Altersarmut in Deutschland: Rentner werden zu Dauergästen bei Tafeln

Altersarmut in Deutschland: Rentner werden zu Dauergästen bei Tafeln
In Deutschland gilt eine Person - statistisch betrachtet - als arm, wenn sie weniger als 930 Euro verdient, dies entspricht 60 Prozent des Medianeinkommens.
Nahezu jeder vierte Tafelbesucher ist im Ruhestand und auf die Essensausgaben angewiesen. Damit hat sich die Zahl der Rentner verdoppelt. Besonders betroffen von der Altersarmut sind Frauen. Eine Lösung hat die Politik bisher nicht parat. Das Thema Rente ist ein Streitthema zwischen Union und SPD.

In Deutschland gibt es über 900 Tafeln. Im Schnitt versorgen diese 1,5 Millionen Menschen pro Woche. Die Empfänger der Hilfsleistungen müssen ihre Bedürftigkeit belegen, beispielsweise durch einen Hartz IV-Bescheid. Die verteilten Waren sind gespendet. Heute ist jeder vierte Tafelbesucher ein Rentner, anders ausgedrückt: 350.000 Menschen. Das ist ein Streitthema auf dem Weg zur Großen Koalition zwischen SPD und Union. Im Wahlkampf machte die SPD das Versprechen, die Rentenniveaus zu stabilisieren. Bis 2030 soll das Rentenniveau der Bürger nicht unter 48 Prozent sinken und der Rentenbeginn nicht später als 67 Jahre sein. Als Mittel gegen die Altersarmut hatte die SPD schon bei der letzten Koalition eine Solidarrente vorgeschlagen, die jedoch nicht umgesetzt wurde. 

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Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK, beobachtet den Trend der armen Rentner mit großer Sorge, es sei "ein deutliches, sichtbares Signal dafür, dass die Altersarmut auf dem Vormarsch ist. Während Ende 2006 rund 371.000 Renter auf Leistungen für die Grundsicherung angewiesen waren, waren es 2016 bereits 522.492 Menschen im Ruhestand, die auf diese Zusatzleistungen zurückgriffen. Unter Einbeziehung der Erwerbsgeminderten läge die Zahl bei über einer Million. 

(Symbolbild). Laut dem letzten Armutsbericht von 2011 ist fast jeder fünfte Münchner arm oder von Armut bedroht.

Festlegung der Armutsgrenze ist strittig

In Deutschland gilt eine Person statistisch betrachtet als arm, wenn sie weniger als 930 Euro verdient, dies entspricht 60 Prozent des Medianeinkommens. WHO und OECD sprechen erst dann von Armut, wenn jemand über 50 Prozent des Medianeinkommens verfügt. Rentner sind dann arm, wenn sie nicht mehr selbständig für ihre Lebenshaltungskosten aufkommen können. Die Rentenzahlungen der heutigen Erwerbstätigen sichern lediglich die Renten der derzeitigen Menschen im Ruhestand. Der demographische Wandel sorgt dafür, dass 2010 das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und  Rentnern bei 3:1 lag, Tendenz steigend. Das Rentenniveau sinkt weiterhin. Bei einer 45-Jahre-langen Einzahlung in die Rentenkasse erreichen die künftigen Rentner gerade mal die Hälfte ihres Nettogehalts. Ist der Bedarf höher als das Einkommen im Alter kann auf die Grundsicherung zurückgegriffen werden. 

Besonders Frauen sind von Altersarmut bedroht

Eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) ergab, dass Frauen nur halb so viel an Rente erhalten, wie Männer. Die Gründe liegen darin, dass viele Frauen durch Kindererziehung nur in Teilzeit, mit Unterbrechungen oder gar nicht tätig waren. Männer erhielten aus der gesetzlichen Rente durchschnittlich 1154 Euro, Frauen, 634 Euro pro Monat. Bei der privaten Altersvorsorge erhalten 5 Prozent der Männer und 2 Prozent der Frauen Geld. Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbands der Tafeln, fordert von der Politik, den Trend ernst zu nehmen. Um dem diesem entgegenzuwirken fordern die Tafeln ein neues europaweites System, in dem überschüssige Lebensmittel in eine "Food Bank" (Lebensmittelbank) gegeben wird.