Rückblick Bundestagswahl 2017: Gefällige Nachrichtenkanäle

Rückblick Bundestagswahl 2017: Gefällige Nachrichtenkanäle
Sandra Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Claus Strunz (ProSieben/Sat.1) vor der TV-Debatte zwischen Angela Merkel und Martin Schulz im September 2017.
Laut dem "InfoMonitor September 2017" gab es klare Ungleichgewichte in der deutschen Nachrichtenberichterstattung im Monat der Bundestagswahl. CDU und CSU lagen deutlich vorn, AfD und FDP waren überrepräsentiert. Die Linke und alternative Parteien tauchten hingegen zum Teil gar nicht auf.

von Flo Osrainik

Nach Angaben des IFEM, dem Institut für empirische Medienforschung aus Köln, dominierte, wenig überraschend, das Thema Bundestagswahl 2017 mit insgesamt 867 Minuten die Berichterstattung der wichtigsten Nachrichtensendungen im gesamten Wahlmonat. Auf den Plätzen folgten die Hurrikanschäden in der Karibik und den USA mit 207 Minuten, der Streit zwischen den USA und Nordkorea mit 144 Minuten und die deutsch-türkische Beziehungskrise mit 87 Minuten. Das Thema Flüchtlingskrise kam auf 67 Minuten. Untersucht wurden die Tagesschau 20 Uhr, die Tagesthemen, heute 19 Uhr, das heute-journal, RTL-aktuell und die Sat.1 Nachrichten.

Der Bundestagswahlkampf lag bei allen untersuchten Fernsehsendungen auf dem ersten Platz. Zu den Schwerpunkten zählten dabei etwa Berichte vor und nach dem TV-Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD), das TV-Duell selbst oder Berichte über den Wahlkampf der einzelnen Parteien. Interessanter wird es bei der Präsenz der jeweiligen Parteien in den staatlich finanzierten (öffentlich-rechtlichen) und den beiden privaten Nachrichtensendungen.

Hier kommen die Unionsparteien CDU/CSU zusammen auf 519 Auftritte. Einzeln betrachtet teilt sich die CDU den ersten Platz mit der SPD, die jeweils auf 397 Auftritte kommen. Die CSU war 122 mal präsent, was ihr den fünften Platz einbringt. Hinter CDU und SPD und damit auf dem dritten Platz landet die im Bundestag bis dahin nicht vertretene AfD mit 134 Auftritten, gefolgt von den Grünen mit 132 Auftritten. Die bis dahin ebenfalls außerparlamentarischen FDP kommt auf 77 Auftritte und schafft es damit auf den sechsten Platz. Die zu diesem Zeitpunkt drittgrößte Partei im Bundestag und stärkste Oppositionskraft, Die Linke, wurden hingegen nur 73 Auftritte gewährt (7. Platz), während es für sonstige außerparlamentarische Parteien lediglich für zwei Auftritte reichte.

"Gegenüber dem Vormonat verbesserte sich die Position der AfD in der Rangfolge der Parteienpräsenz von Platz 6 auf Platz 3", wie es im InfoMonitor für September 2017 des IFEM heißt. Nun könnte man fragen, weshalb die bis dahin drittstärkste Kraft, Die Linke, lediglich auf dem siebten Rang, noch deutlich hinter CSU, AfD oder der FDP rangiert, doch kritische Stimmen bleiben aus. Von insgesamt 1.334 Auftritten kommt die AfD (4,7 Prozent der Zweitstimmen bei der Bundestagswahl 2013) auf etwas über 10 Prozent der Auftritte und die FDP (4,8 Prozent der Zweitstimmen 2013) auf rund 5,8 Prozent. Die Grünen (8,4 Prozent der Zweitstimmen 2013) waren mit knapp 9,9 Prozent vertreten.

Die Linke (8,6 Prozent der Zweitstimmen 2013) kommt dagegen nur auf rund 5,5 Prozent der Auftritte und andere außerparlamentarische Parteien wie die Piratenpartei, mit 2,2 Prozent der Zweitstimmen 2013 nur einen Platz hinter der AfD, die Freien Wähler oder die ödp bleiben praktisch unerwähnt. Zählt man die Auftritte der schwarz-roten Regierungskoalition zusammen (916 Auftritte), so kommt man auf knapp 69 Prozent aller Auftritte, denen rund 31 Prozent sämtlicher Oppositionsparteien gegenüberstehen.

Stellt man die Nachrichtenpräsenz der Linken und sonstiger progressiver Parteien – ödp, Piraten, Tierschutzpartei, DiB, DM, BGE und etwa der V-Partei trotz medialer Missachtung mit zusammen rund 11,2 Prozent der Zweitstimmen bei der Bundestagswahl 2017 – als Einzige, dem Neoliberalismus sowie den militärischen Interventionismus ablehnende Partei(en) dem herrschenden Kurs gegenüber, so kommt man gemäß der Zahlen des IFEM auf ein Verhältnis von rund 5,6 Prozent zu 94,4 Prozent zugunsten der "Systemparteien".

Schaut man sich die Präsenz der einzelnen Kandidaten an, so kamen die beiden Spitzenkandidaten Angela Merkel (231 Auftritte) und Martin Schulz (144 Auftritte) zusammen auf 375 Auftritte, also fast so viele, wie die Politiker aller anderen Parteien (418 Auftritte) zusammen. Auf den Plätzen folgten Horst Seehofer (CSU) mit 52 Auftritten vor Christian Lindner (FDP) mit 49 Auftritten, Sigmar Gabriel (SPD), den Grünen Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt sowie Alexander Gauland (AfD), Andrea Nahles (SPD), Frank-Walter Steinmeier (SPD), Alice Weidel (AfD), Wolfgang Schäuble (CDU), Thomas de Maiziere (CDU), Sahra Wagenknecht (Die Linke) und Frauke Petry (AfD) auf dem 15. Platz.

Auch hier taucht die Kandidatin der drittstärksten Fraktion des Bundestags, Wagenknecht, kaum auf. Die junge Welt kommt zu dem Schluss, dass die AfD "ein Liebling verantwortlicher Redakteure, vor allem in öffentlich-rechtlichen Sendern", sei, wobei es die Themen der AfD erst recht wären. Wer also "ARD oder ZDF vor der Bundestagswahl einschaltete, erhielt beigebracht, das größte Problem dieses Landes seien Zuwanderer, egal ob viele oder wenig kommen, sowie deren sogenannte Integration oder Abschiebung", so die junge Welt.