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Die Dessauer Todeszelle: Zwei weitere Fälle, viele Parallelen

Die Dessauer Todeszelle: Zwei weitere Fälle, viele Parallelen
Ein mit Sensoren, Schweinehaut und Fett ausgestatteter Dummy wird für eine Brandanalyse im Rahmen der Todesuntersuchung von Oury Jalloh getestet.
Hans-Jürgen Rose, Mario Bichtemann, Oury Jalloh: Im Polizeirevier Dessau starben zwischen 1997 und 2005 zwei Deutsche und ein Afrikaner auf nie geklärte Weise. Die Verletzungen der Opfer zeugen von massiver Gewalt. Es gibt erschreckende Parallelen sowie dieselbe Absicht: Vertuschung.

von Susan Bonath

„Ich befinde mich auf dem Weg zur Zelle, in der sich ein Schwarzafrikaner selbst angezündet hat.“ Mit diesen Worten geht der Videograf am 7. Januar 2005 gegen 16 Uhr der Tatortgruppe des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt voraus. Dann schwenkt seine Kamera in die 2,35 mal 4,5 Meter kleine geflieste Schlichtzelle ein, fokussiert die bis auf untere Hautschichten verbrannte, an Händen und Füßen gefesselte Leiche des Flüchtlings Oury Jalloh. Der Tote liegt auf verkohlten Überresten einer einst feuerfest umhüllten Matratze, der gesamten Brandlast. Nach vier Minuten bricht das Video ab; mehr Aufnahmen existieren nicht. Jemand hat sie offenbar gelöscht. Nur gut 20 Minuten hat das Inferno in einem solchen Ausmaß gewütet. Trotzdem steht die offizielle These schon vor der Spurensicherung fest: Selbstmord.

Schon seit langem gibt es Indizien und Beweismitteln, die allesamt dafürsprechen, dass Oury Jalloh offenbar von Polizeibeamten verbrannt wurde. Es geht um ein Feuerzeug, dass nur tatortfremde Spuren enthält und laut Gutachtern mit größter Wahrscheinlichkeit nie in der Zelle war.

Zwölf Jahre lang hält der Chefermittler der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, Folker Bittmann, an der Selbstmordtheorie fest. Zwei Gerichte, der Bundesgerichtshof und die Politik folgen ihm. Erst nach einem Brandversuch im August 2016 schwenkt Bittmann um, folgt der Argumentation der eingeschalteten acht Experten aus den Bereichen Brandforensik, Chemie, Medizin und Kriminaltechnik. Danach käme eine Selbstanzündung einem Wunder gleich. Bittmann nennt des Mordes und der Brandstiftung verdächtige Polizisten und ein Motiv: Die Täter könnten versucht haben, Verletzungsspuren zu verwischen, die Misshandlung, mindestens unterlassene Hilfe offenbart hätten. Und: Sie wollten wohl auch verhindern, dass zwei weitere, bis heute ungeklärte Todesfälle erneut aufgerollt werden könnten.

Drei ungeklärte Todesfälle

Am 8. Dezember 1997 verlässt Hans-Jürgen Rose das Polizeirevier Dessau noch lebend. Doch nur Minuten später bricht er zusammen. Todesursache: Schwere innere Verletzungen, entstanden durch stumpfe Gewalt. Es gibt starke Hinweise darauf, dass Beamte den wegen Trunkenheit im Straßenverkehr Festgenommenen an eine Säule gefesselt und schwer verprügelt haben. Doch niemand verfolgt diese Spur weiter.

Am 30. Oktober 2002 finden Polizeibeamte um 13:55 Uhr Mario Bichtemann tot in derselben Zelle auf, in welcher Oury Jalloh gut zwei Jahre später verbrennen sollte. Todesursache: Schädelbruch mit Hirnquetschung. Die Leiche des 36-Jährigen ist zudem übersät mit Hämatomen. Vier Rippen des Toten sind gebrochen. Laut Mediziner kommt auch hier nur stumpfe Gewalt in Betracht. Doch im Juni 2004 stellt die Staatsanwaltschaft Dessau ihr Verfahren ein. Interne Ermittlungen beendet die Polizei mit dem Feuertod von Oury Jalloh – um den Dienstgruppenleiter des Polizeireviers, Andreas Sch., nicht über Gebühr zu belasten.

