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Ein Jahr nach dem Terroranschlag von Berlin: Der tiefe Riss bleibt für immer

Ein Jahr nach dem Terroranschlag von Berlin: Der tiefe Riss bleibt für immer
Dutzende weißer Rosen auf dem Mahnmal am Breitscheidplatz: Es ist ein 17 Meter langer Riss aus Bronze, der an die Opfer des Terroranschlags vom 19. Dezember 2016 erinnern soll.
Ein Jahr ist vergangen, seitdem der Islamist Anis Amri mit einem gekaperten Lkw in den Weihnachtsmarkt in Berlin raste. Zwölf Menschen wurden getötet. Das Attentat veränderte das Leben vieler Angehöriger. Aber auch Notfallhelfer spüren die Erschütterung noch fast wie damals.

Ein 17 Meter langer Riss aus Bronze mit einem symbolischen Goldanteil: Am Breitscheidplatz soll er künftig an die Opfer des Attentats vom 19. Dezember 2016 erinnern. In den Treppenstufen zur Gedächtniskirche werden die Namen der zwölf Menschen genannt, die in jener Nacht starben. Menschen, die an diesem 19. Dezember aus dem Leben gerissen wurden. Das Mahnmal steht auch für die Angehörigen, denen ein Mensch entrissen wurde. Ein Jahr ist seit dem Terroranschlag an der Berliner Gedächtniskirche vergangen. Hinterbliebene versuchen immer noch, den Verlust von Angehörigen zu verkraften, Verletzte kämpfen mit den Folgen. Auch andere Betroffene versuchen, sich einen normalen Alltag zu schaffen.

Petr Cizmar: Plötzlich alleinerziehender Vater

David ist sechs Jahre alt. Das wird sein zweites Weihnachten ohne Mama. „Es soll so normal werden wie möglich. Das wird nicht leicht, “ sagt sein Vater Petr Cizmar. Seine Frau, Nada Cizmarova, gehört zu den zwölf Menschen, die beim islamistischen Terroranschlag am Berliner Weihnachtsmarkt getötet wurden. Es war kein Krebs gewesen und kein Unfall. Das mache einen Unterschied, sagte der 39-Jähriger der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Im August ist der promovierte Physiker von Braunschweig nach Dresden gezogen. Ein Grund war die Arbeit. Nun hat er einen festen Job in der Halbleiterindustrie. Es ist keine Leiharbeit mehr, er braucht jetzt Sicherheit. Sein Sohn ist im Sommer in Dresden in die Schule gekommen.

Nada und Autos, das kommt Petr Cizmar in den Sinn, wenn er sich an seine Frau erinnert. Wie sie in den USA souverän mit riesigem Ami-Schlitten durch die Gegend kurvte und für ihren Au-pair-Job Kinder zum Spielplatz chauffierte. „Das hat mir gefallen“, sagt er. „Und wie sie mit den Kindern gespielt hat.“ Mehr als zehn Jahre ist das her. Nada habe im Internet nach Landsleuten gesucht, weil sie in den USA ihre Muttersprache sprechen wollte. Petr Cizmar, der nach dem Studium in Tschechien in Washington arbeitete, antwortete ihr. Sechs Jahre hat er in den Staaten gelebt, dort haben sie geheiratet. Ihr Sohn David ist in den USA zur Welt gekommen. Dann zogen sie nach Deutschland um. Vor mehr als zwei Jahren hatten sie sich getrennt, blieben gute Freunde und kümmerten sich gemeinsam um ihren Sohn.

Ein Jahr nach dem Terroranschlag von Berlin: Der tiefe Riss bleibt für immer
Bilder aus glücklichen Tagen vor dem Anschlag. Mit nur 34 Jahren wurde Nada Cizmarova beim islamistischen Terroranschlag am Berliner Weihnachtsmarkt aus dem Leben gerissen.

Nada Cizmarova war Logistikerin. Für eine tschechische Firma in Berlin berechnete sie zuletzt Lkw-Ladungen. Im Oktober 2016 hatte sie nach langer Suche eine Wohnung in der Hauptstadt gefunden. Nun sollte es einfacher werden, auch mit David. Um ihn sollte sich der Vater in Braunschweig kümmern, bis sich die Mutter in Berlin eingerichtet hat. Das war der Plan.

