Siemens-Chef: Arbeiter sind arm, weil sie keine Aktien kaufen

Siemens-Chef: Arbeiter sind arm, weil sie keine Aktien kaufen
Symbolbild.
Siemens-Chef Joe Kaeser hat die Ursache der gesellschaftlichen Ungleichheit entdeckt. Ihm zufolge lässt sich die Armut der unteren Klassen darauf zurückführen, dass sie keine Aktien kaufen. Schon Marie-Antoinette wusste: Wer kein Brot hat, soll Kuchen essen!

Schon viele Denker haben über die Ursachen der gesellschaftlichen Ungleichheit philosophiert. Die wachsende Schere zwischen Arm und Reich beschäftigt auch im 21. Jahrhundert die öffentliche Debatte. Dabei ist die Antwort darauf doch ganz einfach – zumindest, wenn es nach Siemens-Chef Joe Kaeser geht. Auf der Jahreshauptversammlung seines Konzerns trug er seinen monumentalen Beitrag zum theoretischen Diskurs über die Ungleichheit vor:

Diese Geschichte, dass die Reichen noch reicher werden und alles schrecklich [ist] – das kann sein. Das passiert im Wesentlichen deshalb, weil viele Arbeitnehmer nicht an der Vermögensbildung durch Aktien teilnehmen, sondern [ihr Vermögen] aufs Sparbuch legen und im schlimmsten Fall noch Zinsen zahlen müssen, dafür dass sie anlegen.

Am Rande des Wirtschaftsforums in Davos hatte der US-Präsident Donald Trump europäische Wirtschaftsgrößen, unter anderem den Vorstandsvorsitzenden des Softwareunternehmens SAP, Bill McDermott (l.), und den Siemens-Chef Joe Kaeser (r.), zum Abendessen eingeladen.

Also: Ab sofort absolviert der schlaue Arbeiter einen Intensiv-Kurs in Finanzwirtschaft, widmet seine Freizeit dem umfangreichen Studium der Börsenkurse und legt seine hart erarbeiteten Euros in London, Frankfurt oder New York an – nicht bei der örtlichen Sparkasse. Was kann denn dabei schon schiefgehen?

Derweil tobt der Streit um den geplanten Stellenabbau des Konzerns in Siemens weiter. Mindestens 3.000 Arbeitsplätze sollen in Görlitz und Leipzig im Bereich der Kraftwerks- und Antriebstechnik abgebaut werden. Zeitgleich plant Kaeser, das Geschäft in den Vereinigten Staaten auszubauen. Bei einem Industriellen-Dinner mit Donald Trump beglückwünschte der Siemens-Chef dem US-Präsidenten zu seiner Steuerreform und versprach, die Entwicklung von Gasturbinen in den USA auszubauen. Das empört die Siemens-Mitarbeiter.

Klaus Abel, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Berlin, hat wenig Verständnis für den Siemens-Chef. Gegenüber RT Deutsch kritisierte er:

Es stimmt, was Herr Kaeser sagt: Die meisten Arbeitnehmer haben als einzige Einnahmequelle ihre Arbeit , für die sie sich hart anstrengen müssen. Daher fordern wir als IG Metall aktuell auch einen kräftigen Tariferhöhung von sechs Prozent, um der großen Ungerechtigkeit entgegenzutreten. Wenn Herr Kaeser jetzt in Deutschland 4.000 Siemens-Mitarbeiter entlassen will, dann nimmt er ihnen auch noch die einzige Möglichkeit, wie sie zu ein bisschen Geld kommen können.

Weiter sagte er: 

Wo Herr Kaeser nicht recht hat: Aktienbesitz ist ja kein Teilnahmewettbewerb, bei dem man sich bewerben und dann mitmachen kann. Der Aktienbesitz in den Händen weniger Vermögender ist vielmehr Ausdruck einer gesellschaftlichen Ungleichheit, die wir beseitigen möchten.

Auch Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion, empört sich über den Siemens-Chef. Gegenüber RT Deutsch erklärte sie:

Diese Aussage zeugt von Abgehobenheit. Herr Kaeser erkennt zwar, dass Reiche reicher werden, weil Investitionen auf den Kapitalmärkten hohe Rendite bringen. Doch er zieht die falschen Schlüsse.

Weiter meinte sie: 

Gering- und Durchschnittsverdienende sind gar nicht in der Lage, ein Vermögen zu bilden. Sie sind mit dem täglichen Überleben beschäftigt und nicht mit dem Nachdenken über Aktieninvestments. Und selbst die, die es sich leisten können, sind meist auf Liquidität angewiesen und können Kursschwankungen oder einen möglichen Totalverlust ihrer Ersparnisse nicht verkraften. Sie scheuen aus gutem Grund vor Aktien zurück.

Zudem würden Kursgewinne oft auf dem Rücken der Beschäftigten erwirtschaftet.

Als Aktionäre würden sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer höchstens an sich selbst bereichern.

Mittlerweile hat Kaeser einen Kompromiss ins Spiel gebracht. Demnach könnte der Standort in Görlitz eine Industrieansiedlung verwandelt und eigenständiger vom Siemens-Konzern werden. An dem Standort könnten andere Produkte als bisher produziert werden. Allerdings bedürfe es dafür der Unterstützung der Bundes- und Landespolitik. Die erste Reaktion der Gewerkschaften war jedoch skeptisch: Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostsachsen, sagte gegenüber Tag24:

Auf Almosen werden wir uns nicht einlassen.

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