Im Fall Oury Jalloh sieht Oberstaatsanwalt Bittmann nicht nur zu, wie Beweise wie am Fließband von der Polizei entsorgt werden und der Schutt nicht auf Brandbeschleuniger untersucht wird. Er weigert sich auch, eine Röntgenuntersuchung zu beauftragen, um den Leichnam auf knöcherne Verletzungen zu untersuchen. Unterstützer der Familie sammeln daraufhin Zehntausende Euro Spenden, beauftragen in der Rechtsmedizin Frankfurt am Main eine zweite Obduktion. Ergebnis: eine gebrochene Nase, Einbrüche in der Siebbeinplatte und gebrochene Handgelenke.

Der Arzt, der nicht hilft

Zum Fall Bichtemann liegen der Autorin nun umfassende Akten vor. Daraus geht hervor: Passanten finden den Mann am 29. Oktober 2002 auf der Straße liegend. Er ist nicht ansprechbar. Sie rufen die Polizei. Um 21:21 Uhr treffen Jürgen G. und Werner Th. ein. Er sei betrunken und leicht verletzt, attestieren sie. Anstatt einen Krankenwagen zu rufen, nehmen die Polizisten ihn mit. Der Revierarzt stellt nur Hautabschürfungen fest. Der gebrochene Schädel und die vier Rippenbrüche fallen ihm angeblich nicht auf. Die Polizisten G. und Th. stecken ihn in die Zelle – wo er 16 Stunden später tot aufgefunden wird.

Dummy mit Sensoren, Schweinehaut und Fett versehen im Einsatz für das letzte Brandgutachten 2016 zur Causa Oury Jalloh

Im Fall Oury Jalloh beteuern die Polizeibeamten Hans-Ulrich M. und Udo S., der Afrikaner habe sich die Verletzungen wohl bei der Festnahme und später im Arztraum des Reviers zugezogen. Dort habe er seinen Kopf auf den Tisch geschlagen. Doch der Revierarzt vermerkt nichts von einem Bruch des Nasenbeins und der Siebbeinplatte. Er erklärt ihn, trotz fast drei Promille Alkohol im Blut, für hafttauglich. M. und S. fesseln ihn rücklings auf der Matratze. Gut drei Stunden später ist Jalloh bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Brisant: Sowohl Mario Bichtemann als auch Oury Jalloh werden vom selben Revierarzt untersucht und für gewahrsamstauglich befunden: Andreas B. Bis heute praktiziert der Neurologe in Dessau.

Die Fragen sind: Stellt Andreas B. die Verletzungen nicht fest, weil sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorhanden sind? Dann müssen Polizisten sie dem Mann zugefügt haben. Oder untersucht er die Gefangenen so nachlässig, dass ihm der Nasenbeinbruch bei Jalloh und Schädel- und Rippenbrüche bei Bichtemann nicht auffallen? Oder aber ignoriert er sie absichtlich?

Die hanebüchenen Storys der Dienstgruppenleiter

Es überschneiden sich weitere Personalien: In beiden Fällen sind Dienstgruppenleiter Andreas Sch. und seine Stellvertreterin Beate H. vor Ort. Sie sitzen in ihrem Zimmer, sind mit einer Gegensprechanlage mit den in Gewahrsam Genommenen verbunden. H. beteuert im Fall Jalloh am Tag der Tat und 2007 vor Gericht, der Gefesselte habe noch laut „Feuer, mach mich los“ gerufen, als Andreas Sch. und sein Kollege Gerhard M. bereits auf dem Weg in die Zelle waren. Das war zwischen 12:09 und 12:11 Uhr der Fall – frühestens sieben Minuten nach dem Brandausbruch. Mediziner sind sich dagegen einig: Jalloh kann nicht länger als eine Minute in dem Rauch überlebt haben. Ihr Beweis: Der Tote hatte kein Kohlenmonoxid im Blut.

Die Schreie sind demnach die Erfindung von Beate H.. Offensichtlich will sie mit dieser Falschaussage „belegen“, dass der Mann noch gelebt habe und imstande gewesen sei, das Feuer zu entzünden. Kurz: So entlastet man mutmaßliche Täter. Was weiß die heute 49-jährige Beamtin von dem Geschehen vor dem tödlichen Brand? Niemand stellt sie zur Rede – bis heute.

