bpb-Chef Krüger: Ossis erleben Dominanz westdeutscher Eliten als "kulturellen Kolonialismus"

bpb-Chef Krüger: Ossis erleben Dominanz westdeutscher Eliten als "kulturellen Kolonialismus"
Beinahe 28 Jahre nach der Wiedervereinigung prägt die Dominanz westdeutscher Eliten auch den ehemaligen Osten. Laut Thomas Krüger, dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), wird dies als "kultureller Kolonialismus" erlebt.

Thomas Krüger, selbst früherer DDR-Bürgerrechtler, ist seit dem Jahr 2000 Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, außerdem Präsident des deutschen Kinderhilfswerks und war zuvor Senator für Familie und Jugend sowie SPD-Bundestagsabgeordneter. In einem Interview mit der "Berliner Zeitung" spricht er über die dürftige Repräsentation Ostdeutscher in öffentlichen Institutionen und verweist darauf, dass dies ein Problem in ganz Deutschland ist. Seinen Worten zufolge wird

in der Fläche die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten immer noch als kultureller Kolonialismus erlebt.

Thomas Krüger, Präsident der bpb und ehemaliger DDR-Bürgerrechtler, verweist in einem Interview auf das Problem der westdeutschen Dominanz in den Eliten

Subtile Vormacht durch Interpretationshoheit

Damit einher geht laut Krüger eine Interpretationshoheit westdeutscher Stimmen im Allgemeinen. Er bezieht sich dabei auf den italienischen Philosophen Antonio Gramsci, der insbesondere in seinen "Gefängnisheften" auf die subtilen Formen von Hegemonie eingegangen ist. Teil dieser "Herrschaftspraktiken" ist die Interpretationshoheit, mit der eine Legitimation zum Repräsentieren einhergeht.

Sprengung eines ehemaligen FDGB-Erholungsheimes in Klink nahe Waren Müritz (Mecklenburgische Seenplatte) am 28. September 2017. Das Heim wurde 1974 gebaut, nach der Wende privatisiert und in ein Hotel umfunktioniert. Jetzt muss das Hotel einem Neubau weichen.

Er selbst hat sich bei der bpb anfangs für eine Quote eingesetzt und die Anzahl der Ostdeutschen verdoppelt, von einem auf zwei – bei 200 Mitarbeitern insgesamt. Bei der Zusammenkunft prallten laut Krüger

unterschiedliche Erfahrungen und kulturelle Praktiken aufeinander.

Der bpb-Chef bejaht die Frage, ob die Adaption westdeutscher Haltungen durch Ostdeutsche in Führungspositionen - Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ex-Präsident Joachim Gauck gelten dafür vielfach als Paradebeispiele - als Grund für die Entfremdung vom ostdeutschen Herkunftsmilieu zu sehen ist, und gar für die wachsende Entfremdung der Ostdeutschen von den staatlichen Institutionen und der Demokratie. Zum einen sei das auf die Unterrepräsentation zurückzuführen, zum anderen fehlen Übersetzer kultureller Differenzen.

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Um dem Phänomen entgegenzuwirken, empfiehlt er als "adaptierter Rheinländer" den Westdeutschen auf Kölsch:

Man muss ooch mal jönne könne.

Er plädiert für das bedingungslose Aushandeln dieses Konflikts frei nach dem bekannten Agitprop-Spruch: Von den Westdeutschen lernen heißt siegen lernen.