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Von den 68ern lernen: Sozialphilosoph Negt plädiert für neue Kapitalismuskritik

Von den 68ern lernen: Sozialphilosoph Negt plädiert für neue Kapitalismuskritik
Der Sozialphilosoph Oskar Negt ist für viele ein unermüdlicher Streiter für Demokratie. Schon während der Studentenproteste war ihm die politische Bildung ein zentrales Anliegen. Veränderung ist aus seiner Sicht nur möglich, wenn die Ängste der Menschen ernst genommen werden.

Als die Studenten Ende der 1960er Jahre gegen das Establishment aufbegehrten, war Oskar Negt wissenschaftlicher Assistent an der Universität Frankfurt. Der heute 83-Jährige gilt als ein Vordenker der 68er-Bewegung. Sie könne noch heute Vorbild sein, wenn es darum gehe, Widerstand gegen Missstände zu organisieren, meint Negt im Interview der Deutschen Presse-Agentur: "Wir müssen wieder eine praktisch eingreifende Kapitalismuskritik entwickeln."

Sie werden als Sprachrohr oder als Mentor der Außerparlamentarischen Opposition (APO) bezeichnet. Wie sehen Sie sich selbst?

Ich schreibe gerade am zweiten Teil meiner Autobiografie. Die Bewertung der eigenen Lebensgeschichte ist schwierig. Mentor ist in der antiken Tradition der Berater, der Warner, das heißt, eine Figur des Ausgleichs. So verstehe ich mich auch. Ich habe in dieser Zeit drei, vier grundlegende Reden gehalten, 1972 die Opernplatzrede in Abgrenzung von der RAF ist vielleicht die politisch einflussreichste Rede gewesen. Sie diente vielen, gerade auch jungen Menschen als Orientierung. Der Terror als ein Mittel der sozialistischen Politik wurde in dieser Rede eindeutig abgelehnt. Ich hatte die Absicht, eine Form der sozialistischen Politik zu organisieren, die Autoritätsstrukturen abbaut und sich im Bildungssystem verankert. Es ging um politische Bildung, die dazu diente, die Menschen aufzurütteln und die vielfältigen Formen von Gewalt in der Welt sichtbar zu machen und zu bekämpfen. 

Es war auch die Zeit der freien Liebe und der Drogenexperimente. Hat das für Sie eine Rolle gespielt?

An dieser Art von Protest bin ich überhaupt nicht beteiligt gewesen. Größeres Interesse hatte ich an der Kinderladenbewegung. Ich war damals schon Assistent von Jürgen Habermas und machte Gewerkschaftsarbeit außerhalb der Universität. Da spielen auch die Familienverhältnisse eine Rolle: Ich hatte mit Kindern zu tun. Das verfeinert den Blick auf die Mikrostrukturen, die notwendig sind zur Lebensgestaltung. 

Historiker beschreiben eine Radikalisierung der Studentenbewegung nach dem gewaltsamen Tod des Studenten Benno Ohnesorg durch den Schuss eines Polizisten 1967 sowie nach dem Attentat auf Rudi Dutschke 1968. Wie haben Sie das damals erlebt?

Der Tod von Ohnesorg und das Attentat auf Dutschke verschärften die Polarisierung. Viele fragten sich: Darf man sich einbeziehen lassen in terroristische Aktionen? Anfangs gab es viele Sympathisanten. Das war nicht nur eine Erfindung der Konservativen. Ich war damals vor allem enttäuscht von der Radikalität, die nur dazu diente, immer schärfere Angriffe auf das System zu bringen. Die tatsächlichen Belange und Sorgen der Menschen wurden dabei vergessen. Cicero spricht, bevor die Senatsrepublik zerbricht, von der Res publica amissa, also der vergessenen oder vernachlässigten Republik. 

Was wurde vernachlässigt? 

Die Menschen sind von der Linken oft mit Nachlässigkeit behandelt worden. Man hat sich nicht konkret auf ihre Ängste bezogen. Mit meinen auf Emanzipation gerichteten Bildungsansätzen habe ich Konzepte entwickelt, die für Basisarbeit geeignet sind. Heute sind es ja nicht nur die Beladenen, die Angst haben. Inzwischen ist auch die Mittelschicht von Enteignungsangst geplagt, obwohl die Enteignung gar nicht stattfindet. Der Angstrohstoff in der Gesellschaft hat sich spektakulär vergrößert. Davon profitiert gegenwärtig die AfD mit ihrem gefährlichen antidemokratischen Potenzial. Die kollektiven Ängste sind pures Gift für die Demokratie.

Was können wir heute von der Protestbewegung der 68er lernen?

Man sieht, wie bestimmte Krisenherde, die durch eine Wahlentscheidung entstehen, sich zu Flächenbränden ausweiten können. Die Vereinigten Staaten sind auf diese Weise gegenwärtig gefährlich für den Weltfrieden geworden. Man kann und muss im Kleinen beginnen, Aktionen zu entwickeln und andere mitzunehmen. Meine Idee ist, aus Krisenherden Handlungsfelder zu machen. Der Markt reguliert nicht alles, es fehlt gesellschaftliche Planung, die die Beseitigung von Ungleichheit zum Ziel hat, etwa bei der Wohnungsfrage oder der Bildung. Das gilt selbstverständlich auch für die skandalös ungerechte Reichtumsverteilung. Menschen müssen die Zusammenhänge verstehen können, um sich zu wehren. Und konkrete Formen des Protestes sind immer möglich und wirksam. Wenn Menschen angstvoll und pessimistisch werden, hören sie auch auf zu denken. Ich dagegen lasse nicht von meinem pädagogischen Optimismus. 

Zur Person: Oskar Negt (83) gilt als einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler Deutschlands. 1955 trat er in den Sozialistischen Studentenbund (SDS) ein. Er studierte bei Max Horkheimer und promovierte bei Theodor W. Adorno in Philosophie. 1962 bis 1970 war er Assistent von Jürgen Habermas. Von 1970 bis 2002 war Negt Professor für Soziologie in Hannover. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

(rt deutsch/dpa)

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