„Tod den Juden“: Wie der gesamte deutsche Mainstream ungeprüft Fake-News verbreitete

„Tod den Juden“: Wie der gesamte deutsche Mainstream ungeprüft Fake-News verbreitete
Symbolbild - Anti-Trump-Demonstration in Berlin, 15. Dezember 2018
Beinahe alle etablierten Print- und TV-Medien in Deutschland hatten berichtet, dass bei Demonstrationen in Berlin gegen die Jerusalem-Entscheidung des US-Präsidenten vielfach „Tod den Juden“ skandiert wurde. Jetzt belegen Recherchen: Diese Rufe gab es so nicht.

Es ist ein Paradebeispiel für den Niedergang von journalistischen Standards in der Bundesrepublik. Im konkreten Fall zudem mit weltpolitischen Folgen. Denn diese Zeitungsente schaffe es bis in die höchsten politischen Kreise Deutschlands und Israels.

„Tod den Juden“: dieser explizit anti-semitische Slogan soll laut übereinstimmender Berichterstattung der gesamten etablierten deutschen Print- und TV-Medienwelt wie Spiegel, Süddeutsche, ZEIT, Frankfurter Rundschau, WELT und Öffentlich-Rechtlichen massenhaft von Demonstranten bei Protesten in Berlin gegen die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als die Hauptstadt Israels anzuerkennen, skandiert worden sein.

Die Springer-Tageszeitung Welt berichtete diesbezüglich:

Auf drei Kundgebungen am Freitag und am Sonntag nahe dem Brandenburger Tor sowie im Bezirk Neukölln hatten insgesamt 3.700 Demonstranten ihrer Wut gegen die Jerusalem-Entscheidung von US-Präsident Donald Trump und dem Hass gegen Israel freien Lauf gelassen: Sie verbrannten israelische Fahnen und Transparente mit Davidsternen, riefen „Tod den Juden“.

Die Frankfurter Rundschau schrieb:

Verbrannte Flaggen mit Davidsternen, vermummte Demonstranten, die „Tod den Juden“ skandieren und Fahnen der islamistischen Terrororganisation Hamas schwenken – in Berlin bricht sich […] Judenhass Bahn. 

Die Süddeutsche Zeitung glaubte zu wissen:

Viele haben sich Hamas-Flaggen um den Hals geschlungen, manche skandierten minutenlang „Tod den Juden“ (…).

Beim ZDF war man immerhin so vorsichtig, vor den entsprechenden Aussagen ein „sollen“ zu plazieren:

Am Freitag war eine ähnliche Demonstration eskaliert. Teilnehmer sollen ‚Tod den Juden‘ gerufen haben, sie verbrannten eine selbstgemalte israelische Flagge, so etwa der ZDF-Korrespondent  Alexander Eschment.

In einem Kommentar im Tagesspiegel hieß es dazu:

Wenn vor dem Brandenburger Tor aus einer großen Menschenmenge heraus immer wieder in fanatischen Sprechchören „Tod den Juden“ skandiert wird, dann hat das mit dem Zorn über die US-amerikanische Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt des Staates Israel nichts zu tun. 

Laut dem Berliner Kurier „[…] skandierten am Freitag fast 1.500 hasserfüllte Menschen auf einer pro-palästinensischen Demonstration „Tod den Juden“.

Die Berliner Zeitung wusste zu berichten:

Ab 16 Uhr hatten sich hier rund 1500 Teilnehmer versammelt. Bereits nach wenigen Minuten richteten sich die Sprechchöre nicht mehr gegen die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt, sondern offen gegen Juden. Zudem verbrannten zwei Männer eine mitgebrachte Fahne mit aufgemaltem Davidstern. Dazu skandierte die aufgebrachte Menge minutenlang „Tod den Juden“.

Der geschäftsführende Justizminister der Bundesrepublik Deutschland, Heiko Maas, nahm diese Medienberichte zum Anlass für einem Gastbeitrag am 15. Dezember auf Spiegel Online mit dem Titel „Wer ‚Tod den Juden‘ ruft, gehört vor Gericht.“

Das medienkritische Portal Übermedien hat sich im Anschluss an diese Medien-Berichte die Mühe gemacht, das zahlreich zur Verfügung stehende Videomaterial zu sichten sowie mit bei den Demonstrationen anwesenden Journalisten und Polizisten zu sprechen. Ergebnis: auf keinem der zahlreich kursierenden Videos ist der Ruf „Tod den Juden“ festgehalten, weder auf Deutsch noch auf Arabisch. Auch die Berliner Polizei bestätigt, dass diese Äußerung laut ihrem Kenntnisstand nicht getätigt wurde.