Einfallsreich sind Beate H. und Andreas Sch. auch im Fall Bichtemann. Beide geben im Nachhinein Erstaunliches an: Kurz vor dem Leichenfund wollen sie Lebensgeräusche Bichtemanns über die Sprechanlage gehört haben. So habe er zwischen 13:25 und 13:40 Uhr ein „deutliches, ruhiges, gesundes Schnarchen“ von sich gegeben. Um 13:50 Uhr hätten H. und Sch. „Bewegungsgeräusche und dementsprechendes Atmen“ vernommen.

Tatsächlich findet Andreas Sch. nur fünf Minuten nach den angeblich unzweideutigen Lebensgeräuschen die Leiche von Bichtemann auf dem Boden der gefliesten Zelle. Wenig später, um 14:15 Uhr, attestiert der Mediziner Norbert Niewelt nicht nur den Tod des Mannes. Er vermerkt auch, dass die Totenstarre bereits vollständig ausgeprägt ist. Diese setzt erst mehrere Stunden nach dem Versterben ein. Auch hier müsste man von einem einmaligen medizinischen Wunder ausgehen, sollten die Aussagen des Dienstgruppenleiters und seiner Stellvertreterin stimmen. Doch nicht ein einziger Ermittler zweifelt an ihrer Geschichte.

Eine Attrappe zur Analyse der tatsächlichen Todesumstände

Bei allem dabei, von nichts gewusst

Auch andere in den Akten namentlich aufgeführte Polizisten sind in beiden Fällen involviert. Am 29. Oktober 2002 nimmt Werner Th. Mario Bichtemann fest. Um 21:40 Uhr unterschreibt er den Einlieferungsbeleg. Th. zweifelt keinen Moment daran, dass der kaum ansprechbare und vermutlich bereits schwer Verletzte gewahrsamstauglich ist. Bei dem Gefangenen Oury Jalloh führt Werner Th. zwei Jahre und gut zwei Monate später um 10:03 und 10:37 Uhr Zellenkontrollen durch. Knapp anderthalb Stunden später, um 12 Uhr, schlägt der Rauchmelder zum ersten Mal an.

Jürgen S. ist tagsüber für Bichtemann zuständig und kontrolliert ihn um 10 Uhr und 12:20 Uhr. Der Mann habe so fest geschlafen, dass er ihn nicht wach bekommen habe, gibt S. später zu Protokoll. Darum habe er sich an Dienstgruppenleiter Andreas Sch. gewandt. Der habe mit dem Arzt Andreas B. telefoniert. Der habe gemeint, er habe ihn nur gesichtet und keine Medikamente verabreicht. Er könne entlassen werden, sobald er bei Bewusstsein sei. Sch. beließ es dabei und forderte - anderthalb Stunden vor dem Leichenfund - keinen medizinische Hilfe an. Bei Oury Jalloh sieht Jürgen S. laut Protokoll um 11:05 Uhr in der Zelle nach dem Rechten, knapp eine Stunde vor dem Anschlagen des Alarms. Er bemerkt keine Auffälligkeit. Bittmanns Gutachter sind sich dagegen einig: Jalloh war bereits beim Brandausbruch mindestens bewusstlos.

Polizeihauptkommissar Reinhard E. ist im Jahr 2002 in der gesamten Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 2002 zusammen mit zwei Kollegen für die Zellenkontrollen bei Mario Bichtemann eingeteilt. Der Insasse schlafe seinen Rausch aus und es gehe ihm gut, heißt es zu dieser Zeit. 26 Monate und acht Tage später, am Abend des 7. Januar 2005, verfasst Reinhard E. die Polizeimeldung zum Tod von Oury Jalloh. Darin deklariert er den Fall öffentlich als Selbstmord. Sie alle wollen rein gar nichts mitbekommen haben. Und sie blieben weitgehend unbehelligt. Im Polizeirevier Dessau ist man anscheinend geübt: Im Erfinden hanebüchener Storys, um die Straftaten von Kollegen zu vertuschen.

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