Am Abend des 19. Dezember wollten Nadas Kollegen auf den Weihnachtsmarkt. Sie ging mit, obwohl sie wenig Lust hatte. Sie wollte keine Spaßbremse sein. Kurz bevor sie aufbrach, telefonierte sie mit ihrem Mann und fragte, ob es David gut gehe. Nada Cizmarova ist 34 Jahre alt geworden. Das Letzte, was sie gesehen haben mag, war ein Lastwagen, der zwischen geschmückten Bäumen auf sie zuraste.   

Am Tag nach dem Anschlag war Petr Cizmar auf der Suche nach seiner Frau. Niemand konnte ihm etwas sagen, ihr Handy war nicht mehr zu erreichen. „Ich bin kein Mensch, der herumsitzt und wartet“, sagt er der dpa. Er wurde von einer Pförtnerin aus einer Klinik geworfen, in der Verletzte lagen. Er erlebte, wie Ermittler in die Wohnung seiner Frau kamen, Fingerabdrücke und DNA-Proben nahmen, ohne Worte.

Große Unterschiede zwischen den Staaten

Er erinnert sich an den tschechischen Botschafter, der noch am selben Abend von Berlin nach Braunschweig fuhr. Er denkt an den Anruf des tschechischen Außenministers. „Das hat mir gezeigt, dass der Staat das ernst nimmt“, sagt er. Es hat ihm geholfen. Von den deutschen Behörden habe er damals nichts gehört. „Anfang Januar hatte ich das Gefühl, dass die deutsche Politik das vergessen will.“ 

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer CDU-Versammlung in der Parteizentrale

Fast ein Jahr lang hat Nada Cizmarovas Foto am improvisierten Erinnerungsort an der Gedächtniskirche gehangen. Es zeigt eine Frau mit kastanienbraunen Haaren. „Ich habe zugestimmt, dass Nadas Name öffentlich wird“, sagt Petr Cizmar. „Da ist keine unbekannte Tschechin umgekommen, sondern ein echter Mensch.“ Er fügt hinzu: „Das war ein völliges Versagen des Staates, dass er diesen Anschlag nicht verhindert hat.“ Im Laufe des Jahres ist für ihn noch etwas dazugekommen. Er nennt es die Ignoranz der Politik.

Seine Frau hat er in Veseli nad Luznici begraben, rund 100 Kilometer von Prag. Fremde Menschen schickten ihm Karten, manche sogar Spenden. Die private Anteilnahme tat ihm gut. Später hat er ratlos über Formularen der deutschen Behörden gesessen, in denen unter anderem stand: „Beschreiben Sie Ihr Verhältnis zum Täter.“ Petr Cizmar wirkt nicht verbittert. Er rechnet es dem Opferbeauftragten und SPD-Politiker Kurt Beck hoch an, dass dieser ihn besuchte und half. Jüngst ging es darum, die Stadt Dresden zu überzeugen, dass David neben Schule und Hort eine Tagesmutter braucht. Die Finanzierung ist nun geregelt. Er will jetzt die Akten lesen, alle Details.

Fotos vom Anschlag gehen auch einem Anwalt nahe, der schon vieles gesehen hat

Die Informationen über den Anschlag stehen in den Dossiers der Ermittler. Um Einsicht zu erhalten, brauchen Betroffene einen Rechtsanwalt. Steffen Tzschoppe vertritt die Studentin Valeriya Bagratuni, die vor einem Jahr beide Eltern verlor. Anna und Georgiy Bagratuni schickten ihrer Tochter abends aufs Handy ein heiteres Foto vom Glühwein-Trinken auf dem Weihnachtsmarkt. Minuten später waren sie tot. Ein Paar aus der Ukraine, Mitte 40, das sich in Berlin eine Existenz aufgebaut hatte. Die Tochter wurde mit 22 Jahren Waise.

