Whistleblower-Preis für Apotheken-Mitarbeiter: Illegale Profite auf Kosten von Krebspatienten

Whistleblower-Preis für Apotheken-Mitarbeiter: Illegale Profite auf Kosten von Krebspatienten
Die Gesellschaft war ihnen in dem Moment wichtiger als das eigene Leben und die eigenen Interessen. Sie haben ihre Jobs riskiert, finanzielle Nachteile in Kauf genommen, ihre Familien in schwere Lagen gebracht, um Missstände aufzuzeigen. Dafür haben sie einen hohen Preis bezahlt.

Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter. Dieses alte deutsche Sprichwort trifft Martin Porwoll mit voller Härte. Sein "Verrat" bestand darin, die kriminellen Machenschaften seines Arbeitgebers aufzudecken. Dafür bekommt er jetzt den Whistleblower-Preis 2017 verliehen – und zuvor die fristlose Kündigung seines Jobs.

Statistisch gesehen entwickelt jeder dritte Europäer im Laufe seines Lebens Krebs. In Deutschland erkranken etwa 395.000 Menschen jährlich an Krebs, davon rund 195.000 Frauen und 200.000 Männer. Die meisten Fälle treten im Alter von über 60 Jahren auf.

Bottrop, "Alte Apotheke" in Hochstraße 32: hier arbeitete Martin Porwoll, studierter Volkswirt, als kaufmännischer Leiter. Kaufmännischer Leiter? Ja, die „Alte Apotheke“ ist keine gewöhnliche Arzneimittelausgabe – sie macht 50 Millionen Euro Jahresumsatz, hat rund 90 Mitarbeiter und ist eine Onkologie-Schwerpunktapotheke. Das heißt: sie stellt Anti-Krebsmittel (Zytostatika) her.

Davon gibt es rund 250 in der gesamten Republik. Sie kauft die für eine Therapie nötigen Wirkstoffe ein, stellt für jeden Patienten je nach Verordnung ein individuelles Präparat her und liefert es ans Krankenhäuser oder an einen niedergelassenen Arzt. Die Kosten rechnet sie mit der Krankenkasse ab.

Martin Porwoll und seiner Kollegin Maria-Elisabeth Klein, pharmazeutisch-technische Assistentin, der ebenfalls am Freitag von der „Vereinigung Deutscher Wissenschaftler“ und der Deutschen Sektion der Juristenvereinigung IALANA in Kassel der Preis verliehen wird, fielen verschiedene Unregelmäßigkeiten auf.

Herr Porwoll und Frau Klein wurden zunächst unabhängig voneinander aufgrund von Äußerungen im Kollegenkreis und eigener Beobachtungen auf verschiedene Unregelmäßigkeiten in der Apotheke ihres Arbeitgebers aufmerksam: erkennbare hygienische Mängel in den Laborräumlichkeiten, vorschriftswidriges Verhalten des Apothekeninhabers – Hinweise auf verbotene Umetikettierungen und Anhaltspunkte für Panschereien mit Anti-Krebsmittel. Im Laufe der Zeit verfestigte sich so bei ihnen der Eindruck, in der Apotheke herrschen schwere Missstände. Das veranlasste sie zum Handeln“,

heißt es in der Begründung der Preis-Jury.

Nachdem Martin Porwoll genug Beweise gesammelt hatte – wie beispielsweise Belege, Rechnungen, abgerechnete Rezepte – , überlegte er mehrere Monate und erstattete schließlich Anzeige gegen seinen Chef Peter S. Seine Kollegin schaffte es ebenfalls, an einen Beweis für die Krebsmittel-Panscherei ihres Arbeitgebers zu gelangen. Aufgrund eines Rezepts wurde ein Beutel mit einer Krebsmittel-Infusion für eine onkologische Praxis in Bottrop hergestellt.

Da der Patientin das Präparat nicht hatte verabreicht werden können, bekam es Maria- Elisabeth Klein bei einer Besprechung in der Praxis zurück und brachte sie nicht ihrem Arbeitgeber, sondern zur Kriminalpolizei. Nach einer aufwendigen Analyse kam heraus: Im Beutel befand sich nicht der angebliche Wirkstoff, sondern reine Kochsalzlösung. So kam der Stein ins Rollen.

Whistleblower erhalten fristlose Kündigung

Jetzt steht Peter S. in Essen vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, in fast 62.000 Fällen Krebsmedikamente zu gering dosiert und somit gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen zu haben. Der errechnete Schaden – allein für die gesetzlichen Krankenkassen – beläuft sich laut Anklage auf rund 56 Millionen Euro. 

In Deutschland stagniert die Zahl der Neuinfektionen seit Jahren. In 2016 steckten sich nach Berechnungen des Robert Koch-Institut (RKI) 2.500 Männer und 570 Frauen mit dem Immunschwäche-Virus an. Stark betroffen ist vor allem Berlin.

Die Kehrseite der Medaille: beiden kündigte der Apotheker Peter S. während seiner Untersuchungshaft und zwar fristlos. Maria-Elisabeth Klein wurde beschuldigt, sich mit der Übergabe der Krebs-Infusion an die Polizei kriminell verhalten zu haben. Ihre Klage vor dem Arbeitsgericht endete in der Güteverhandlung mit einem Vergleich: eine Abfindung in Höhe von 1.500 Euro und das noch nicht ausgezahlte Dezember-Gehalt.

Martin Porwoll wollte sich nicht einigen und verlor in der ersten Instanz. Ihm wird vorgeworfen, privat Medikamente gekauft, sie aber nicht bezahlt haben. Laut ihm soll es aber eine Absprache gegeben haben, den Betrag mit den vielen Überstunden zu verrechnen. Aber der Arbeitgeber gibt an, sich nicht an eine solche zu erinnern. Martin Porwoll wird in Berufung gehen.

Neben ihnen erhält auch der frühere Chefredakteur der türkischen Tageszeitung „Cumhüriyet“ Can Dündar den Preis. Er wurde nach einem Bericht über eine Waffenlieferung des türkischen Geheimdienstes an islamistische Milizen in Syrien verhaftet und angeklagt. Wegen Veröffentlichung geheimer Dokumente wurde er zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Er saß in der Türkei drei Monate im Gefängnis. Seit Sommer 2016 lebt er in Berlin.

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