Arye Sharuz Shalicar, Abteilungsleiter im israelischen Geheimdienstministerium und ehemaliger Sprecher der israelischen Armee (IDF)

Der Pressesprecher der Berliner Polizei, Michael Gasse, zählt auf Anfrage von Übermedien nach Sichtung der Berichte alle anstößigen Äußerungen auf, die auf der Demonstration gefallen und von der Polizei festgehalten worden sind:

Terrorist USA, Terrorist Israel, Kindermörder Israel. Zu einem späteren Zeitpunkt: Kindermörder Israel, Zionisten gleich Faschisten. Israel Kindermörder, Israel Frauenmörder.

In einem von RT Deutschveröffentlichten Videobeitrag sind zudem die Rufe "Tod, Tod Israel" zu hören.

Doch der von den erwähnten Leitmedien zitierte Ausruf „Tod den Juden“ ist weder bei den Aufnahmen der Polizei noch allen anderen veröffentlichten Videodokumenten zu finden.

Weitere Nachforschungen ergaben, dass die Behauptung von den „hasserfüllten“ und massenhaften „Tod den Juden“-Rufen erstmals vom Boulevardblatt „Berliner Kurier“ am 10. Dezember in die Welt gesetzt wurde. Die Tageszeitung befindet sich im Besitz der DuMont Mediengruppe.

Als Autor des Artikels wird Philippe Debionne genannt, Reporter des Berliner Kuriers.

Der Artikel beginnt mit den Sätzen:

Es sind Bilder, die wir nie wieder sehen wollten in unserem Land. Parolen, die wir nie wieder hören wollten. Doch ausgerechnet am Brandenburger Tor, dem Symbol für Deutschland, das in der ganzen Welt bekannt ist, skandierten am Freitag fast 1.500 hasserfüllte Menschen auf einer pro-palästinensischen Demonstration „Tod den Juden“, verbrannten eine eigens für diesen Zweck gebastelte Fahne mit Davidstern sowie eine Israelflagge. Jetzt ermittelt die Polizei.

Die Nachfrage, ob er bestätigen kann, dass „fast 1.500 hasserfüllte Menschen ‚Tod den Juden‘ skandiert“ hatten, verneint der Reporter. Er legt dar, dass er diesen Ruf während der Demonstration gar nicht vernommen hatte, sondern nur am Rande, „nach dem Ende der eigentlichen Demonstration“ von einer kleinen Gruppe, „so fünf oder sechs Leute“. Ein Bekannter, mit dem er unterwegs war, habe ihm den Ruf übersetzt. Einen Kontakt zu diesem Zeugen kann er laut Übermedien nicht herstellen.

Demonstranten protestieren vor dem Kanzleramt in Berlin gegen die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Haiptstadt Israels anzuerkennen.

Der Reporter erläutert zudem, dass er die Beobachtung seinem Redaktions-Kollegen nur telefonisch mitgeteilt hatte. Dass in dem Artikel davon die Rede war, dass 1.500 Menschen minutenlang den Spruch skandierten, habe er nicht gewusst und es habe ihn überrascht. Er betont abschließend:

Das ist alles maßlos übertrieben. Ich staune ja natürlich auch, dass es dann bis in die Schlagzeilen schafft, ohne dass man das auch noch hinterfragt.

Wie Übermedien weiter darlegt, beruhen augenscheinlich alle weiteren Berichte, Kommentare und Meldungen in Nachrichtenagenturen auf dieser Darstellung im Berliner Kurier und anschließend in der Berliner Zeitung.

Die beiden Berliner Tageszeitungen zeigten in Folge immerhin den journalistischen Anstand und korrigierten, wenn auch mit neuntägiger Verspätung, ihre Berichterstattung sowohl in ihren Print- wie in der Onlineausgabe und entschuldigten sich öffentlich für den Fehler.

Auszug aus den Printausgaben von BZ und Berliner Kurier
Screenshot von der Onlineausgabe der BZ.

Eine derartige Korrektur und Entschuldigung ist bei der überregionalen „Qualitätspresse“ bis heute nicht erfolgt. Dabei waren es Süddeutsche, Spiegel, FR, WELT und ZEIT, die ungeprüft diese hochbrisante Darstellung eines Berliner Boulevardblatts übernahmen.

Treffend beschreibt ein Forum-Nutzer die Gründe und Dynamiken hinter der Entstehung dieser bundesweiten, im aktuellen Sprachgebrauch Fake-News genannten, Zeitungsente:

Trends: # Medienkritik