralrat, werde suggeriert, Juden seien keine deutschen Bürger gewesen. Ein Kompromiss könnte dennoch der Vorschlag Welkers sein, dass eine Tafel an den Nationalsozialismus erinnert und auf den Klangkörper aus dieser Zeit hinweist. Die Glocke zu ersetzen, würde für die Gemeinde kostspielig werden. Ein Sprecher der Landeskirche: 

Die Landeskirche hat den Kirchengemeinden empfohlen, die Glocken mit Nazi-Inschrift auszutauschen, sofern sie ihr Eigentum sind. 

Thomas Altmeyer vom Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 in Frankfurt am Main kommentierte das folgendermaßen: 

Solche Diskussion und die unterschiedliche Herangehensweise gehören zu unserer Demokratie und sind notwendig. Gerade ein solcher Gegenstand zeigt, wie die Nationalsozialisten alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen haben.

Die Jakobskirche ist 1.000 Jahre alt, die Glocke läutet dort im Viertelstundentakt. Der Pfarrer Helmut Reinhardt ließ auf der Webseite der Kirche eine Erklärung verlauten: 

Von der Inschrift nehmen wir inhaltlich Abstand und distanzieren uns. Sie ist ein Zeitdokument. (...) Die Abschaltung der Glocke würde den Moll-Dreiklang auflösen und wäre akustisch eine Zumutung.

Die Mehrheit im Gemeinderat war wohl am Montagabend der gleichen Meinung. Es wurde entschieden, die Glocke hängen zu lassen, sie wieder in Betrieb zu nehmen und an der Kirche eine Gedenktafel anzubringen, die auf ihre Geschichte hinweist. "Der Beschluss des Gemeinderats entspricht auch dem Wunsch der Gemeinde", sagte ein Bürger. 

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