Geräumtes Hochhaus in Dortmund soll komplett stillgelegt werden - Mieter allein gelassen

Geräumtes Hochhaus in Dortmund soll komplett stillgelegt werden - Mieter allein gelassen
Derzeit ist es den Bewohnern erlaubt, für etwa 30 Minuten in die Wohnung hineinzugehen und sich Sachen herauszuholen. Vor der Räumung waren rund 370 von insgesamt 416 Wohnungen vermietet. Viele Bewohner würde gerne zurückkehren, denn einige haben auch eigenes Geld in die Sanierung investiert.
Bewohner des evakuierten Dortmunder Hochhauses sollen ihre Wohnungen komplett räumen. Eigentümer will das Gebäude schließen, Wasser und Strom abstellen. Mieterverein hält das für unzulässig, vermutet fehlende Mieteinnahmen und anfallende Ausgaben als Hintergrund.

Alles muss raus! Diese Schock-Nachricht ereilt dieser Tage die Bewohner des im September 2017 evakuierten Hochhauses in Dortmund: Bis zum 15. Februar müssen alle ihre Wohnungen komplett räumen. Der Eigentümer-Vertreter „Intown“ hat der Stadt mitgeteilt, alle müssten ihre Möbel und sonstiges Inventar aus den Wohnungen entfernen. Danach dürfe das Gebäude nicht mehr betreten werden, Umzüge seien nicht mehr möglich. Auch Versorgungsleitungen wie Wasser und Strom würden danach abgetrennt.

Der 16-stöckige Wohnkomplex am Vogelpothsweg in Dortmund-Dorstfeld musste am 21. September geräumt werden. Wann die Bewohner zurückkehren, ist unklar.

Eigentümerfirma möchte Kosten sparen

„Es geht hier um die Ausgaben. Die Firma „Intown“ hat zurzeit keine Mieteinnahmen. Es sollen möglichst wenig Kosten entstehen, deswegen jetzt die Schließung“, sagt Rainer Stücker vom Dortmunder Mietverein gegenüber RT. Die Schließung hält der Verein für unzulässig und kündigt auch an, beim Amtsgericht Dortmund eine einstweilige Verfügung zur Aufrechterhaltung des Zugangs zum Gebäude zu beantragen. Bewohner mit bestehendem Mietverhältnis hätten ein Recht auf Zugang zur eigenen Wohnung. „Intown“ müsse auch die Heizungsanlage in Betrieb lassen, um Schäden am Eigentum der Mieter auszuschließen.

"Sie sind verunsichert, verzweifelt, aber der Großteil der Bewohner des Wohnkomplexes werden der Aufforderung nicht nachgehen", so Stücker weiter. Viele wüssten auch nicht, wo sie mit ihren Möbeln hin sollten, denn sie lebten weiterhin bei Freunden oder Familien. Sie alle hofften auf eine juristische Lösung, wonach ihnen der Zugang zu ihrer Wohnung vom Gericht zugesprochen werde.

Am 21. September mussten rund 760 Menschen innerhalb von einer Stunde ihr Zuhause am Vogelpothsweg in Dortmund-Dorstfeld verlassen. Die Stadt begründete das Vorgehen mit dem Satz: „Es bestand Gefahr für Leib und Leben.“ Sie veranlasste die Evakuierung wegen akuter Brandgefahr. Die Bewohner konnten nur das Nötigste mitnehmen. Erst später konnten sie in Begleitung des Sicherheitsdienstes und vorheriger Anmeldung in ihre Wohnungen reinkommen, um Sachen oder Möbel abzuholen. Die meisten der Evakuierten leben heute noch in Übergangslösungen der Stadt. Nur etwa 200 haben inzwischen eine dauerhafte Bleibe gefunden. Nun heißt es auch für alle anderen: komplett ausziehen.

Die Berliner Firma „Intown“ hält die Räumung des 16-stöckigen Wohnkomplexes für nicht rechtens und überstürzt und hat die Stadt deswegen auch verklagt. Warum nun die Stilllegung? „Da der Zeitpunkt einer gerichtlichen Entscheidung nicht vorhersehbar ist, ist es derzeit nicht möglich, den Termin eines Wiedereinzugs für die Mieter zu benennen. Aufgrund der vorliegenden öffentlich-rechtlichen Leistungshindernisse ist es zudem nicht möglich, die Nutzung der Wohnungen mittelfristig wieder zu gewährleisten, “ teilte „Intown“ RT mit. Aufgrund des genannten Sachverhaltes werde das Gebäude Vogelpothsweg 12-26 ab dem 31. Januar 2018 stillgelegt. Der Betreiber bietet allen Mietern an, „das Mietverhältnis zu kündigen oder aufzuheben“.

Deutsche Städte ignorieren Feuergefahr bei Hochhäusern

Die Räumung des Hochhauses erfolgte im Zuge verschärfter Brandschutzkontrollen nach der Katastrophe im Grenfell Tower in London am 14. Juni 2017, bei der 71 Menschen ums Leben kamen. Obwohl die ersten Feuerwehrkräfte nur sechs Minuten nach Alarmierung vor Ort waren, konnte sich das Feuer, das durch einen defekten Kühlschrank im vierten Stock ausgebrochen war, in ein Inferno entwickeln und fast das gesamte Hochhaus wegen der brennbaren Außenfassade erfassen. So etwas wollte man in Deutschland verhindern. Von der Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) wurde angekündigt, dass die Bauministerkonferenz auch deutschlandweit "kurzfristig erheben werde, wo es solche Bauten geben kann". Passiert ist seit der Ankündigung offenbar nicht viel. Nach Recherchen des ZDF-Magazins Frontal 21 habe die Mehrheit der Bundesländer nicht überprüfen lassen, ob an den Fassaden von Hochhäusern brennbares Material verbaut worden sei.