Zwischen "Tittensozialismus" und "Gebärmaschinen": AfD will Schutzmacht für die Frauen werden

Zwischen "Tittensozialismus" und "Gebärmaschinen": AfD will Schutzmacht für die Frauen werden
Männer sind Schweine: Die #metoo-Debatte hat auch die New Yorker Fashionweek infiziert.
"Frauenmärsche"auf der einen Seite, #metoo-Debatte auf der anderen: Um die Deutungshoheit in der Frauenbewegung wird aktuell zwischen "rechten" und "linken" Protagonisten gestritten. Wie finden Frauen zur AfD, wie fühlen und artikulieren sie sich dort?

Die Männer sind bei der AfD deutlich in der Überzahl. Doch ist die Partei darum inhaltlich eine reine Männerveranstaltung? Von den 29.000 Parteimitgliedern der AfD sind 13 Prozent weiblich, wie Parteisprecher Christian Lüth bestätigt.  Dieser Wert liegt noch unter dem der bayerischen CSU, dort sind es rund 20 Prozent. Bei der Bundestagswahl im September machten mehr Männer ihr Kreuz bei der AfD, nämlich 16 Prozent. Von den Wählerinnen stimmten neun Prozent für die AfD. Auch im Bundestag hat die Partei mit zehn Frauen und 82 Männern den geringsten Frauenschnitt.

Und wie finden es Frauen in der AfD, wenn ihre Partei Plakate mit dem Spruch "Burkas? Wir steh'n auf Bikinis" und drei von hinten fotografierten Frauen im Bikini aufhängt? Oder solche mit einer Schwangeren und dem Slogan: "Neue Deutsche? Machen wir selber." 

Die AfD-Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst und ihre Fraktionskollegin Mariana Harder-Kühnel haben kein Problem mit dieser Wahlwerbung: Die Bikini-Frauen hätten doch "nette Figürchen" gehabt, sagt Höchst und zuckt mit den Schultern. Die sächsische AfD-Bundestagsabgeordnete Verena fand die Bikini-Frauen dagegen "nicht ok".

Auch Alice Weidel, die mit Alexander Gauland an der Spitze der AfD-Bundestagsfraktion steht, war von der Kampagne weniger begeistert. Vor allem das Motiv mit dem Babybauch gefiel Weidel nicht. Sie zieht mit ihrer Lebensgefährtin zusammen zwei Kinder groß. Auf die Plakate angesprochen, macht Weidel ein Zitronengesicht. Sie sagt: "Die Landesverbände Bayern und Nordrhein-Westfalen und auch mein Landesverband Baden-Württemberg haben diese Plakate nicht verwendet."

Die AfD als "Schutzmacht" für deutsche Frauen

Ausgedacht hat sich die Kampagne der Werber Thor Kunkel. In einem Gastbeitrag für den Blog Sezession beklagte er kürzlich den Zustand der einheimischen Männer ("das deutsche Weichei") und der Bundesrepublik (der "marode Hippie-Staat"). Kunkels Artikel dreht sich um sexuelle Übergriffe muslimischer Migranten auf deutsche Frauen. Derartige Vorfälle macht die AfD auch im Bundestag zu ihren Hauptthemen. Sie sind ein zentrales Argument, mit dem die AfD um weibliche Wähler wirbt. Die Partei verkauft sich als Schutzmacht für deutsche Frauen, die sich belästigt fühlen von männlichen Zuwanderern.

Bundestagsabgeordnete Mariana Harder-Kühnel ist Anwältin aus Hessen und sagt:

Wir wollen bei den Frauen das Bewusstsein wecken, dass ihre über Jahrhunderte erkämpften Freiheiten und Rechte durch die Zuwanderung von Menschen aus Kulturkreisen, in denen teilweise archaische Vorstellungen von der Rolle der Frau herrschen, in Gefahr sind.

