Deutschland: Weit mehr Eltern und Kinder leben unter Armutsgefährdungsgrenze als bisher bekannt

Deutschland: Weit mehr Eltern und Kinder leben unter Armutsgefährdungsgrenze als bisher bekannt
Angela Merkel mit Kindern, Berlin, Deutschland, 17. September 2017.
Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat die Armutsgefahr von Familien untersucht und kommt zum Schluss, dass "vor allem arme Familien bisher reicher gerechnet wurden". Die Bundesregierung wollte die Zahlen offenbar besser aussehen lassen, als sie es de facto sind.

Forscher der Ruhr-Universität Bochum beschäftigten sich mit der Materie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Die Studie sollte sich durch eine Abkehr von den "starren Äquivalenzgewichten der OECD-Skala" auszeichnen und die realen Zusatzkosten für Haushalte mit Kindern ermitteln. Dazu wurden einkommensabhängige Äquivalenzgewichte eingerechnet. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung:

Wir können Armut nur erfolgreich bekämpfen, wenn wir sie realistisch betrachten können. Mit jedem zusätzlichen Kind wird die finanzielle Lage von Familien schwieriger. Kinder sind leider ein Armutsrisiko in Deutschland. 

"Armut lässt sich auf mangelhafte Kinder-Betreuung zurückführen"

In der Zeit zwischen 1992 bis 2015 hatten Paare mit Kindern oder Alleinerziehende gegenüber Kinderlosen immer Nachteile. Die Schere zwischen armen und reichen Familien ging gleichzeitig immer weiter auseinander. Die Anhebung von Kindergeld konnte hieran nichts ändern. Nur in Familien, in denen die Frauen ihre Berufstätigkeit ausbauen konnten, habe sich die finanzielle Lage der Familie verbessert, behaupten die Autoren der Studie. 

Professor Martin Werding zu deren Ergebnissen:

Generell steigt die Armutsquote an - gegenüber dem, was man bisher wusste. Bei Ein-Kind-Familien ist das jetzt nicht stark, da steigt die Armutsquote von 11 auf 13 Prozent, [...] bei zwei Kindern wird's dann schon mehr: 14 Prozent. [...] Dramatisch sind die Effekte bei Alleinerziehenden, da dachte man bisher schon, die Armutsquote liegt deutlich über 40 Prozent, nach unseren Ergebnissen ist sie deutlich über 60 Prozent. 

Professor Martin Werding kritisiert, dass niemand bisher die Rechenansätze der Armutsstudien infrage gestellt hat. 

Die OECD-Berechnungen kamen deshalb bislang zu einem falschen Ergebnis, denn es habe sich gezeigt, dass die "OECD-Skala die Einkommen armer Haushalte systematisch über- und jene reicher Haushalte unterschätzt".

Jörg Dräger: 

Von Armut sind vor allem die Familien betroffen, die ihre Erwerbstätigkeit aufgrund besonders großer Betreuungsverantwortung nicht steigern konnten. 

Als Weg zu einer Verbesserung der Stellung von Familien und Alleinerziehenden fordert die Bertelsmann-Stiftung eine veränderte Familienpolitik: 

Mit einem Teilhabegeld als neue familienpolitische Maßnahme können wir das Kindergeld, die SGB-II-Regelsätze für Kinder und Jugendliche, den Kinderzuschlag und den größten Teil des Bildungs- und Teilhabepakts bündeln. 

Kinderbetreuung nach schwedischer Art 

Schon in den 1970er Jahren führte Schweden eine Reform durch, welche die Zahl der berufstätigen Frauen innerhalb von zehn Jahren von 50 Prozent auf 80 Prozent anhob. Die gemeinsame Besteuerung von Paaren wurde aufgehoben. Elternzeit für Mutter und Vater wurde eingeführt und Geld in die außerfamiliäre Kinderbetreuung investiert. Die Betreuerinnen und Betreuer in den Kindergärten verdienen besser als ihre deutschen Kollegen und genießen eine längere Ausbildung. Die Kinderbetreuung aber wird für Eltern deshalb nicht teurer. Die Betreuungszeiten werden online über die jeweilige Kommune gebucht. Private Kindergärten werden vom Staat gefördert und dürfen von den Familien keine höheren Gebühren verlangen als die öffentlichen. 

Arm ist in Deutschland der Großteil von etwa neun Millionen Niedriglöhnern, darunter eine Million Leiharbeiter. Arm sind auch rund 4,3 Millionen Hartz-IV-Bezieher mit ihren fast zwei Millionen Kindern.

Die meisten Betreuungseinrichtungen sind von etwa 6 Uhr oder 7 Uhr morgens bis 18 Uhr abends geöffnet. Ist ein Elternteil nicht berufstätig, stehen dem Kind 15 Stunden pro Woche in einer Kindertagesstätte zu. Schulen und Kindertagesstätten sind verpflichtet, einen "gesunden Ernährungsplan" einzuhalten. Die meisten beschäftigen ihre eigenen Köche - was die Kinder serviert bekommen, lässt sich auf Instagram einsehen. Auch in den Ferien gibt es für berufstätige Elternteile die Möglichkeit, ihre Kinder in einem Kindergarten oder einer Freizeitschule (Fritids-Skola) unterzubringen. 

Die GroKo in Deutschland beschloss ein Elterngeld und einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Während sich in Schweden die "Latte-Papas" (Väter in Elternzeit) auf den Spielplätzen und in den Cafés mit ihren Schützlingen tummeln, spottet die deutsche Politik noch über "Wickelvolontariate" für deutsche Väter und feilscht darüber, wie lange ein Mann in Elternzeit gehen sollte. Kurze Öffnungszeiten von Kindertagesstätten zwingen immer noch viele Frauen, ihren Beruf in einen Teilzeit-Job umzuwandeln, klagen Anhänger des schwedischen Modells. Das verstärkt, so die Bertelsmann-Stiftung, für die Betroffenen, deren Familien und mit Blick auf die Rente das Armutsrisiko. 

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