Tzschoppe: „Ich mach' das seit 20 Jahren, ich hab' ein dickes Fell.“ Er ist Mitte 50, ein Strafverteidiger, dem in diesem Job wenig Menschliches fremd ist. Doch die Fotos aus der Akte Bagratuni seien selbst ihm nahegegangen. Die gesplitterte Scheibe des LKWs. Der tote Fahrer. Erschossen. Bilder aus dem Computertomografen, die die zerschmetterten Körper zeigen. Tzschoppe hat seiner Mandantin die Akte nicht gegeben, obwohl sie danach gefragt hatte. „Das ist zu gruselig. Sie soll ihre Eltern lebendig in Erinnerung behalten.“ Valeriya Bagratuni hat ihr Zahnmedizin-Studium dank privater Spender fortgesetzt. Ihr Rechtsanwalt hat ihr geraten, eine Trauma-Therapie zu beginnen. Steffen Tzschoppe hat kein Geld für seine Arbeit genommen, eine Ausnahme. Er findet, dass sich ihm gegenüber alle tadellos verhalten haben: Bundeskriminalamt, Landeskriminalamt, die Senatsverwaltung, Versicherungen, Banken. „Ich kann nur für Valeriya sprechen. Sie hat viel Hilfe bekommen, auch altruistisch, großzügig, kulant.“

Anlaufstelle für Terroropfer statt  kaltherziger Bürokratie

Schnelle und koordinierte Hilfe für alle wünscht sich Matthias Motter. Der Tod gehört für ihn zum Leben, schon Berufs wegen. Er ist Notfallseelsorger und Pfarrer an der Berliner Zionskirche. In der Nacht nach dem Berliner Anschlag hat er in einem Feuerwehr-Bus mit Leichtverletzten gesprochen. Es waren die mit den grünen Bändchen am Arm. Die mit den schwarzen waren tot, die mit den roten ein Fall für den Notarzt.

Matthias Motter hat Menschen erlebt, die in dem Hilfs-Bus ihr Leben neu sortierten. Denen klar wurde, dass sie ein schwarzes Bändchen am Arm trügen, hätten sie nur fünf Meter weiter rechts gestanden. Er hat Angehörige erlebt, die Stunden, manchmal Tage, die Ungewissheit quälte, wer lebt und wer tot ist. „Es gibt keinen vollständigen Schutz vor solchen Katastrophen“, sagt er. Aber es gibt für ihn eine bessere Vorbereitung darauf.

Anfangs gab es große Empörung über eine kaltherzige Bürokratie und geringe Empathie für die Opfer. Kritik an Behörden-Wirrwarr wurde laut und vermisst wurde schnelle Hilfe. „Menschen, die Opfer werden, sind Menschen in einer Ausnahmesituation. Wer hat da den Nerv, seitenlange Anträge auszufüllen? Das schaffen die Leute nicht“, sagt Roland Weber, Opferbeauftragte des Landes Berlin. „Wir müssen auf die Betroffenen zugehen.“ Das sei dann mit riesigen Aufwand organisiert worden. Bei ihm hätten die Telefone nicht mehr still gestanden, erinnert sich der Anwalt mit dem Ehrenamt. Auch Kurt Beck, früherer Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, hat als Beauftragter des Bundes mit vielen Betroffenen gesprochen und Hilfen angeschoben. Der frühere SPD-Vorsitzende hat nun eine zentrale Anlaufstelle – die beim Bundesjustizministerium angesiedelt sein könnte – vorgeschlagen. Die Mitarbeiter sollten auf Opfer zugehen und ihnen bürokratische Hürden wegräumen. Auf einen Terroranschlag sei Deutschland in dem Punkt nicht gut vorbereitet gewesen, sagte Beck der dpa. Jetzt müssten Gesetzeslücken geschlossen und Opfer finanziell besser entschädigt werden.

In Berlin hat die rot-rot-grüne Landesregierung bereits eine solche Anlaufstelle für Opfer von Terrorakten oder anderen schweren Unglücken beschlossen. Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) sagte: „Es bleibt zu hoffen, dass die Anlaufstelle wenig zu tun haben wird.“

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(rt deutsch/dpa)

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