Die Rechtsextremismus-Forscherin Esther Lehnert von der Berliner Alice Salomon Hochschule analysiert:

Der Antifeminismus und die Ablehnung des Islam, diese beiden Ideen haben eine Scharnierfunktion zwischen Männern und Frauen innerhalb der AfD und auch zwischen der AfD und der Gesellschaft.

Das heißt aber nicht, dass in der AfD Männer und Frauen stets am gleichen Strang ziehen würden. Auseinandersetzungen gab es etwa auf einem Parteitag in Köln um die Unterstützung für alleinerziehende Mütter. Diese wird vor allem von jüngeren AfD-Männern infrage gestellt. Mehrere weibliche Parteimitglieder mittleren Alters hielten in Köln massiv dagegen. Ohne Erfolg. Am Schluss wurde beschlossen, dass Alleinerziehende zwar Hilfe vom Staat erhalten sollten, allerdings nur, "wenn sie den anderen Elternteil nicht aus der Teilhabe an der Erziehungsverantwortung und praktischen Erziehungsleistung hinausdrängen". Organisationen, die "Einelternfamilien" als normalen oder gar erstrebenswerten Lebensentwurf propagierten, sollten von Unterstützung ausgenommen werden.

Der Wind in der Partei ist rau

Einige AfD-Politiker sagen, die Mitglieder würden in der Gesellschaft angefeindet, gelegentlich auch von Linksradikalen attackiert. Das schrecke viele Frauen ab.

Die Diskriminierung in der Gesellschaft, das muss man aushalten können", berichtet Verena Hartmann aus Sachsen.

Sie sei früher als Christin in der DDR ausgegrenzt worden, jetzt erlebe sie das Gleiche als Mitglied der AfD – aber auch der Wind in der Partei sei rau. Auch die stellvertretende Vorsitzende der Bayern-AfD, Katrin Ebner-Steiner, hat festgestellt, dass man ohne "einen dicken Pelz" in der Politik nicht weit kommt:

Intern bei uns wird hart gestritten, da muss man einiges aushalten können.

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Der aktuellen #metoo-Debatte über Sexismus gegen Frauen kann die AfD nichts abgewinnen. Auch Quoten, da sind sich Männer und Frauen in der AfD einig, seien abzulehnen. Die Frauenquote sei "eine Art Tittensozialismus", der bedauerlicherweise von allen Parteien außer der AfD unterstützt werde, sagt Nicole Höchst verächtlich.

Sie ärgert, dass Politiker anderer Parteien der AfD vorwerfen, sie degradiere die Frauen zu passiven "Gebärmaschinen". Höchst ist Mutter von vier Kindern, alleinerziehend. Zuletzt war sie beim Pädagogischen Landesinstitut in Speyer in Rheinland-Pfalz beschäftigt. Höchst sagt, sie habe alle Varianten ausprobiert: Hausfrau, Teilzeit und Vollzeit-Erwerbstätigkeit. Sie wünscht sich bei den staatlichen Leistungen für Eltern mehr Flexibilität. Das Elterngeld sei für besserverdienende Frauen unattraktiv, sagt sie, und dass sie eines ihrer Kinder schweren Herzens schon im Alter von drei Monaten zur Tagesmutter habe bringen müssen. Nicole Höchst hat nur männliche Mitarbeiter für ihr Bundestagsbüro und im Wahlkreis eingestellt. Bei ihrer Fraktionskollegin Harder-Kühnel ist es nicht anders. Esther Lehnert von der Berliner Alice Salomon Hochschule stellt dazu fest: "Die AfD hat ein traditionelles Rollenbild, aber die Lebensentwürfe der Funktionärinnen dieser Partei sind oft ganz anders."

Fraktionschefin Alice Weidel wird, weil sie lesbisch ist, völkisches Vokabular meidet und neoliberale Positionen vertritt, häufig gefragt, warum sie "nicht Mitglied der FDP ist". Sie rollt dann entnervt mit den Augen und stöhnt: "Nicht schon wieder." Weidel und Beatrix von Storch sind die einzigen Frauen im 14-köpfigen Bundesvorstand.

(rt deutsch/dpa)

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