Forschungsgruppe soll medizinische Versuche an Heimkindern in den 1970er Jahren aufklären

Forschungsgruppe soll medizinische Versuche an Heimkindern in den 1970er Jahren aufklären
10. Januar 2013.
In den 1960er und 1970er Jahren wurden Heimkinder in Niedersachsen Opfer medizinischer Versuche. Arzneimittel und fragwürdige Untersuchungsmethoden wurde an ihnen getestet. Ein Forschungsauftrag soll den Fall klären, in welchem sich Ärzte und Pharmaunternehmen durch ein Netzwerk schützten.

Der Skandal betrifft mindestens 286 Kinder, die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf (Region Hannover) für medizinische Tests missbraucht wurden. Die Klinik gehörte damals dem Land Niedersachsen. Getestet wurde an den Kindern, ohne deren Zustimmung oder der Zustimmung ihrer Erziehungsberechtigten, neben Arzneimitteln auch Untersuchungsmethoden, die die Kinder krank machten. Erforscht werden sollten auf diese Weise Nebenwirkungen. Die Wissenschaftlerin Sylvia Wagner bezog ihre Dissertation auf diese Fälle und kam zu dem Ergebnis, dass die Versuche an den Kindern in Wunstorf bis Mitte der 1970er Jahre durchgeführt wurden. 

Die Situation schutzloser Kinder ausgenutzt

Heute befasst sich die Robert Bosch Stiftung Stuttgart über ihr Institut für Medizingeschichte mit einem Forschungsauftrag, der Klarheit bringen soll. Medizinhistoriker Stoff fasst zusammen: 

Die Kinder sind nicht mehr als Menschen mit einer eigenständigen Geschichte wahrgenommen worden, sondern nur noch als Objekte, an denen etwas bewiesen werden kann."

Er ist der Ansicht, dass sich Ärzte und Pharmaunternehmen durch ein Netzwerk schützten. Erst der Contergan-Skandal brachte 1978 neue Gesetze für die Medikamentenzulassung, aber auch schon damals verstoß ihr Agieren gegen geltendes Recht: 

Ärztliche Eingriffe ohne Zustimmung und Aufklärung der Patienten erfüllten auch damals schon den Tatbestand der Körperverletzung."

Man habe die Situation schutzloser Kinder ausgenutzt, die dem Heim gegenüber Gehorsam zeigen mussten. Bei den zweifelhaften Untersuchungsmethoden unternahmen die Ärzte eine sogenannte Lumbalpunktion, auch "Pneumonzephalografie" genannt. Unter den Kindern wurde die gefürchtete Untersuchung als "Enze" beschrieben. Hierbei wird Hirnwasser entzogen und Luft eingeführt. Die gesundheitliche Folge für die Kinder: Kopfschmerzen, Erbrechen und häufig auch Infektionen. Röntgenaufnahmen sollten auf diese Weise Nervenkrankheiten und Behinderungen aufzeigen. Zwar gehörte dies zum Standard-Prozedere in der Psychiatrie, aber die Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf hielt auch nach einer Abkehr der Psychiatrien von dieser zweifelhaften Praktik an der Enze fest.  

Symbolbild. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen singt Weihnachtslieder mit den Bundeswehr-Soldaten im Camp Marmal in Mazar-i-Sharif in Afghanistan am 18. Dezember 2017. Minderjährige dürften nicht an Auslandseinsätzen teilnehmen, heißt es.

Arzt mit Nazivergangenheit experimentierte an Heimkindern

Dem NDR gegenüber äußert sich die damals 16-jährige Marion Greenaway zu ihren Erfahrungen. Sie war nie wirklich krank, musste aber die schmerzhafte Untersuchungsprozedur der "Enze" mehrfach über sich ergehen lassen. Zuvor wurden ihr über Monate hinweg Tabletten verabreicht. Nach der Untersuchung konnte sie nicht aus dem Bett. Dieser Zustand hielt mehrere Wochen lang an. Sie führt ihre heutigen Gesundheitsprobleme auf die Untersuchungen als Kind zurück. Sie plagen chronische Kopf- und Rückenschmerzen, und sie leidet unter Depressionen. Die Klinik entschuldigte sich bei ihr, aber eine Entschädigung hat sie nie erhalten. 

Ähnliches berichtet Dagmar Krämer-Cooper, die 1973 vom Kinderheim aus zur Untersuchung musste: 

Wir sollten bei der Untersuchung sitzen und mussten von drei Leuten gestützt werden, um nicht umzufallen."

Bis Anfang der 1960er Jahr leitete ein Arzt mit Nazivergangenheit die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Hans Heinze war Gutachter des Euthanasie-Mordprogramms T4. Er verordnete Heimkindern, Encephabol einzunehmen, welches den Wirkstoff Pyritinol enthält. Das Pharmaunternehmen Merck war an den Versuchen beteiligt und gab 1963 das Medikament als Antidemenzmittel in den Verkauf. 

Die Forschungsergebnisse publizierten die damaligen Ärzte der Wunstorfer-Klinik in Fachzeitschriften. Sylvia Wagner: 

Vieles spricht dafür, dass diese Lumbalpunktion im Rahmen von Arzneimittelstudien gemacht wurde. Ich habe mehrfach in Dokumenten gefunden, dass Ärzte berichteten: Wir haben das Medikament in Tierversuchen getestet, wir müssen das jetzt am Menschen testen. Und da hat man Heimkinder dafür benutzt."

Die Robert Bosch Stiftung Stuttgart will Mitte 2018 ihre Ergebnisse zu den Vorfällen in Wunstorf öffentlich machen. In den Heimakten Marion Greenaways fehlen Vermerke über die Untersuchungen. Die Firma Merck sieht sich keiner Schuld bewusst, denn damals habe eine andere Rechtslage geherrscht:

Wir können uns nicht für etwas entschuldigen, was nicht in unserer Verantwortung lag. Sollten sich Dritte nicht entsprechend der Gesetzeslage verhalten haben, bedauern wir das selbstverständlich." 

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