Christian Lindner auf seiner Buchvorstellung: "Shitstorm-Kultur" gefährdet die Freiheit

Christian Lindner auf seiner Buchvorstellung: "Shitstorm-Kultur" gefährdet die Freiheit
Christian Lindner mit seinem Verleger Tom Kraushaar bei der Buchvorstellung. (19. Oktober 2017)
Im Haus der Bundespressekonferenz hat FDP-Parteichef Christian Lindner am Donnerstag sein Buch vorgestellt. Nachdem er und sein Verleger einleitende Gedanken zu dessen Entstehungsprozess dargelegt hatten, fragten die Pressevertreter noch einmal genauer nach.

Am 19. Oktober 2017 fand Christian Lindners Buchvorstellung statt. Der Titel des Werks lautet "Schattenjahre: Die Rückkehr des politischen Liberalismus" und befasst sich hauptsächlich mit der Rückkehr der FDP als politischem Faktor nach der herben Niederlage, die sie bei der Bundestagswahl 2013 erlitten hatte. Christian Lindner hielt am Tag der Buchvorstellung zum ersten Mal selbst sein eigenes Buch in der Hand.

Möchte zwar stärkeren Dialog mit Russland, spricht aber gleichzeitig von einer

Auch während des Wahlkampfs genug Zeit zum Schreiben gefunden

Die erste Frage richtete das Handelsblatt an den FDP-Vorsitzenden und thematisierte die Sondierungsgespräche zur Regierungsbildung, die am Tag vor der Buchvorstellung begonnen hatten:

Warum stellen Sie das Buch ausgerechnet heute vor, inmitten der Gespräche - gestern, heute und morgen - wenn doch gerade die Weichen für die Zukunft Deutschlands gestellt werden? Auch für die Zukunft des Liberalismus. [...] Warum haben Sie das nicht verschoben? [...] Ist es nicht wichtiger, sich inhaltlich auf die Gespräche vorzubereiten?

Christian Lindner erwiderte:

Weil das Buch am 25. Oktober erscheint. [...] Naja, Sie haben ja gemerkt, dass ich das Buch auch während des Wahlkampfes, in dem ich auch aktiv war, habe verfassen können. Deshalb dürfen Sie mir vertrauen, dass die inhaltliche Vorbereitung von Sondierungsgesprächen durch die ungefähr 59 Minuten, die diese Vorstellung beansprucht, nicht beeinträchtigt werden.

Den ersten Teil des Buches legte Lindner "szenischer" an, um die Aufarbeitung der jüngsten FDP-Geschichte zu gestalten und sich ihr letztendlich zu stellen. Im Mittelteil geht der Blick stark nach innen und beschreibt politisch-inhaltliche und methodische Fragen der FDP. Das Buch nimmt das Tempo wieder auf, sobald es darum geht, wie sich die FDP ab dem Jahr 2016 erneut in die politische Auseinandersetzung einbringen konnte, so Lindner zur Struktur des Werkes.

Ein weitere Journalistin fragte den frischgebackenen Bundestagsabgeordenten zu der zuvor von ihm selbst genannten Buch-Passage betreffend der "politischen Mitbewerber", besonders der Grünen:

Sie monieren die grüne Steuerungseuphorie auf Seite 315, [...] Sie monieren auch, dass die Grünen meinen, das Recht zu haben, zu sagen, wie Sie zu leben hätten. Deshalb kam 2013 keine Koalition zu Stande. Was veranlasst Sie zu der Annahme, dass dieses Denken überwunden ist?

FDP-Chef Christian Lindner, Wien, Österreich, 11. Oktober 2017.

"Grüne Ideologie will den anderen Menschen"

Darauf antwortete der FDP-Politiker wie folgt:

Ich führe das ja ein bisschen weiter aus: [...] Ich spreche davon, dass der Liberalismus einen Prozess und ein offenes Gesellschaftsbild hat. [...] Dass auf der anderen Seite insbesondere die Grünen von einem gesellschaftlichen Endzustand ausgehen. Es ist auch noch die alte Wurzel aus der weit, weit links platzierten Bewegung der Grünen, die aus den neuen sozialen Bewegungen in den siebziger Jahren stammt. Das ist ein gesellschaftlicher Endzustand, utopisches Denken, und wer utopisches Denken hat, geht vom anderen Menschen aus. Er muss ihn dorthin bringen, führen, erziehen. Da wird der Staat ein Instrument einer solchen Entwicklung.

Nach dieser interessanten Antwort hatte auch RT Deutsch um eine erweiterte Stellungnahme zum Thema gebeten, besonders im Hinblick darauf, dass nun, trotz dieser großen geschilderten weltanschaulichen Kluft dennoch eine Koalition zwischen der FDP und den Grünen in Sicht zu sein scheint. Zur Frage von RT Deutsch gehörte außerdem der Wahlspruch Lindners, "Chancen durch Freiheit", sein Freiheitsbegriff generell und was diese bedroht. Der Autor von "Schattenjahre" erläuterte dazu:

Wo sind die Hauptherausforderungen bei der Freiheit? Ich hab es ja eben schon mit diesem Wort "360-Grad-Liberalismus" zu erklären versucht. Aus meiner Sicht ist es ein Bürokratismus, ein Umverteilungsstaat, der durchaus in seinem finanziellen Anspruch aus der Kontrolle geraten zu sein scheint. Es sind Kapitalmärkte, die nicht geordnet sind, die den Einzelnen machtlos machen. Es sind die machtvollen Silicon-Valley-Konzerne, die die Regeln des Spiels diktieren können und deshalb soziale Marktwirtschaft, mit ihrem fairen Wettbewerb, deformieren können. Es ist eine "Shitstorm-Kultur", es sind autoritäre Gesellschaften, die nicht mehr die liberale Demokratie prägen, sondern autoritäre Gesellschaftsbilder haben. [...] Es gibt vielfältige Bedrohungen der Freiheit, auf die man reagieren muss.