Altersarmut in Deutschland: Anteil der Neurentner auf Grundsicherung seit 2005 verdoppelt

Altersarmut in Deutschland: Anteil der Neurentner auf Grundsicherung seit 2005 verdoppelt
Der Paritätische Gesamtverband hat seine neuen Zahlen zur Rentenentwicklung in Deutschland präsentiert. Obwohl kurzfristig sogar ein Potenzial für eine Senkung der Beitragssätze vorhanden ist, verheißt die Analyse bereits für die 2020er Jahre wenig Gutes.

Während Unternehmensvorstände zum Teil auch jenseits der führenden Dax-Konzerne inzwischen über eine Million Euro im Jahr verdienen und großzügige Pensionen beziehen, steigt der Anteil der Rentner, die zum Überleben auf Unterstützung angewiesen sind, in Deutschland "dramatisch". So formuliert es jedenfalls der Paritätische Gesamtverband, dessen neue Zahlen zeigen, dass sich der Anteil an Neurentnern, welche auf Grundsicherung angewiesen sind, im Laufe von nur zehn Jahren gleichsam verdoppelt hat.

Dennoch ließ das Bundeskabinett am Mittwoch in Berlin eine Verordnung des Sozialministeriums passieren, wonach die Rentenbeiträge ab dem kommenden Jahr leicht gesenkt werden sollen. Die Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung, Gundula Roßbach, sprach von einer erfreulichen Entwicklung für die Beitragszahler und auch deutsche Rentner sollten profitierten - die Rentenerhöhung im Juli werde spürbar über der Preissteigerung liegen.

Jubel über Beitragssenkungen verfrüht

Verfrühtem Jubel folgt jedoch ein bitterer Nachhall, denn schon in absehbarer Zeit sollen sich die Rentenfinanzen verschlechtern. Dem ebenfalls im Kabinett beratenen Rentenversicherungsbericht zufolge dürfte der Beitragssatz schon 2023 wieder auf 18,7 und danach noch weiter steigen.

Immer mehr ältere Menschen in Deutschland sind sozial abgehängt.

Das Sicherungsniveau vor Steuern - also das Verhältnis von Renten zu Aktivlöhnen - beträgt derzeit 48,2 Prozent und sinkt nach 2024 unter 48 Prozent. Bereits 2031 dürfte das Rentenniveau auf 44,6 Prozent fallen, wenn die Politik die Weichen nicht vorher anders stellt.

Der Rückgang des Sicherungsniveaus vor Steuern macht deutlich, dass die gesetzliche
Rente zukünftig alleine nicht ausreichen wird, um den Lebensstandard des Erwerbslebens im Alter fortzuführen", so der Rentenversicherungsbericht.

Zusätzliche Vorsorge sei also nötig. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer begrüßte, dass Arbeitnehmer
und Arbeitgeber durch die Beitragssenkung um rund 1,2 Milliarden Euro pro Jahr entlastet würden.

Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass der Aufschwung die Sozialversicherung stabil hält", sagte er. Auch deshalb brauche es schnell eine handlungsfähige Regierung.

Doch Sozialverbände und Gewerkschaften kritisieren seit längerem die bereits absehbar gewesene Beitragssatzsenkung. Der Sozialverband VdK mahnte, die Finanzspielräume sollten besser für die Bekämpfung von Altersarmut genutzt werden.

"Es geht um eine langfristige Sicherung der Rentenkassen", sagte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Und während weder Ingo Kramer persönlich noch andere gutverdienende Unternehmensvorstände von Altersarmut betroffen sein werden, ist dieses Problem in Deutschland längst bittere Realität für immer mehr Rentner.

Nach Angaben des Paritätischen Gesamtverbands wird die Dynamik der wachsenden Altersarmut in Deutschland "erheblich unterschätzt". In den vergangenen zehn Jahren habe sich eine drastische Veränderung abgezeichnet: Nach aktuellen Berechnungen der Paritätischen Forschungsstelle hat sich der Anteil der älteren Menschen unter 70, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, verdoppelt.

Altersarmut bereits bittere Realität - Besonders starker Anstieg des Prekariats in Ostdeutschland

In Deutschland haben rund 80 Prozent der Bevölkerung Angst vor Altersarmut, und das zu Recht.

Lange Zeit war das Armutsrisiko älterer Menschen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung unterdurchschnittlich. Die Menschen konnten darauf hoffen, dass sie im Alter in der Regel einigermaßen abgesichert sind. Dies hat sich in den vergangenen zehn Jahren drastisch verändert: Die Armut von Rentnerinnen und Rentnern ist so stark gestiegen wie bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe. Altersarmut ist kein drohendes Problem am Horizont, sondern heute bereits bittere Realität", so Dr. Joachim Rock, Rentenexperte des Paritätischen Gesamtverbands.

Die aktuellen Zahlen wirken dabei sogar noch zu moderat angesichts der erschreckenden Dynamik. Zwischen 2005 und 2016 stieg die Armutsquote von 10,7 auf 15,9 Prozent und damit um 49 Prozent. Mit jedem neuen Rentenjahrgang steigt das Risiko, von Altersarmut betroffen zu sein, "dramatisch". Besonders stark sei dieser Trend bei Männern über 65 in Ostdeutschland auszumachen. Insbesondere bei älteren Menschen sei zudem die verdeckte Armut besonders hoch.

Im Jahr 2017 hat zudem die Altersüberschuldung stark zugenommen. Vier von fünf neuen überschuldeten Personen seien in diesem Jahr älter als 50, während der Anteil überschuldeter Senioren ab 70 sogar um rund 12 Prozent auf 194.000 angestiegen ist. 

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der SPD-Herausforderer Martin Schulz während des TV-Duells

Die Experten verlangen einen sofortigen Kurswechsel in der Alterssicherungspolitik, insbesondere eine Anhebung des Rentenniveaus und eine Reform der Altersgrundsicherung. Das Problem ist auf politische Entscheidungen zurückzuführen und damit hausgemacht.

Die rentenpolitischen Reformen der vergangenen Legislaturperioden haben erdrutschartige Verwerfungen ausgelöst. Wenn wir Armut und Bedürftigkeit im Alter heute bekämpfen und für die Zukunft verhindern wollen, müssen die politischen Weichen umgehend neu gestellt werden", so Joachim Rock. 

Oberflächenkosmetik reicht nicht mehr aus

Damit nicht noch mehr Menschen im Alter in materieller Not leben müssen, müsse die Politik die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung verbessern und gezielte Maßnahmen zur Bekämpfung von Altersarmut umsetzen. 

Seit Jahren fordern Sozialverbände und Politiker der Partei "Die Linke", dass eine Rentenreform umgesetzt wird, infolge derer auch Selbstständige und Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, wie es zum Beispiel in Österreich der Fall ist. Andere wie die AfD setzen auf eine Entlastung der Erwerbstätigen, um diesen private Vorsorge zu ermöglichen, und einen grundlegenden Paradigmenwechsel, um Mehrkindfamilien zu fördern und so dauerhaft das Verhältnis zwischen Rentenzahlern und Rentenempfängern wieder zu stabilisieren.

Es ist jetzt schon fraglich, wovon die zunehmende Anzahl an Menschen in Deutschland, deren Erwerbstätigkeit nicht einmal existenzsichernd ist, private Rücklagen bilden soll.